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Grab- und Bestattungssitten
siehe auch Gräber, Gräber in Rom, Gräberfunde in Augusta Raurica, Religion
 

Begräbnisstätten grösserer Siedlungen waren ein Spiegel des herrschenden Sozialgefüges, in dem sich an einem Strassenabschnitt die Gräber der Oberschicht aufreihten, während in anderen, meist peripheren Sektoren eher die Durchschnittsbevölkerung ihre letzte Ruhestätte fand. Verfügte man über die nötigen finanziellen Mittel, konnte der Grabstifter in der Gestaltung eines Grabdenkmals oder durch eine figürliche Plastik seine Persönlichkeit und seinen Status zum Ausdruck bringen.

Allein aufgrund der Ausstattung eines Grabes mit Beigaben lässt sich die soziale Zugehörigkeit der darin bestatteten Person kaum fassen. So haben Angehörige der italisch-römischen Oberschicht gewöhnlich Wert auf einen Grabstein oder gar auf ein Grabmonument gelegt, während die Beigabe von Gefässen und Geräten für sie nur eine untergeordnete Rolle spielte. Demgegenüber entsprach es der keltischen beziehungsweise gallo-römischen Tradition, den Verstorbenen möglichst viele Dinge mitzugeben. Somit ist ein Grab mit reichlicher Ausstattung zwar kaum mittellosen Leuten zuzuschreiben, doch kann es sich um die letzte Ruhestätte einer konservativen gallo-römischen Familie handeln, die sich nicht unbedingt durch grossen Wohlstand auszeichnete. Im Falle eines beigabenarmen oder -losen Grabes können viele Beigaben auf dem Scheiterhaufen mitverbrannt worden sein, die nicht ins Grab gelangten. Unterschiedliche Mengen an Grabbeigaben und sonstige Grabsitten hängen daher nicht zwangsläufig mit dem wirtschaftlichen und sozialen Status der Verstorbenen zusammen; sie können ethnische oder religiös-philosophische Ursachen haben.

Anhaltspunkte zur Bevölkerungszugehörigkeit liefern einzelne mit den Toten verbrannte oder später ins Grab gelegte Trachtbestandteile wie etwa Schmuck und Fibeln. Wichtige Informationen über die Bestatteten geben uns die Grabinschriften und Grabsteine. Sie markieren die letzte Ruhestätte, um den Hinterbliebenen den Weg zum Grab zu erleichtern und die Abhaltung der Totenfeiern zu ermöglichen. Meist nennen sie uns den Namen und damit das Geschlecht, das Alter, gelegentlich den Beruf, die Herkunft und die Familienzugehörigkeit der Verstorbenen sowie die Namen der für die Errichtung der Steine verantwortlichen Personen. Oft sind auf den Grabsteinen die Bestatteten in ihrer Kleidung beziehungsweise Tracht dargestellt, was Aussagen über deren Herkunft und soziale Stellung erlaubt.

Mit der Gründung der Koloniestadt Augusta Raurica entstand in augusteischer Zeit ein neues wirtschaftliches Zentrum, das für Einheimische und Zuwanderer den Anreiz zur Ansiedlung bot. Diese Vermischung von einheimisch-keltischen und fremdländischen, italisch-römischen Einflüssen betraf auch die Begräbnissitten und Jenseitsvorstellungen und fand in den Gräbern und Bestattungsplätzen von Augusta Raurica ihren Ausdruck.

Elemente des römisch-mediterranen Grabbrauchs sind die oberirdische Grabgestaltung durch Grabsteine und die Anlage von grossen steinernen Grabdenkmälern sowie die bewusst spärliche Beigabe von Gegenständen, die sich in der Regel auf gläserne Parfümfläschchen, Lampen und Münzen beschränkte. Keltischer Sitte entsprach hingegen eine möglichst reiche Beigabe von Geschirr, Speisen sowie persönlichen Gegenständen wie Fibeln und Geräten. Die Gräber in Augusta Raurica enthalten - soweit die ausgewerteten Grabinventare eine Aussage ermöglichen - ausschliesslich Mischinventare, d.h. eine Trennung zwischen einheimischen Raurikern und Zuzügern aus dem Süden ist anhand der Grabbeigaben nicht zu treffen. Offen bleibt, ob sich diese Angleichung nur auf die äussere Form beschränkte, da viele Grabriten keine Spuren hinterliessen.

Die Friedhöfe in Augusta Raurica lagen, wie allgemein üblich, ausserhalb des überbauten Stadtgebietes entlang der Landstrassen. Aus römischer Zeit kennen wir drei grosse Nekropolen und einige kleinere Gräbergruppen. Ein Grossteil der ausgegrabenen Gräber ist bislang noch nicht wissenschaftlich aufgearbeitet.

Ein Hauptfriedhof der frühen bis mittleren Kaiserzeit, das sogenannte Nordwestgräberfeld, lag an der nach Basel führenden Hauptstrasse. Er erstreckte sich über ein fast 1 km langes Areal nördlich der Strasse und war von dieser durch einen 5 m breiten Streifen getrennt. Im Ostteil dieses Friedhofs fand man einige Grabsteine, die sonst in Augusta Raurica nur spärlich überliefert sind. In spätrömischer Zeit wurden in einem Streifen nördlich und südlich der Strasse Gräber angelegt, die die älteren Bestattungen zum Teil überlagerten oder durchschnitten.

