Augusta Raurica: durch ein Erdbeben zerstört? «... Sie beraten gemeinsam, ob sie im Hause bleiben oder sich im Freien aufhalten sollten. Denn infolge häufiger und heftiger Beben begannen die Häuser zu schwanken und
schienen, gleichsam aus ihren Fundamenten gehoben, sich bald hierhin, bald dorthin zu bewegen. ...» (Plinius der Jüngere, Brief an Tacitus) So ähnlich mag es etwa 170 Jahre nach dem berühmten Vesuvausbruch und der Zerstörung von Pompeji und Herculaneum auch in Augusta Raurica, hoch oben im Norden des
Imperiums am Rhein, zugegangen sein. Im Gegensatz zum Jüngeren Plinius, der uns von der Kastastrophe des Jahres 69 n. Chr. am Golf von Neapel berichtet, ist das
«Augster Erdbeben» keine historische, d.h. schriftlich überlieferte Tatsache im engeren Sinne, sondern eine Erkenntnis der modernen archäologischen Forschung. Der Basler Felix Fabri, Autor der «Descriptio Sueviae» (Beschreibung des Landes der Sueben), hatte bereits 1488/89 vermutet, dass Augusta Raurica durch ein Erdbeben
untergegangen ist, allerdings ohne sich auf konkrete Beobachtungen oder gar archäologische Befunde stützen zu können. Drei Jahrhunderte später wurden erstmals
archäologische Beobachtungen gemacht, die mit einem Erdbeben in Zusammenhang stehen könnten: Daniel Bruckner berichtet in seinem «Versuch einer Beschreibung
historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel» von einer eingestürzten Mauer, ohne den Befund allerdings konkret zu deuten. Eine alte Vermutung in neuem Licht In den Jahren 1985-1988 analysierte ein kleines Forschergrüppchen die 210'000 von Elisabeth Schmid bestimmten Knochenfunde aus Augusta Raurica: der Osteo-Archäologe
Jörg Schibler vom Labor für Urgeschichte der Universität Basel die Tierknochen, der Anthropologe Bruno Kaufmann aus Aesch die Menschenknochen und Alex R. Furger als
Archäologe die Fundumstände. Damals fiel auf, dass die meisten im Stadtareal, d.h. nicht in Gräbern gefundenen Menschenknochen im 3. Jahrhundert n. Chr. in den Boden
gekommen sind. In mindestens zwei Fällen lagen Teile von Skeletten unter Säulen und Mauertrümmern begraben, was u.a. die Vermutung aufkommen liess, sie seien bei
einem Erdbeben verschüttet worden. Heute wissen wir aber auch, dass einige dieser Menschenknochen erst etwa 25 Jahre später als Teile absichtlich zerstückelter Kriegsopfer
in die Kulturschichten gelangt sind. Umgekippte Mauern, geknickte Säulen, eingestürzte Gebäudetrümmer Ein weiteres Mal kam der Gedanke an ein Erdbeben auf, als 1986/87 an der Nordwestecke des Theaters - unter der heutigen Terrasse des «Römerkiosks» - massive
Mauerpartien in schräger, eindeutig heruntergestürzter Lage am Fusse der einst hochragenden Theatersitzstufen vorgefunden wurden. Durch diese Beobachtungen stutzig
geworden, suchten die Augster Archäologen, allen voran Peter-Andrew Schwarz, in den Grabungsakten nach weiteren Indizien. Und tatsächlich: in der ganzen römischen
Oberstadt hatte man schon umgekippte, grossflächig erhaltene Mauern freigelegt, die alle im selben Zeitraum eingestürzt sein müssen. Besonders aufschlussreiche Beispiele
sind in den 60er Jahren in der römischen Herberge im Trassee der Autobahn und in den Ausgrabungen von 1992-1994 auf Kastelen beobachtet und dokumentiert worden. Scherben und Münzen liefern den Zeitpunkt Für die Datierung dieses inzwischen an vielen Stellen beobachteten «Erdbebenhorizontes» in Augusta Raurica wird die klassische archäologische Methode angewendet: Was
unter diesen Zerstörungsschichten liegt, ist älter, was darüber abgelagert wurde, muss jünger sein. Die Einzeldatierungen der Keramik- und Münzfunde unter, in und über diesen
Schuttschichten und umgestürzten Mauern erlauben heute eine recht enge zeitliche Eingrenzung der Naturkatastrophe: sie muss in den Jahren um 250, frühestens 243 n. Chr.,
erfolgt sein. An manchen Orten und bei mehreren Bauten der Römerstadt lässt sich nachweisen, dass man sofort nach den verheerenden Zerstörungen begonnen hatte, Augusta Raurica
wieder aufzubauen. Man war durch das Unglück zwar verarmt, aber optimistisch und konnte noch nicht ahnen, dass rund 25 Jahre später die Stadt erneut zerstört wurde:
