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"Schöner Wohnen" in Augusta Raurica?
 

Heute sind die Möbelhäuser und Farbprospekte voll von Einrichtungsgegenständen in einer nie gekannten Vielfalt: schrille Kunststoff-Küchensets, sündhaft teure Stahlrohr-Designermöbel oder Währschaftes aus Holz von nordisch-tannig-jung bis problematisch-tropisch. Unsere vollmöblierten Wohnungen sind Ausdruck einer Wohlstandsgesellschaft: Wer viel hat, braucht viel Stauraum. Eine Ausnahme ist nur in geräumigen Lofts mit wenigen Designermöbeln auszumachen ...

Wie aber war das in früheren Kulturen, etwa zur Römerzeit? Was bleibt vom vertrauten Heim, vom Hausrat und Mobiliar übrig nach 2000 Jahren? Diese Frage hatte am Anfang einer vierjährigen Forschungsarbeit in der Römerstadt Augusta Raurica (Augst bei Basel) gestanden, über die soeben ein ausführliches Buch erschienen ist (siehe Kasten).

In dieser Studie untersucht die Archäologin Emilie Riha sämtliche Reste des antiken Mobiliars einer antiken Stadt bis ins Detail. Ausser in Herculaneum, der bekannten Stadt am Fusse des Vesuvs bei Neapel, wo sich viele verkohlte Holzmöbel dank des Vulkanausbruchs im Jahre 79 n. Chr. erhalten haben, hat dies bisher noch niemand getan. Was bis heute ebenfalls fehlte, waren quantitative Ansätze: Man kannte weder die Häufigkeit von Möbeln in römischen Wohn- und Gewerberäumen noch ihre Verbreitung in den verschiedenen Stadtquartieren noch wusste man, welche Möbeltypen die Schreiner, die wir von vielen Grabreliefs und -inschriften kennen, hergestellt haben.

Die Autorin stellte sich zu Beginn ihres Forschungsprojektes anhand der Funde aus der Römerstadt im heutigen Augst und Kaiseraugst folgenden Fragen: Wie hat man vor über 50 Generationen, in der Römerzeit, gewohnt; wie sahen die Möbel von damals aus? Das grosse Handicap dabei ist allerdings, dass die Archäologen in ihren Ausgrabungen hierzulande fast nie Möbel finden - kein Wunder, hat sich doch in der Regel kein Holz im Boden erhalten können.

Die Autorin hat sich bei der Behandlung des Themas auf die unvergänglichen, meist unscheinbaren Teile von Möbeln konzentrieren müssen, also auf Funde aus Eisen, Bronze oder Knochen. Dabei stellt sich immer wieder die Frage, was überhaupt Möbelteile sind, denn viele Fundgegenstände können unterschiedlichen Zwecken gedient haben, wie zum Beispiel Zierknöpfe, kleine Büsten, Splinte, Scharniere, Schlösser usw. Es mag an der Seltenheit von Möbelteilen aus Metall liegen, dass beim Durchforsten der über 50 000 Metallfunde in den Depots des Römermuseums Augst kaum Hinweise auf Tische, Stühle und Betten aus dem ansonsten so überaus reichen Fundmaterial dieser einstigen Grossstadt mit 20 000 Einwohnerinnen und Einwohnern zu gewinnen sind. Die Mehrzahl der Scharniere, Beschlagbleche, Griffe und Schlossteile - immerhin 696 katalogisierte Einzelteile - stammt vielmehr von Kästchen, Truhen oder Schränken, die in einer römischen Siedlung vergleichsweise häufig gewesen sein müssen. Die auffallend zahlreich belegten Kästchen und Schatullen dienten Frauen und Männern als Behältnisse für Schmuck- und Wertsachen. Sie scheinen charakteristische Stücke im ansonsten eher spärlichen Mobiliar gewesen zu sein, begegnen sie uns doch häufig auch auf Reliefs, gerade in den gallischen und germanischen Provinzen nordwestlich der heutigen Schweiz.

