Abbildung: Übersicht von Süden aus dem Fotokorb auf die Grabung Wacht/Künzli (2006.004).
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Ausgrabungen in Kaiseraugst
Forschungsgrabung „Auf der Wacht" 2011-2013
Foto: Ausgrabungen Kaiseraugst, Stephan Wyss

Auf der grossen Wiese in der Flur „Auf der Wacht" soll mittelfristig eine Überbauung entstehen. Die Grundeigentümer, Kanton Aargau und Einwohnergemeinde Kaiseraugst, haben beschlossen, diese archäologisch wichtige Fläche so weit wie möglich zu schützen. Für das vorgesehene
Überbauungsprojekt soll deshalb bloss ein Drittel der Gesamtfläche ausgegraben werden, während im zweiten Drittel nur über die archäologischen Kulturschichten gebaut werden darf und das letzte Drittel als Freihaltefläche Grünland bleiben soll. Oberstes Ziel ist, dass die
erstgenannte Fläche ohne zeitlichen Druck, möglichst gut und unter Einbindung der Naturwissenschaften ausgegraben wird. Während sechs Wochen im Juni/Juli wird eine Lehrgrabung der Universität Basel (Vindonissaprofessur) in die laufende Grabung integriert, um zukünftige
Archäologen zu schulen.
Voraussichtliche Dauer:
Die erste Etappe dauert vom 4. April bis zum 28. Oktober 2011. Es sollten dann noch zwei bis drei weitere Grabungskampagnen stattfinden.
Was erwartet uns?
Mittlerweile kennen wir die römischen Strukturen in diesem Gebiet von Augusta Raurica relativ gut. Es handelt sich um ein Quartier mit Siedlungscharakter, wo aber Handel und Gewerbe sehr präsent sind. Die Strassen sind in einem langgezogenen Schachbrettmuster angeordnet und
bilden sogenannte insulae (Abb. 1). Die Gebäude stehen entlang der Strassen, während der mittlere Bereich dieser insulae von den Hinterhöfen eingenommen wird.
Die letzte grössere Ausgrabung, unmittelbar östlich von unserer zukünftigen Grabungsfläche, fand im Jahre 2006 statt. Vom Ende des 1. Jh. bis in die Mitte des 3. Jh. wurden dort die schmalen, langgezogenen Häuser immer wieder an Ort und Stelle erneuert, zuerst in Holz und
Lehmfachwerk-Technik, später in Stein. Als letztes wurde ein grosser, parzellenübergreifender Steinbau errichtet. Der Hinterhofbereich wurde damals nicht ausgegraben. Wir können davon ausgehen, dass wir auf ähnliche Befunde stossen werden.
Führungen:
Wir geben Ihnen gerne auf der Grabung Auskunft. Für Gruppenführungen können Sie sich direkt an uns auf der Grabung wenden oder sich per Telefon (079 935 55 76 oder 079 777 67 44) anmelden. Bitte beachten Sie, mindestens drei Arbeitstage vor der Führung mit uns Kontakt
aufzunehmen.
Da die Grabungsfläche noch Lücken aufweist, die in den kommenden Jahren ergraben werden sollen, werden hier nur einzelne Befunde herausgepickt und vorgestellt. Wir verzichten auf eine Vorstellung der gesamten Siedlungsdynamik dieses Quartiers, was aber am Ende der letzten Etappe das spannendste sein wird in diesem rund 1400 m2 grossen Areal.
Anhand eines Teils der Grabung soll trotzdem als Beispiel auf die lokale Relativchronologie eingegangen werden. Im mittleren Felderstreifen konnten drei Bauzustände nachgewiesen werden: ein älterer Holzbauzustand mit mindestens zwei Räumen, in welchem je eine Feuerstelle vorgefunden wurde (Abb. 1). In einem Raum konnte auch eine ältere Bauphase mit einer kleinen Schmiede nachgewiesen werden. Darüber lag ein jüngerer Holzbauzustand mit bloss einem Raum, auch mit einer Feuerstelle ausgestattet. Schliesslich wurde noch ein steinbauzeitlicher, seitlicher Hof mit einem Sodbrunnen und einer Abfallschicht mit zahlreichen abgesägten Hornzäpfen dokumentiert (Abb. 2). Letztere bezeugt von einer Hornverarbeitungswerkstatt im davon südlich gelegenen Steinbau.
Dieses Steingebäude ist wider erwarten kein Streifenhaus, sondern ein eher grosszügig angelegtes Gebäude, wovon beinahe nur die Fundamente noch erhalten waren. Einzig im dazugehörigen unterirdischen Raum war das aufgehende Mauerwerk bis zu einer Höhe von 1.9 m hoch erhalten (Abb. 3). Der quadratische Raum war mit drei halbrunden Lichtnischen und drei Holzschränke versehen.
