RÖMERSTADT AUGUSTA RAURICA
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1700 Jahre unberührt!
Das geheimnisvolle unterirdische Gewölbe von Augusta Raurica
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Ab nächsten Sonntag kann die Unterwelt von Augusta Raurica besichtigt werden! - Bei der Freilegung einer römischen Badeanlage brach 1998 ein Kleinbagger ganz unerwartet in einen Hohlraum in der Erde ein. Dieser Hohlraum erwies sich als ein 4 Meter hoher, vollständig erhaltener unterirdischer Kuppelraum mit einem Sodbrunnen - ein Brunnenhaus, das seit 1700 Jahren niemand mehr betreten hatte. Heute kann der unterirdische Raum wie zur Römerzeit durch den 12 Meter langen Zugangstunnel wieder betreten werden.

Offen ist die Frage, weshalb man für einen Sodbrunnen eine derart aufwändige Baustruktur geschaffen hat. Einzig soviel ist sicher: Das kleine Brunnenhaus ist in seiner einmaligen Erhaltung sensationell - nicht nur für Augusta Raurica, sondern für alle römischen Provinzen nördlich der Alpen.

Rätselhaft sind auch die Funde aus dem Brunnenhaus. Wie starben die fünf Menschen, die zur Römerzeit in den Brunnen geworfen worden waren und auf deren Skelette die Augster Archäologen bei der Ausgrabung stiessen? Wieso befanden sich im Brunnen gegen 6000 Förmchen, in denen Münzen aus dem 3. Jahrhundert nachgegossen worden waren? In der Unterwelt von Augusta Raurica ist man offensichtlich einem antiken Kriminalfall auf der Spur!


Erde verschluckt Kleinbagger

Im Mai 1998 kam es innerhalb einer grossen archäologischen Notgrabung im Werkhofareal der Baufirma E. Frey AG in Augst zu einer einmaligen Entdeckung: bei routinemässigen Arbeiten brach der eingesetzte Kleinbagger in einen Hohlraum ein. Bei der weiteren Freilegung von Hand kam ein halbkugelförmiger «Lehmhaufen» zutage, der sich bald einmal als die Oberseite eines überkuppelten Raumes erwies, der mehrere Meter tief über alle Jahrhunderte seit der Römerzeit unbeschädigt erhalten geblieben war. Durch Belüftungsschächte konnte von Auge und mit Hilfe einer ferngelenkten Kamera ein Blick ins Innere geworfen werden. Die Einmaligkeit des Fundes führte schnell zu Verhandlungen mit dem Eigentümer des Areals. Ernst Frey war spontan bereit, die Erhaltung und Erschliessung des Monuments zu ermöglichen, indem er einem Erwerb des Areals durch den Kanton Basellandschaft zustimmte. Im Mai 1999 wurde das Geschäft vom Landrat gebilligt.


Ein archäologischer Krimi

Die Gewölbeanlage wurde 1999 vollständig untersucht. Der unterirdische Raum war etwa zur Hälfte mit Schutt angefüllt, der noch in römischer Zeit von oben durch den engen Brunnenschacht hineingeschüttet worden ist. In diesem Erdmaterial warteten Überraschungen auf die Ausgräber. Zutage kamen darin doch Skelettteile von fünf Menschen. Eine Hiebspur an einem der vielen Menschenknochen - verursacht durch ein Schwert oder Beil - weist auf Gewalttätigkeiten hin. Der Fundort als solcher zeigt ausserdem, dass es sich nicht um reguläre Bestattungen gehandelt haben kann.

Als einmalig darf auch der zweite Überraschungsfund gelten: Im Schutt kamen gegen 6000 Tonförmchen zutage, in denen Münzen gegossen worden sind - ob offiziell gebilligt oder in krimineller Absicht, wissen selbst die Fachleute noch nicht. Es handelt sich um Abformungen von offiziellen Münzen aus der ersten Hälfte des 3. Jahhrhunderts n. Chr. Zwar sind in Augst schon mehrfach solche Förmchen gefunden worden, aber im ganzen Römerreich noch nie in dieser Menge.