Diesmal waren Krieg, Mord und Plünderungen verantwortlich, und die Augster Oberstadt sollte nie wieder auferstehen. Um 250 n. Chr. - im Jahre 1356 - und wann das nächste Mal ? Das Wissen um diese Katastrophe im 3. Jahrhundert war längst vergessen, als am 18. Oktober des Jahres 1356 die Erde erneut sehr stark bebte und die mittelalterliche Stadt
Basel und grosse Landstriche darum in Schutt und Asche legte. Dieses historisch recht gut dokumentierte Ereignis ist - im Gegensatz zum Beben von Augusta Raurica -
historisch schon gut erforscht und aus seismologischer Sicht mit den geologischen Verhältnissen in Zusammenhang gebracht worden. Die moderne Erdbebenforschung bezeichnet die Region des Basler Rheinknies als gefährdete Zone, da hier der Grabenbruch der Oberrheinischen Tiefebene endet und im
Untergrund immer noch zu Verschiebungen der Erdschollen führt. Kein Mensch kann aber abschätzen, wann die Erde hier wieder beben wird. Exakte Kenntnisse der römerzeitlichen Katastrophe vor etwa 1750 Jahren würden vielleicht helfen,
das Risiko etwas konkreter abzuschätzen. Ein vielversprechendes Forschungsprojekt ohne Mittel Zur Abklärung der noch immer nicht restlos abgesicheren «Erdbeben-Theorie» wurde im Februar 1997 im Schweizerischen Erdbebendienst am Institut für Geophysik an der
Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich einige Augster Befunde präsentiert. Die freigelegten und archäologisch dokumentierten Zerstörungsbilder lassen
nach dem Urteil der Experten kaum einen anderen Schluss zu: In der Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. hat die Erde in der Römerstadt gebebt und riesigen Schaden
angerichtet! Im Frühjahr 1998 hat die Studentin Sibylle Steimen des Zürcher Instituts für Geophysik eine Semesterarbeit auf historischem Boden in Augst und Kaiseraugst durchgeführt. Sie
machte an verschiedenen archäologisch relevanten Fundpunkten in Augst und Kaiseraugst Messungen der natürlichen Bodenunruhe mit einem 3-D-Seismographen und klärte
ab, wieweit hier der eiszeitliche Rheinschotter und das Grundwasser im Falle eines Bebens zu einem Verstärkungs- bzw. «Aufschaukelungseffekt» führt, was besonders
gravierende Zerstörungen zu Folge hätte. Die Arbeit weist nach, dass - etwa im Vergleich mit ähnlichen Untersuchungen in Basel - gewisse Stellen in Augusta Raurica
tatsächlich ein recht hohes Gefährdungspotenbtial bei starken Erdbeben aufweisen. Ob die antiken Schadensbilder und die modernen Untersuchungen dereinst zu neuen Erkenntnissen und konkreteren Beurteilungskriterien für das aktuelle Gefährdungspotentiel
führen werden, ist allerdings sehr ungewiss, denn solche breit und interdisziplinär angelegte Untersuchungen unter Einbezug der archäologischen Grabungsdokumentationen
sind langwierig und teuer. Die hoch interessante Erforschung des Augster Erdbebens zur Römerzeit muss warten, bis die Mittel hierzu bereitstehen.
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Home Augusta Raurica Erdbeben siehe auch Alamanneneinfälle
Nachdem in den letzten Jahren mehrere Grabungbefunde von umgestürzten Mauern, menschlichen Skeletten unter schweren Bauteilen, eingestürzten Partien des Theaters
usw. aufhorchen liessen, untersuchte eine Studentin an der ETH Zürich 1998 das Gefährdungspotenial des Untergrundes von Augusta Raurica.
| - | A. R. Furger, Die urbanistische Entwicklung von Augusta Raurica vom 1. bis zum 3. Jahrhundert. Jahresber. Augst u. Kaiseraugst 15, 1994, 29 ff. bes. 36 Abb. 8. |
| - | Th. Hufschmid (mit einem Beitr. v. M. Petrucci-Bavaud/S. Jacomet), Kastelen 3. Die Jüngeren Steinbauten in den Insualae 1 und 2 von Augusta Raurica. Untersuchungen zur baugeschichtlichen Entwicklung einer römischen Domus im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. Forsch. Augst 23 (Augst 1996) 68 f. |
| - | D. imko/R. Meier. Prisca und Silvanus. Die Zerstörung von Augusta Raurica (Erdbebenszenen in einer Comic-Geschichte: so könnte es gewesen sein). Augster Museumshefte 18 (Augst 1996) 11-14. |
Weitere Infos
Alex R. Furger
(aus: AUGUSTA RAURICA 1998/1, 6-9)