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Ausgrabung Areal "Ernst Frey AG"
 

Eine neu entdeckte Badeanlage in Augusta Raurica

Öffentliche Führung über die Ausgrabung: Mai bis November 1998: Montag bis Freitag, 11.30 Uhr (auf Verlangen am Grabungsplatz).

Seit Juni 1997 gräbt die Grabungsequipe der Römerstadt Augusta Raurica zwischen dem Kastelenplateau und dem Violenbach in Augst (Kanton Baselland, Schweiz).

Die Grabungsfläche liegt auf dem Firmenareal des Tiefbauunternehmens Erst Frey AG, welches beabsichtigt, in einem Teil ihres Werkhofes das Terrain abzusenken, um das Areal besser nutzen zu können. Im Zuge des amtlichen Baubewilligungsverfahrens sind Anfang 1996 im fraglichen Gebiet Sondierungen durchgeführt worden. Die dabei wider Erwarten zum Vorschein gekommenen Reste einer römischen Überbauung führten zur momentan laufenden Untersuchung der archäologischen Strukturen.

Plan der Ausgrabung

Die seit Ende 1997 sichtbaren Strukturen (Plan) lassen sich in zwei Bereiche gliedern: Zum einen sind im Westen der Grabungsfläche auf einer Länge von etwa 20 Metern die Reste von zwei parallelen, Nord-Süd verlaufenden Hangstützmauern (Plan, Nr. 1+2 und Abb. 2) freigelegt worden. Von einer weiteren, rechtwinklig dazu verlaufenden Hangstützmauer (Plan, Nr. 3), die grösstenteils um 1920 durch den in diesem Areal getätigten Kiesabbau zerstört worden ist, hat sich nur noch ein sehr kleines Teilstück erhalten.

Dieses System von Stützmauern hatte die Aufgabe, die vom Kastelenplateau zur Niederung des Violenbaches abfallende Geländekante zu terrassieren. Der Niveauunterschied zwischen den im Rahmen der diesjährigen Kampagne am Fuss der Stützmauern freigelegten Gebäuderesten und der über der Stützmauer auf dem Kastelensporn gelegenen römischen Überbauung dürfte gegen 10 Meter betragen haben. Die heutige Geländekante des Kastelenhügels verläuft, bedingt durch besagten Kiesabbau, viel weiter westlich.

Abb. 2 Augst BL, Grabung E. Frey AG (Grabung 1997.60). Blick von Süden auf die zwei parallel verlaufenden westlichen Hangstützmauern. Gut zu erkennen ist links die ältere Mauer mit den vorspringenden Stützpfeilern sowie rechts davon die später zusätzlich errichtete Stützmauer mit halbrunden Entlastungsbögen. Der zu stützende Hang hat sich in römischer Zeit links der älteren Mauer befunden. Im Hintergrund befindet sich das 1943 gebaute Kiessilo.

Beim momentanen Kenntnisstand kann festgehalten werden, dass in einer ersten Phase nur die westliche der beiden Nord-Süd verlaufenden Stützmauern (Plan, Nr. 1) das dahinter aufragende Terrain des Kastelenplateaus gestützt hat. Diese ca. 1,20 m breite Mauer war mit im Verband gemauerten, rechteckigen Stützpfeilern versehen.

Infolge einer Schädigung ist sie zu einem späteren Zeitpunkt durch mehrere zusätzliche, in kleineren Abständen angebaute Stützpfeiler verstärkt worden. Diese Verstärkungsmassnahme scheint jedoch nicht den gewünschten Erfolg gehabt zu haben, da später in einem Abstand von etwa 4 Meter vor dieser Mauer noch eine zweite Stützmauer mit halbrunden Entlastungsbögen errichtet worden ist (Plan, Nr. 2). Von dieser zweiten Stützmauer stammen auch mehrere, in Versturzlage gefundene, halbwalzenförmige Tuffsteine, die ursprünglich auf der Mauerkrone aufgelegen sind, um das Mauerwerk vor eindringendem Wasser zu schützen.

Abb. 3 Augst BL, Grabung E. Frey AG (Grabung 1997.60). Ansicht des Badegebäudes während der Ausgrabung. Im Vordergrund sind die beiden mit einer Bodenheizung (hypokaustum) ausgestatteten Baderäume - links der lauwarme Baderaum (tepidarium), rechts das Heissbad (caldarium) - zu sehen. Auf der rechten Seite (ohne Pfeiler der Bodenheizung) der Heizraum (praefurnium) mit Holzlager? Am oberen Bildrand befindet sich das Kaltbad (frigidarium) mit quadratischem Kaltwasserbassin (piscina).

Am Fuss dieser Hangstützmauern fanden sich die Reste eines mehrphasigen Badegebäudes (Plan), von dem 1997 der zentrale Teil freigelegt wurde und das den weiteren Untersuchungen von 1998 und den anschliessenden Bauarbeiten leider weichen muss.