Der Schutt enthielt ausserdem Knochen von etlichen Hunden und anderen Tieren sowie einige qualitätvolle Architekturteile römischer Säulen. Vielleicht sind die Archäologen der Römerstadt hier einem antiken Kriminalfall auf der Spur?


Gebaut für die Ewigkeit

Die bauliche Ausführung des Brunnenhauses darf als eigenwillig gelten und ist weitherum einmalig. Und das Bauwerk ist so stabil ausgeführt, dass jahrzehntelang darüber hinweg fahrende Lastwagen ihm nichts anhaben konnte. Offen ist die Frage, weshalb man für diesen Sodbrunnen, an dessen Grund noch heute Wasser austritt, eine derart aufwändige Baustruktur geschaffen hat.

Seit zwei Jahren und noch während der Ausgrabungen wurden die Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten an die Hand genommen. Dazu gehörte die Konservierung und Aufmauerung einst hoher Hangstützmauern, welche vor 1800 Jahren die Gebäude gegen den Kastelen-Hügel gesichert und das Aussehen des Quartiers zwischen Hügel und Fielenriedstrasse geprägt haben. Etwa 15 Meter dieser Mauern in der Nordecke wurden neu aufgebaut, da sie beim Bau eines modernen Kiessilos zerstört worden sind. Mit den Aufmauerungen sind die antiken Fundamente geschützt und die Monumente für die Besucherinnen und Besucher wieder sichtbar gemacht worden.

Die unterirdische Gewölbekammer mit dem Sodbrunnen waren so gut erhalten, dass sich die Restaurierung auf das Ausfugen und den Ersatz herausgebrochener Bausteine beschränken konnte. Die verrotteten römischen Holzbretter in den Nischen mussten ersetzt werden. Im steil hinabführenden Zugangstunnel war eine in der Antike eingebrochene Stelle neu zu überwölben, und das Eingangsportal musste teilweise rekonstruiert werden. Die notwendigen Beleuchtungseinrichtungen und andere Zutaten wie Zugangstüre und Abschrankungen wurden so eingebaut, dass die antike Bausubstanz nirgendwo tangiert wird.

Das im gleichen, jetzt eröffneten Areal liegende Badegebäude wurde ähnlich gesichert wie die Stützmauern. Auch hier haben die Restauratoren oberhalb der antiken Mauerkronen eine Schicht neuer Kalksteine aufgemauert; die originalen Reste sind mit Absicht unter dem neuen Bodenniveau verschwunden, um ihre Erhaltung zu gewährleisten.


Eine neue Besucherattraktion in der Römerstadt

Zusammen mit dem Architekten wurde ein Konzept erarbeitet, um das Ruinengelände und das Brunnenhaus zu einem weiteren attraktiven Besuchsziel in der Römerstadt Augusta Raurica werden zu lassen. Die Verantwortlichen verfolgen seit geraumer Zeit für ihre Infrastruktur- und Schutzbauten ein einheitliches gestalterisches Konzept. Nachdem bereits 1995 ein Schutzdach über einer Hypokaustanlage (Speisesaal mit Bodenheizung) und 1998 ein weiteres über der Curia (römisches Rathaus) errichtet worden waren, hat wiederum das Architekturbüro Hartmann & Stula auf dem benachbarten Ausgrabungsfeld am Rand des Tiefbauwerkhofes im gleichen Stil und mit analoger Materialisierung ein Fussgängersteg aus Stahl errichtet. Dieser stellt den wichtigsten und augenfälligsten Teil der von den Architekten über das gesamte Ausgrabungsfeld konzipierten neuen Besucherführung mit Wegen, Treppenanlagen, Stützmauern und Rampen dar. Die Lage des Stegs und der dazugehörenden Wendeltreppe sowie der begleitenden Wege richtet sich nach einer eigenen geometrischen Ordnung, was durch diagonale Überbrückungen und sich verjüngende bzw. erweiternde Raumsequenzen zwischen Alt und Neu einen spannungsvollen Kontrast zur archäologischen Substanz ergibt. Eine unaufdringliche Gestaltung der neuen Elemente und eine zurückhaltende Farbgebung unterstützen das Einbinden in die Gesamtanlage.