Demgegenüber sind kaum Zeugnisse von grossen Schränken, Betten und dergleichen - die für uns heute so selbstverständlich sind - im archäologischen Fundmaterial vorhanden. Einzig einige wenige, sorgfältig gearbeitete runde Tische und verzierte Bänke aus Stein, die sicher in den vornehmeren Haushalten gestanden haben, haben die Zeiten überdauert. Fazit: Die Menschen vor über 50 Generationen lebten in sehr spärlich möblierten Wohnungen; Schränke und eigentliche Bettgestelle gab es fast nicht, man besass offensichtlich viel weniger Hausrat als heute, die Habseligkeiten wie Kleider und Decken verstaute man in Truhen und die kleinen Wertsachen in verzierten Kästchen und Schatullen.

Die neue Studie konnte nachweisen, dass viele solcher Kästchen und Truhen in Augusta Raurica selbst hergestellt worden sind. Dies bezeugen zum Beispiel ein Gussmodell aus Blei für Zierbüsten, Werkstattabfälle verschiedener Bronzescharnierformen und jede Menge von Abschnitten und Schmiedeabfällen von Eisenscharnieren und Truhenbeschlägen. Demgegenüber sind besonders grosse Truhen - vermutlich als «Einwegverpackungen» für anderes Handelsgut - aus dem Mittelmeerraum importiert worden, deren grossteilige Scharniere aus Rinderknochen nur von dort gezüchteten Tieren stammen können.

Mit der Wahl dieses neuen und arbeitaufwändigen Themas hat Emilie Riha erneut ihr Gespür für «wissenschaftliche Marktlücken» bewiesen. Bereits die fünf früheren Fundstudien der gestandenen Autorin sind wegen ihrer Repräsentativität und der Reichhaltigkeit des Fundmaterials in Fachkreisen zu viel zitierten Standardwerken geworden. Das hier angezeigte Fachbuch über die Möbelteile aus Augusta Raurica enthält exakte Zeichnungen aller Funde aus Augusta Raurica und einige eindrückliche Rekonstruktionszeichnungen von Schatullen und Kästchen mit reichen Beschlägen und Verzierungen.

Alex R. Furger


Kästchen, Truhen, Tische - Möbelteile aus Augusta Raurica
von Emilie Riha
Forschungen in Augst, Band 31. Verlag Römermuseum Augst (Augst 2001).
191 Seiten, 146 Abbildungen und 49 Fundtafeln mit 696 Katalognummern.
Mit ausführlicher Zusammenfassung in Deutsch, Französisch und Englisch.
CHF 100.-, ISBN 3-7151-0031-1.

(zu beziehen über den Buchhandel oder bei Schwabe & Co. AG [Buchauslieferung, Farnsburgerstrasse 8, CH-4132 Muttenz, Tel. 061 467 85 75, Fax 061 467 85 76, E-mail: auslieferung@schwabe.ch] oder an der Kasse des Römermuseums in Augst)


Bildlegenden zu den bereit gestellten Fotos und Digitalbildern*:



Typischer Kastenhenkel oder Truhengriff mit zwei stilisierten Delphinen aus Bronze. Mit den beiden spitzen Splinten (oben) wurde der Henkel im Holz des Möbels befestigt.
(Foto Römerstadt, O. Pilko)



Zierblech mit geometrischem Durchbruchmuster und aufgesetzter kleiner Ente. Besonders an Schatullen für Wertsachen und Schmuck liebte man solche Dekors.
(Foto Römerstadt, U. Schild)

  
* Rekonstruiert aus Einzelteilen, die zusammen in einem Gebäude von Augusta Raurica gefundenen wurden: römisches Kästchen mit Zierblech (mit Ente), Griff (mit zwei Delphinen) und Scharnier.
(Zeichnung Römerstadt, St. Bieri)
 
  
* Schwer zu tragen hat dieser 13 cm hohe Triton aus Bronze. Der wunderbare Möbelfuss aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. stammt aus Augusta Raurica.
(Foto Römerstadt, O. Pilko)







Made in Augusta Raurica: Solche Scharniere aus Bronze wurden nachweislich in lokalen Bronzegiesserwerkstätten gefertigt und an die Möbelschreiner verkauft.
(Foto Römerstadt, U. Schild)

Fax-Bestellungsformular [28KB; PDF-Datei]
für ein Rezensionsexemplar des Buches:
"Kästchen, Truhen, Tische - Möbelteile aus Augusta Raurica"


Bilder für die Presse mit besserer Auflösung im TIF-Format:
Möbelfuss [119KB] || Kästchen mit Zierblech [163KB]


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