Zum Bad gehören, in einer Achse liegend und gleichzeitig eine heizbare Einheit bildend, ein gegen Süden orientiertes Heissbad (caldarium, Plan, Nr. 5 und Abb. 3), an das gegen Norden ein lauwarmer Baderaum (tepidarium, Plan, Nr. 6 und Abb. 3) anschliesst. Beide Räume besitzen gegen Westen eine Apsis, in denen sich wahrscheinlich je eine Wanne befunden hat. Dem caldarium war im Süden ein Heizraum (praefurnium, Plan, Nr. 4 und Abb. 4) vorgelagert. Aufgrund seiner Grösse hat er vermutlich auch gleichzeitig als Brennholzlager gedient.

Abb. 4 Augst BL, Grabung E. Frey AG (Grabung 1997.60). Blick vom Heizraum (praefurnium) in den Hypokaust des Heissbades (caldarium). Links oberhalb des Massstabes ist die dunkel verfärbte Stelle der Einfeuerung zu erkennen. Die den Boden bedeckenden Sandsteinplatten im Vordergrund bezeichnen die Stelle, an der der Abwasserkanal unter dem Heizraum verläuft.

Im Norden stösst, aus der Längsachse leicht verschoben, ein kreisrundes, 4 Meter im Durchmesser messendes Schwitzbad (sudatorium, Plan, Nr. 9) an das tepidarium an. Dieses ist, aufgrund der benötigten hohen Temperaturen, direkt mittels eines weiteren praefurniums (Plan, Nr. 10) beheizt worden. Von der gleichen Einfeuerung aus und durch einen schmalen Durchlass in der Wand des Schwitzbades wurde ein langrechteckiger, 3,5x1,5 m messender Raum beheizt (Plan, Nr. 11 und Abb. 5).

Abb. 5 Augst BL, Grabung E. Frey AG (Grabung 1997.60). Blick in den kleinen, zentralen hypokaustierten Raum. Von den ehemals den Fussboden tragenden Hypokaustpfeilern ist grösstenteils nur die unterste Lage der runden Pfeilerplatten erhalten.

Möglicherweise hat der dazugehörige kleine Raum als Korridor und Wärmeschleuse zum östlich davon gelegenen Kaltbad (frigidarium, Plan, Nr. 7) gedient. Zum Kaltbad gehörte ein quadratisches, 3x3 m messendes Kaltwasserbecken (piscina, Plan, Nr. 8 und Abb. 6), in das die Badenden über eine kleine Treppe gelangten.
Negativabdrücke im wasserdichten Mörtelboden und zwei noch an Ort und Stelle verbliebene Fragmente zeigen, dass der Beckenboden mit Platten aus einem weissen, feinkörnigen Jurakalkstein ausgelegt war.

Abb. 6 Augst BL, Grabung E. Frey AG (Grabung 1997.60). Kaltwasserbassin (piscina). Der Boden des quadratischen, 3x3 Meter messenden Bassins war ursprünglich mit weissen Kalksteinplatten wie sie in der linken, oberen Ecke noch erhalten sind, ausgekleidet. Ins Wasser gelangte man über eine dreistufige Treppe (rechts oben) aus Ziegelfragmenten, die mit einem wasserdichten Mörtel überzogen worden sind. Der Ausbruch in der Mitte der Mauer am unteren Bildrand bezeichnet die Stelle, an der sich ehemals ein aus Blei oder Kupfer gefertigtes Ablaufrohr befunden hat.

Weitere Räume, wie zum Beispiel ein Umkleideraum (apodyterium) respektive Teile eines zum Bad gehörigen Gebäudes sind 1998 angeschnitten worden und Gegenstand der Untersuchungen der Grabungskampagne von 1998.
Die beim Badebetrieb anfallenden grossen Abwassermengen wurden mittels eines Kanales in Richtung des östlich der Fielenriedstrasse verlaufenden Violenbaches abgeleitet. Der rund 0,6 Meter breite Kanal (Plan, Nr. 12 und Abb. 7) hatte Seitenmauern aus Kalkstein und einen mit Ziegelplatten ausgelegten Boden.

Abb. 7 Augst BL, Grabung E. Frey AG (Grabung 1997.60). Abwasserkanal. Die grossen beim Baden angefallenen Mengen an Abwasser wurden mittels 0,6 Meter breiten Kanälen abgeleitet. Ein Teil der ursprünglich den Kanalboden bedeckenden Ziegelplatten ist nach der Aufgabe der Kanäle ausgeraubt worden.

Zur genauen Zeitstellung des Bades sind aufgrund des Auswertungsstandes noch keine näheren Aussagen möglich. Wie Münzfunde aus den zerstörten Bodenheizungen nahelegen, scheint die Badeanlage jedoch frühestens in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Chr. nicht mehr in Betrieb gewesen zu sein. Von einer späteren Besiedlung des Areales, nach einem zumindest teilweisen Abbruch der Mauern, zeugen Pfostenlöcher, die in die Mauerkronen eingetieft wurden.