Ausblicke und Einblicke

Heute befindet sich das soeben erschlossene Ruinenareal in einem ruhigen Winkel der Römerstadt. Vor 1800 Jahren verlief hier jedoch eine Hauptverkehrsachse durch ein lebendiges Quartier mit Geschäftslokalen und Wohnhäusern. Zwei vor Ort instalierte Zeichnungen zeigen und erläutern das Gelände, wie man es vor Auge hat und wie es zur Römerzeit hätte ausgesehen können. Kurze, animierte Texte in deutscher, französischer und englischer Sprache helfen dabei, sich das Leben im Quartier bildlich vorzustellen.

Der Fussgängersteg bietet nicht nur Zugang zum unteridischen Brunnenhaus, sondern auch eine Aussichtsplattform für das ganze Areal mit der Badeanlage. Durch den Einsatz unterschiedlicher Bodenmaterialien und -farben werden die verschiedenen Ruinenbereiche hervorgehoben: Grüne Wiese markiert den Aussenbereich, grauer Kies die Innenräume, roter Kies dagegen die einst geheizten Räumlichkeiten der Badeanlage.


Des Rätsels Lösung muss noch warten

Da das Fundmaterial aus dem Brunnenhaus zur Zeit noch erforscht wird, beschränken sich die bisher installierten Informationstafeln auf die sichtbaren Gebäudeteile: das Bad und das unterirdische Gewölbe. Die vielen geborgenen Funde werden bei der «Lösung des Römer-Krimis» eine entscheidene Rolle spielen; sie sind die Indizien der Archäologen und Archäologinnen. Erst vor wenigen Wochen hat die chemische Analyse des Brunnenwassers durch das Kantonale Labor in Liestal einen weiteren Hinweis ergeben: das Wasser ist schwefelhaltig - was an gewissen Tagen auch zu riechen ist! Mit Hilfe der Funde, der naturwissenschaftlichen Untersuchungen und unter Anwendung kriminalistischer Methoden sollen der Zweck des Brunnens und der Badeanlage sowie das Wirken von Mördern und Münzfälschern vor 1700 Jahren erhellt werden - eine intensive Forschungsarbeit steht also noch bevor!




«Römerfest 2000»

Eröffnung des neuen Freilicht-Ruinenareals mit dem unterirdischen Brunnenhaus

Mit dem «Römerfest 2000» am Sonntag, 27. August, wird das 1998 entdeckte unterirdische Brunnenhaus zusammen mit seiner Umgebung als neuer Bestandteil des Freilichtmuseums der Römerstadt Augusta Raurica der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Aus dem Festprogramm:
Gladiator mit Raubkatzen, grosses Spielareal für Jung und Alt, Mythen und Orakel, antikes Stadtleben live, Speis und Trank nach römischen Rezepten u.v.a.m. (Festbetrieb von 10 bis 17 Uhr im Gebiet oberhalb des Römermuseums in Augst.

Eröffnungskonzert:
Sonntag 10.30 Uhr: Eröffnungskonzert im Rahmen der bekannten «Augusta Konzerte» mit der SMB-Big Band unter der Leitung von Thomas Möckel und mit der Sängerin Bonny G. Taylor

 

Texte von Jürg Rychener (Ausgrabungsleiter), Donald Offers (Ruinenrestaurator), Darko Stula (Architekt), Cathy Aitken (Bildung & Vermittlung) und Alex R. Furger (Leiter Römerstadt)


Medientext zur Einweihungsfeier in der Römerstadt Augusta Raurica am Montag, 21.08.2000, 10.00 Uhr


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