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Frühes Mittelalter
siehe auch Alamanneneinfälle || Alamannen
 
Rückwärts-Entwicklung?

Das Frühe Mittelalter, die Jahrhunderte zwischen der technisch-wirtschaftlichen Blüte zur Römerzeit und der feudalen Zeit des Hochmittelalters, ist ein Rätsel: Viele Errungenschaften und Erleicherungen des täglichen Lebens gingen zu Gunsten einer bescheidenen Dorfkultur verloren. Europa brauchte sehr lange, bis es wieder den Stand der Antike erreicht hat.

Bild: Bronzestatuette aus Augusta Raurica. 300 Jahre römische Zuchterfolge führten dazu, dass aus kleinen, spätkeltischen Rindern von rund 106 cm Widerristhöhe stattliche Tiere von 115 bis zu 124 cm Grösse resultierten. Im 7. Jahrhundert n.Chr. waren die Rinder wieder auf 110 cm "geschrumpft".


Dürftige Quellen nach 401 n. Chr.
So manches Geschichtsbuch lässt mit dem Jahr 401 n. Chr. die Römerzeit in der Nordwestschweiz enden. Nach dem historisch plausiblen Abzug offenbar wichtiger Truppenteile, die Italien vor einfallenden Westgoten schützen sollten, seien die Reichsgrenzen am Rhein sowie der römische Anspruch auf die nordalpinen Territorien aufgegeben worden. Die schriftlichen Nachrichten für diese und die nachfolgende Zeit sind allerdings derart dürftig, dass sehr viel Interpretationsspielraum übrig bleibt.

Orientierung in Richtung Burgund
Erst zu Beginn des 6. Jahrhunderts gewinnen wir wieder Einblick in die politischen Verhältnisse. Damals nahm Theoderich der Grosse, König der Ostgoten und offizieller Statthalter des oströmischen Kaisers in Italien, die Alamannen unter seine Schutzherrschaft gegen das expandierende Frankenreich. Ist diese Massnahme vielleicht so zu erklären, dass er im Auftrag Ostroms die nach wie vor aufrecht erhaltenen nordalpinen Gebietsansprüche des Römischen Reiches wieder geltend zu machen hatte? In welchem Mass das Gebiet der heutigen Nordwestschweiz davon betroffen war, bleibt indessen ungeklärt. Kaiseraugst, einer der wichtigsten Orte der ehemaligen römischen Provinz Maxima Sequanorum, orientierte sich auch in der Folgezeit stärker in Richtung Burgund, wo sich die galloromanische Kultur ebenfalls noch lange hielt.

Gräberfunde als Informationsquellen
Bodenfunde sind die einzigen Quellen, die uns - allerdings in ganz anderer Weise - über die fragliche Zeit Auskunft geben. Archäologische Grabungen der letzten Jahre in Gräberfeldern und Siedlungen haben zu einem erheblichen Kenntniszuwachs geführt. Gräberfelder geben uns Auskunft über die Bevölkerung; die Grabbeigaben darüber hinaus wichtige Hinweise zu Bewaffnung, Kleidung und weiteren Gegenständen des Alltags. Auch alte Orts- und Flurnamen können wichtig sein, da sie Rückschlüsse auf das Alter eines Siedlungsraumes sowie die Sprache der damaligen Bevölkerung erlauben. All diese Beobachtungen ergeben zusammen mit den wenigen schriftlichen Informationen ein Bild, wie man sich Landschaft und Bevölkerung im Frühmittelalter vorzustellen hat.

Siedlungstätigkeit bis ins 7. Jahrhundert
Im Gegensatz zur vorangegangenen, von einer starken Tendenz zur Zentralisierung und Vereinheitlichung geprägten Epoche führten die einschneidenden Veränderungen der spätrömischen Zeit im Verlauf des 5. Jahrhunderts zu einer zunehmenden Regionalisierung, die in der Tat mit dem Abzug von Militär und seiner Versorgungsorganisation zusammenhängen könnte. Im Kastell Kaiseraugst scheint es nach den Ereignissen der Zeit um 350 ruhiger geworden zu sein. Die Zerstörungen führten zu letzten grösseren baulichen Veränderungen. Bereits im 5. Jahrhundert müssen aber mehrere Gebäudekomplexe aufgegeben worden sein; jüngere, vermutlich einfachere Pfostenbauten nutzten hingegen noch aufrecht stehende Mauerpartien. Zumindest bis ins 7. Jahrhundert lässt sich eine rege Siedlungstätigkeit nachweisen; erst für die folgende Zeit werden die Funde spärlicher. Dies hängt vielleicht mit dem Aufstieg der Stadt Basel zusammen, die wegen der zunehmenden Ausrichtung der Region ins Elsass und dem Ausbau der Birstalstrasse nunmehr von einer günstigeren verkehrsgeographischen Lage profitierte.

Steinbauten werden vernachlässigt
Die bereits im 4. Jahrhundert stark geschrumpfte Siedlungsdichte auf dem Land dürfte sich kaum mehr gross verändert haben. Bewohnt blieben einige grössere, entlang der Routen zu den Jurapässen gelegene Gutshöfe im Hinterland der Kastellstädte Kaiseraugst und Basel. Allerdings scheinen auch hier die Steinbauten der Römerzeit zusehends vernachlässigt worden zu sein. Immer mehr setzte sich wieder der einfachere Pfostenbau mit Holz- oder Lehmflechtwerkwänden durch.

Die Alamannen kommen
Verschiedene Beobachtungen am Fundmaterial - etwa an der Entwicklung des Keramikgeschirrs - zeigen eine ungebrochene Entwicklung von der Römerzeit bis ins 6. und 7. Jahrhundert. Ab etwa 600 machen sich Veränderungen bemerkbar, die auf neue Einflüsse vor allem aus dem fränkischen Raum, aus dem nördlichen Oberrheingebiet und aus Ostfrankreich, schliessen lassen. Erst in diesem Zeitraum mehren sich auch sehr zaghaft die Hinweise auf eine "Landnahme" durch rechtsrheinische, alamannische Bevölkerungsgruppen, die schliesslich dazu führt, dass heute in der Nordwestschweiz deutsch gesprochen wird.


Weiterführende Literatur zum Frühen Mittelalter:
- A. Furger (Hrsg.), Die Schweiz zwischen Antike und Mittelalter. Archäologie und Geschichte des 4. bis 9. Jahrhunderts (Zürich 1996).
- W. Drack (Red.), Ur- und frühgeschichtliche Archäologie der Schweiz 6. Das Frühmittelalter (Basel 1979).
- Archäologisches Landesmuseums Baden-Württemberg (Hrsg.), Die Alamannen. Begleitband zur Ausstellung (14.6.97-14.9.97 Stuttgart, 24.10.97-25.1.98 Zürich; 6.5.98-7.6.98 Augsburg) (Stuttgart 1997).
· R. Christlein, Die Alamannen. Archäologie eines lebendigen Volkes (Stuttgart 1978).
· A. Demandt, Die Spätantike. Römische Geschichte von Diocletian bis Justinian 284-565 n. Chr. (München 1989).

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