Zwei kleine Töpferöfen (Abb. 4), einen rechteckigen und einen runden, gehörten zu einer kleinen Töpferei, die in die Mitte des 3. Jh. anzusetzen ist, als gewisse Mauern (des seitlichen Hofs?) bereits ausgeraubt waren. Eine der Bedienungsgruben war mit Ausschussware (Teller und Schüsseln) verfüllt.
Besonders spannend sind mehrere Befunde aus der Spätantike: einerseits konnte ein Schotterweg nachgewiesen werden, der völlig anders orientiert war als die Strukturen der mittelkaiserzeitlichen Nordwestunterstadt. Woher dieser Weg kam und wohin er führte, ist leider nicht bekannt. Andererseits kam in unmittelbarer Nähe des Wegs eine grosse Lehmabbaugrube zutage. Solche Befunde wurden in den letzten Jahren mehrmals vorgefunden. Durch das genaue Dokumentieren des in Kaiseraugst flächendeckend vorhandenen Reduktionshorizontes konnten zum ersten Mal, mit Ausnahme der Raubgrabenverfüllungen, Spuren vom Steinraub an bestehende Mauern beobachtet werden. Es handelt sich dabei um Karrenspuren, deren schwere Lasten ein Einsinken in den morastigen (?) Boden verursacht haben. So bildeten sich kleine parallele Gräbchen, die mit dem Reduktionshorizont verfüllt wurden. Eine Datierung für die Gräbchen liegt nicht vor. Im Reduktionshorizont ist stark vermischtes Fundmaterial enthalten. Die Münzen sind aber alle spätantik. Diejenigen aus dem äussersten Ende des 4. Jh. sind sogar so zahlreich, dass eine Begehung des Geländes auch zu Beginn des 5. Jh. postuliert werden kann.
Seit dem 14. Juni kann die Stammequipe auf Verstärkung von 18 Studentinnen und Studenten und dessen Professor der Vindonissa-Professur der Universität Basel zählen, denn diese werden bis am 22. Juli ein Praktikum in Feldarchäologie absolvieren. Wir haben somit auch mehr Fläche geöffnet, sodass zahlreiche neue Erkenntnisse über das auszugrabende Quartier (Abb. 2) gewonnen werden konnten.
Wir wissen noch nicht, wie die ersten (zu unterst liegenden) Häuser hier ausgesehen haben, weil wir uns von oben nach unten, also vom Jüngsten zum Ältesten, heranarbeiten. Im Folgenden werden nun unsere Resultate in der gleichen Reihenfolge präsentiert:
Über die ganze Grabung, wie übrigens im ganzen römisch überbauten Kaiseraugst, haben wir einen Reduktionshorizont gefasst, der einen Deckel zum Römischen bildet. Die Entstehung dieser kiesigen, kalkbruchsteinigen Schicht ist noch nicht ganz klar. Es handelt sich wohl um eine Mischung von verschiedenen Handlungen: Ausrauben von ruinenartigen Mauern, Begehen der Fläche, Brachliegen, etc. Gelegentlich konnten parallele kleine Gräben beobachtet werden, die wir als Wagenspuren von mit geraubtem Steinmaterial beladenen Karren interpretieren.
Der Spätantike, wohl im Laufe des 4. Jahrhunderts, kann ein Weg zugeschrieben werden, der vorwiegend aus kleinteiligem Schuttmaterial (Kalkbruchstein- und Ziegelfragmente) und etwas Kies besteht. Für diesen im Südwesten gelegenen Schotterweg wurden vorgängig die Quartier(insula)-Mittetrennmauer und eine apsidenförmige Mauer abgebrochen. Der Weg selbst ist auch ganz anders orientiert als alle anderen Strukturen (Häuser, Strassen) in diesem Quartier.
Östlich dieses Schotterwegs arbeiten wir zurzeit an einer sehr grossflächigen Grube aus einer ähnlichen Zeitstellung, die allem Anschein nach aber nicht sehr tief in den Boden reicht.
Zwei kleine Töpferöfen aus der 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts waren in Betrieb, als dort keine Häuser mehr standen. Letztere wurden bis auf die Fundamente abgebrochen. Ofen 1 ist rechteckig und liegt am Rande der Strasse, die immer noch benützt wurde. Er wurde nach seiner Aufgabe partiell zerschlagen. Der birnenförmige Ofen 2 (Abb. 3) liegt im rechten Winkel zum anderen. In der Verfüllung seiner Bedienungsgrube (wo eingefeuert wurde), lagen zahlreiche Schüsseln und Platten, die wohl als Ausschussware der hier gebrannten Keramik zu deuten sind. Der Bereich weiter westlich scheint als Abfafalldeponie gedient zu haben, wo unter anderem zwei Pferde in eine Grube entsorgt wurden. Es sei noch darauf hingewiesen, dass in der Nähe der aktuellen Grabung früher noch weitere Öfen aus dem 3. Jahrhundert zutage kamen.