In Augst und Kaiseraugst sind bislang vier öffentliche und etwa ein Dutzend private Badeanlagen ausgegraben worden. Mit dem vorliegenden Befund wird das Wissen über das Badewesen in Augusta Raurica um ein weiteres Mosaiksteinchen ergänzt, obschon zum heutigen Zeitpunkt noch unklar ist, in welchen Zusammenhang dieses neu entdeckte Bad gehört. Ob es sich um ein grosszügiges Privatbad oder aber um eine kommerziell betriebene Anlage gehandelt hat, wird erst nach der weiteren Freilegung und nach Abschluss der Auswertungen zu entscheiden sein.


Das römische Badewesen

Die aufwendige römische Badekultur steht in einer langen Tradition, die sich bis zu den alten Hochkulturen im 2. Jahrtausend vor Christus im Nahen Osten und östlichen Mittelmeerraum zurückverfolgen lässt. Das gehobene Badewesen mit warmen Bädern in speziell dafür eingerichteten Räumen beschränkte sich jedoch in vorrömischer Zeit auf den privaten Bereich und war fast ausschliesslich wohlhabenden Leuten vorbehalten. Erst bei den Römern erhielt die breite Bevölkerung die Möglichkeit, in den zum Teil prunkvoll ausgestatteten und in allen grösseren Siedlungen im Imperium Romanum errichteten öffentlichen Thermenanlagen an den Badefreuden teilzuhaben.

Neben ihrer der Hygiene und Körperpflege dienenden Bestimmung erfüllten die Bäder dabei insbesondere auch gesellschaftliche und kulturelle Aufgaben, ja sie wurden zu wichtigen Zentren des öffentlichen Lebens. In den grossen öffentlichen Bädern gewährleisteten neben dem eigentlichen Badetrakt Läden, Gastronomie, Sportanlagen oder Einrichtungen des Gesundheitswesens ein breites Unterhaltungs- und Dienstleistungsangebot.

Zur Grundausstattung eines römischen Bades, sei es nun ein öffentliches oder aber ein privates, gehörten neben einem Umkleideraum (apodyterium) ein Heissraum (caldarium), ein lauwarmer Raum (tepidarium) sowie ein kühler Raum (frigidarium), wobei sich in den verschiedenen Räumen jeweils entsprechend temperierte Wasserbecken oder -wannen befunden haben. Der Badegast begab sich, nachdem er sich umgezogen hatte, zunächst ins frigidarium, dann zur Akklimatisierung ins tepidarium um sich schliesslich in den Wannen des Heissraums zu entspannen. Danach kühlte er sich im Kaltwasserbecken des frigidariums ab. Je nach Ausstattung des Bades hatte man ausserdem die Möglichkeit, sich massieren zu lassen oder in einer Art Sauna (sudatorium) tüchtig zu schwitzen.

In römischer Zeit entstanden an Orten mit natürlichen Warmwasserquellen, wie z. B. in Baden AG (Aquae Helveticae) oder Badenweiler D, eigentliche Badezentren, die ähnlich den heutigen Badekurorten eine grosse Zahl von Gästen anlockten. Allerdings bedeutet dies nicht, das man in Siedlungen, die nicht über natürliche Warmwasserquellen verfügten, auf den Luxus eines entspannenden Badbesuchs verzichten musste, da die Römer durchaus in der Lage waren, mit technischen Mitteln den nötigen Badekomfort zu gewährleisten. Man bediente sich dabei einer Art Fussbodenheizung (hypokaustum), um in den Baderäumen für die nötigen Temperaturen zu sorgen.

Literatur zur Ausgrabung:
- H. Sütterlin, Baden wie die Römer...! In: Augusta Raurica 1998/1, 12-15
- H. Sütterlin, Ein Quartierbad in Augusta Raurica - eine neu entdeckte Badeanlage am Fusse des Kastelenhügels von Augst/BL. Archäologie der Schweiz, Herbst 1998 (im Druck).
- H. Sütterlin, Entdeckung in Augusta Raurica. Archäologie in Deuschland, Herbst 1998 (im Druck).

Weiterführende Literatur zum römischen Badewesen:
- Brödner, Erika: Die römischen Thermen und das antike Badewesen: eine kulturhistorische Betrachtung (Darmstadt 1983).
- Heinz, Werner: Römische Thermen: Badewesen und Badeluxus im Römischen Reich. (München 1983).


Fussbodenheizung (hypokaustum)
Typisch für die römischen Hypokaustkonstruktionen ist der Hohlboden, d.h. es wurde in die Räume ein Zwischenboden (suspensura) eingezogen, der auf Tonpfeilern (pilae) auflag, so dass unter dem Boden ein Hohlraum entstand, welcher durch einen Einfeuerungskanal (praefurnium) beheizt werden konnte. Die heisse Luft wurde durch Röhren, die in den Wänden eingelassen waren, geleitet, so dass eine optimale Wärmeausnutzung erzielt werden konnte. Über dem Einfeuerungskanal befand sich in der Regel eine Art Boiler in Form eines metallenen Wasserbehälters, in dem das für die heissen Bäder benötigte Wasser erhitzt werden konnte. Auch diese technischen Errungenschaften wurden, wie das Badewesen an sich, nicht von den Römern erfunden, sondern aus dem griechisch-hellenistischen Kulturraum übernommen und weiterentwickelt.


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