Ein weiterer grosser Friedhof des 1. bis 2. und des 4. Jahrhunderts wurde in den 1980er Jahren in der Flur «Im Sager» bekannt und in den letzten Jahren systematisch ausgegraben. Er liegt im Osten der Stadt an der Hauptstrasse nach Vindonissa (Windisch [AG]) und der Provinz Raetien. Die bis heute bekannt gewordene Ausdehnung dieser Gräberstrasse beträgt ungefähr 800 m. Die Gräber und Grabgärten sowie die vereinzelten Grabmäler, die nur auf der Nordseite der Strasse gefunden wurden, lagen etwa 10 m von dieser entfernt.

An der gleichen Strasse, allerdings in grösserer Entfernung von den übrigen Gräbern, entdeckte man 1966 unmittelbar vor dem Osttor der Stadt ein grosses, zur Römerzeit weithin sichtbares Grabmonument aus dem späten 1. Jahrhundert n. Chr. Das Grabmal bestand aus einem gemauerten Zylinder, über dem sich ein mächtiger Erdhügel erhob. Etwas weiter nordwestlich entdeckte man im Gebiet «Widhag» eine Gruppe von Gräbern des 1. bis 2. Jahrhunderts n. Chr., die wahrscheinlich zu einem kleineren Friedhof gehörten, dessen genaue Ausdehnung bis jetzt aber noch unbekannt ist.

Bereits im letzten Jahrhundert fand man im Südwesten der Stadt ein einzelnes Grab aus dem 3. Jahrhundert. Es lag an der über die Juraberge ins schweizerische Mittelland und weiter ins Rhonetal und zu den Alpenpässen führenden Römerstrasse. Obwohl dies die einzige bis heute bekannte Bestattung in dieser Gegend ist, kann infolge der Bedeutung der Strasse für den Nordsüdverkehr damit gerechnet werden, dass auch entlang dieser Route ein grösseres Gräberfeld lag.

Aus der Zeit vom 4. bis ins 7. Jahrhundert sind über 2000 Bestattungen von zwei grossen Gräberfeldern südlich des Castrum Rauracense, den sogenannten Kastellnekropolen, bekannt. Im älteren Friedhof «Stalden» wurde ausschliesslich in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts bestattet; in der grösseren, weiter östlich gelegenen Nekropole von der Mitte des 4. bis ins 7. Jahrhundert.


Brandbestattungen

Wie in den Nordwestprovinzen üblich, wurden im 1. und 2. Jahrhundert in Augusta Raurica die Toten überwiegend kremiert. Öffentliche Verbrennungsplätze (ustrina publica) konnten allerdings bisher nicht lokalisiert werden. Im Gräberfeld «Im Sager» fand man grosse Brandgruben entlang der Strasse, die möglicherweise als ustrina dienten. Für eine Klärung der Funktion dieser Gruben muss jedoch die Auswertung von Funden und Befunden abgewartet werden. Auch die Kremation direkt über der Grabgrube (bustum) ist relativ selten belegt. Diese Bestattungsart beschränkt sich bisher auf das monumentale Grab vor dem Osttor und auf wenige Gräber in der Nekropole «Im Sager». Gemäss den Grabausstattungen handelt es sich dabei um die Gräber einer wohlhabenden Bevölkerungsschicht. In das gleiche soziale Umfeld gehört der Brauch, den Leichnam auf einem reich verzierten Totenbett zu kremieren. Diese Sitte, wie auch diejenige der Bustumbestattung, kann vorzugsweise an Orten mit einem hohen Anteil an Militärpersonen beobachtet werden. In Augusta Raurica sind bisher nur in einem Falle die Reste eines Totenbetts überliefert. Ob die kremierte Person zum Militär gehörte oder ein Zivilist war, lässt sich anhand der erhaltenen Überreste nicht entscheiden.

Als Urnen dienten vor allem Gefässe aus Keramik. Dabei handelt es sich stets um Formen des im Alltag verwendeten Geschirrs und nicht um spezielle Graburnen. Gelegentlich begegnen sogar defekte Behälter. Als Glasurnen dienten ebenfalls Gefässe des Haushalts, jedoch gibt es auch Gläser, die ausschliesslich bei Begräbnissen Verwendung fanden. Selten sind Behälter aus Blei und Stein. Die einzige bisher aus Augusta Raurica bekannte Steinurne wurde im Gräberfeld «Im Sager» gefunden.