Von der eigentlichen typischen Überbauung mit den sogenannten Streifenhäusern (Schema: langgezogene Häuser mit der kleinen Seite gegen die Strasse und einem Hinterhof, der bis zur Quartier[insula]-Mitte reicht) sind von der Steinbauphase bloss noch die Fundamente und die bauzeitlichen Schichten erhalten, sodass eigentlich nicht viel darüber berichtet werden kann. Als Besonderheit kann man jedoch einen Hof erwähnen, der diesmal seitlich (und nicht im rückwärtigen Bereich) eines Steinhauses lag und einen Zugang zur Strasse hatte. In diesem Hof steht ein Sodbrunnen, der zurzeit bloss bis in einer Tiefe von 1 m geleert wurde. Aus anderen Grabungen in der Nähe weiss man, dass der Brunnen etwa 6 m tief trocken gemauert ist und dann noch ca. weitere 8 m in den Fels gehauen ist. Andererseits findet man auch eine flächendeckende Schicht mit flach liegenden Keramikscherben und abgesägten Hornzäpfen (Abb. 4) in diesem Hof. Dies bezeugt, dass in unmittelbarer Nähe im grossen Stil Horn verarbeitet wurde und die nicht brauchbaren Resten im Hof entsorgt wurden.
Wir kennen im Moment nur Ansätze von den wahrscheinlich in Holz und Lehmfachwerk gebauten Vorgängerbauten. Es handelt sich meist um Kieselböden und in einem Fall um eine Steinsetzung, die als Balkenlager gedient haben muss. Im Norden der Grabung gab es in einem solchen Gebäude wahrscheinlich einen Brand, der durch verziegelter Lehm (vom Fachwerk) und Holzkohle belegt ist.
Ein sehr gut erhaltener in Stein errichteter Keller muss man nach den aktuellen Erkenntnissen ebenfalls einer dieser früheren Streifenhäuser zurechnen. Es ist im Moment noch unklar, ob er während der nachfolgenden Steinbauphase noch in Gebrauch war. Die Ost-West-Ausdehnung beträgt 4.6 m, während die Breite noch unbekannt ist (bisher 1.6 m ausgegraben). Der Keller ist noch bis 1.5 m hoch erhalten. Der weisse Kalkverputz ist noch zu grossen Teilen erhalten, wie auch der Ansatz einer kleinen halbrunden Nische (Abb. 5). Der Eingang konnte im Osten des Raumes noch knapp gefasst werden. Dieser wurde vor der Steinbauphase jedoch aufgegeben, was nicht heissen muss, dass der Keller während der Steinbauphase nicht benützt wurde. Entweder hat man einen anderen Eingang gebaut oder dann erreichte man den Keller von oben her durch eine Luke.
Nun sind die obersten Strukturen in zwei Felderreihen freigelegt worden. Ab dem 14. Juni werden die Studenten der Vindonissaprofessur der Universität Basel zu unserem Stammteam dazustossen, sodass wir eine dritte Felderreihe öffnen werden. Mit insgesamt beinahe 30 Personen auf der Ausgrabung sollten die Arbeiten ziemlich rasch vorangehen.
In der südlichsten Reihe haben wir den kiesigen Belag der Gwerdstrasse freigelegt. Direkt an dieser angebaut, sind die Fundamente von ein bis zwei in Stein errichteten Häusern zutage gekommen (Abb. 2). Leider ist der Erhaltungszustand eher schlecht, sodass die dazugehörigen Böden nicht mehr vorhanden sind. Man sieht aber jetzt schon, dass einzelne Strukturen von älteren, darunter liegenden Häusern durch die freigelegten Schichten „hindurchdrücken".
Südwestlich der erwähnten Häuser liegen wir im Bereich mehrerer Hinterhöfe, die in der Mitte des Quartiers (insula) durch eine Mauer getrennt sind. An diese Mauer angebaut ist eine andere halbrunde Mauer, die möglicherweise eine Zisterne (für die Wasserlagerung) abgrenzte. In Anbetracht der umliegenden Altgrabungen, hätten wir an dieser Stelle eigentlich einen Sodbrunnen erwartet. Insula-Trennmauer und Zisterne wurden wohl im 3. Jahrhundert teilweise abgebrochen; Denn ein zur Überbauung des 2./3. Jahrhundert schräg verlaufender Weg verlief dann über diese Mauerzüge (Abb. 3).
In der nördlichsten Reihe haben wir ebenfalls die Gwerdstrasse freilegen können, wobei sie unterschiedlich gut erhalten ist. Während im Südwesten der Kiesbelag noch vorhanden ist, ist im Nordosten bloss noch der Strassenunterbau zu sehen. Letzterer besteht einerseits aus Flussgeröllen und andererseits aus dem Abbruch einer Portikusmauer (Mauer eines Laubengangs), die jedoch in der letzten Strassenphase nicht mehr existierte.
Angrenzend an die andere Strassenseite sind mehrere Mauern von Gebäuden (?) teilweise ausgeraubt worden. Allem Anschein nach wurden erst dann zwei Töpferöfen in diesem ruinenartigen Areal installiert (Abb. 4). Beide Öfen sind ziemlich klein im Vergleich zu den anderen, die bisher in Augusta Raurica dokumentiert wurden. Ofen 1 ist rechteckig und misst ca. 1.4 m auf 1 m, während Ofen 2 rund oder birnenförmig mit einem Durchmesser von ca. 1.5 m ist. Bei beiden erkennt man bereits die Bedienungsgrube, wobei auf der Oberfläche der Bedienungsgrube von Ofen 2 viel Keramik aus dem Zeitraum 250-270 n. Chr. liegt. Dies gibt uns die Datierung der Aufgabe des Ofens, wenn nicht gleich der ganzen Töpferei. In den nächsten Wochen werden die beiden Öfen minutiös freigelegt und dokumentiert.
Wir haben den maschinellen Voraushub noch vor dem eigentlichen Grabungsbeginn durchgeführt. Dabei wurde lediglich der ca. 20 bis 30 cm mächtige, moderne Humus abgetragen. Anschliessend wurde die Grabungsfläche in fünf Reihen unterteilt.
Zuerst ist flächendeckend eine Schicht zutage gekommen, die aus verrolltem Kies und römischem, kleinteiligen Schutt aus Ziegel- und Kalksteinfragmenten besteht (Abb. 2). Man trifft sie immer wieder in Ausgrabungen in der Unterstadt von Augusta Raurica an; Sie bildet eine Art „Deckel", der über die römischen Schichten und Strukturen aus dem 1. bis 3. Jahrhundert liegt. Wie sie genau entstanden ist, muss im Moment noch offen bleiben. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus der Schuttschicht des letzten Bauzustandes, aus der Begehung zum Einsammeln von Baumaterial für eine Wiederverwendung (zum Beispiel für das Kastell des 4. Jahrhunderts), sowie aus dem Bracheliegen der Ruinen.
Unmittelbar unter der soeben beschriebenen Deckschicht kommen die ersten Strukturen und Mauerzüge zum Vorschein (siehe Plan und Abb. 3). Im Nordosten ist die Gwerdstrasse freigelegt worden (Abb. 4), die wider Erwarten keine Portikus (Laubengang) aufwies, sondern direkt bis kurz vor die Häusermauern reichte. Es konnten bisher zwei Hauseinheiten erkannt werden (Abb. 3), wovon aber bloss die Fundamente (und stellenweise die Ausgleichslage der Mauer) erhalten waren. Wir kennen somit leider nichts über diese beiden Häuser ausser ihre (partielle) Grundrisse. An einzelnen Stellen wurde jedoch der Bauhorizont der Mauern mit Kalksteinabschlägen und Resten vom Zubereiten des Mörtels gefasst. Zwischen der Gwerdstrasse und der Häuserfront ist ein kleiner Kanal freigelegt worden, der wohl als Traufwasserkanal gedient haben muss.
Im Südwesten wurde der Hinterhofbereich der beiden Häuser erkannt. Eine weitere Mauer in der Mitte der insula trennte die beiden erwähnten Einheiten von anderen Parzellen, die aber ihrerseits gegen die Glasstrasse (parallele Strasse zur ausgegrabenen Gwerdstrasse) orientiert waren. Im Hinterhofbereich wird soeben eine Schuttschicht dokumentiert, die jedoch zu einem Vorgängerbau der erwähnten Gebäude gehören musste.
Alles in allem entsprechen die ersten freigelegten Strukturen den Vorstellungen, die wir uns vor der Grabung gemacht haben. Dieses Überbauungsschema ist in der Unterstadt von Augusta Raurica üblich, auch wenn wir in unserem Fall keine Portikus haben. Nach wie vor ist aber noch unbekannt, wie viel römische Kulturschicht vorhanden ist, und damit verbunden, wie viele Bauzustände (in leichter und in Steinbauweise) wir antreffen werden.