In Augusta Raurica legte man bisweilen Beigaben ins Grab, die in ihrer Zusammensetzung nur zum Teil denen entsprachen, die mit dem Toten verbrannt worden waren. Zum üblichen Inventar gehörten vor allem Tongeschirr mit Speisebeigaben (Fleisch, Getreide, Gebäck, Wein usw.), daneben kamen auch Dinge des täglichen Bedarfs wie Schmuck und Toilettartikel sowie - seltener - Schreibgerät und Münzen ins Grab. Die Auswahl war individuell geprägt. Die Vorstellungen über Symbolik und Nutzen der Beigaben sind weitgehend unbekannt. In vielen Fällen dürfte die Zusammensetzung der Grabausstattung bestehenden Konventionen gefolgt sein. In der Mitgabe von Amuletten widerspiegeln sich Ängste oder Wünsche der Verstorbenen oder der Hinterbliebenen. Lampen als Symbole des ewigen Lichts (lux aeterna) sind in Augusta Raurica eine seltene Grabbeigabe. Ebenso gehörten gläserne Parfümfläschchen in kultischen Zusammenhang. Mit ihrem Inhalt weihte man die Asche der Verstorbenen.


Körperbestattungen

Als Ursache für die vereinzelten Körperbestattungen in den Brandgräberfeldern des 1. bis 3. Jahrhunderts wird oft ein Fortleben vorrömischer Bestattungsformen in Betracht gezogen. Es ist allerdings wahrscheinlicher, dass soziale Gründe für die Sonderbehandlung verantwortlich waren. So weisen Körpergräber am Rand der Friedhöfe oder bäuchlings Bestattete auf eine letztmögliche Bestrafung und endgültige Entmachtung von einst gefährlichen Toten hin. In Augusta Raurica sind zwar einzelne Körpergräber im Bereich von Brandgräberfeldern bekannt, allerdings wissen wir mangels Beigaben nicht, aus welcher Zeit diese Bestattungen stammen. Eine Sonderform von Körpergräbern sind Säuglings- und Kinderbestattungen, die entgegen der bestehenden Regel innerhalb der Siedlung und sogar innerhalb der Häuser angelegt wurden. Diese Bestattungen können sowohl auf mediterrane als auch auf einheimisch-keltische Wurzeln zurückgehen.

Der Wechsel von der Brand- zur Körperbestattungsitte kann in Augusta Raurica zeitlich nicht genau festgesetzt werden, da aus der dafür in Frage kommenden Zeit des Übergangs, d.h. aus dem frühen und mittleren 3. Jahrhundert, bisher kaum Gräber zum Vorschein gekommen sind. Zu den frühesten bis heute bekannten Belegen gehört ein Steinplattengrab aus dem 3. Jahrhundert im Südwesten der Stadt. Hier wurde eine vornehme Dame in einem mit Goldblechknöpfen besetzten Gewand bestattet. Aus dem späten 3. und dem 4. Jahrhundert ist hingegen eine Vielzahl von Körpergräbern im Nordwestgräberfeld und im Friedhof «Im Sager», im Südosten der Stadt, bekannt. Von dieser Nekropole kennen wir mehrere Körperbestattungen in Ziegelkisten. Die Ziegelplatten und Dachziegel tragen Stempel der legio I Martia, deren Angehörige im 4. Jahrhundert im Castrum Rauracense stationiert waren und eigene Legionsziegeleien unterhielten. Die Bodenplatten eines der Gräber weist Abdrücke von Tierhufen sowie vor dem Brand eingeritzte Tierzeichnungen auf. Als einzige Beigabe hatten die Angehörigen eine Terra-Sigillata-Schüssel neben dem linken Unterschenkel deponiert.

Die Körpergräber der beiden Kastellnekropolen südlich des castrums wurden grösstenteils bereits zu Beginn unseres Jahrhunderts ausgegraben. In der älteren Kastellnekropole im «Stalden» fand man neben einfachen Gräbern mit Holzsarg die für die spätrömische Zeit charakteristischen Abdeckungen mit Dachziegeln. Von den Gräbern des jüngeren Friedhofs unterscheiden sie sich durch eine vergleichsweise stärker ausgeprägte Beigabensitte. Neben Gefässen, darunter vor allem Trinkgeschirr, fand man geschlechtsspezifische Trachtobjekte wie Zwiebelknopffibeln und Gürtelzubehör bei den Männern und Schmuck bei den Frauen. Der wichtigste Fund vom «Stalden» ist der Grabstein der Eustata, in dessen Giebel ein ankerartiges Zeichen angebracht ist. Der symbolhafte Name - griechisch Eustata heisst «unerschütterlich fest» - und das Ankerzeichen gaben zur Annahme Anlass, die Bestattete sei Christin gewesen. Danach würde die Grabstele zu den ältesten epigraphischen Zeugnissen des Christentums im Gebiet der heutigen Schweiz gehören.

Die Untersuchung der gegen 2000 Gräber der jüngeren Kastellnekropole ergab, dass die bis ins 7. Jahrhundert hier bestatteten Kastellbewohner zum überwiegenden Teil Romanen, das heisst Nachfahren der einheimischen, gallo-römischen Bevölkerung waren. Den Gräbern dieser Romanen, die seit dem 4. Jahrhundert weitgehend christianisiert waren, stehen nur wenige Gräber von zugezogenen Germanen am Rand des Friedhofes gegenüber. Für die christlichen Gräber des späteren 4. und 5. Jahrhunderts ist eine Beigabenarmut oder gänzliche Beigabenlosigkeit charakteristisch. Auffällig ist ferner, dass auch in der Zeit nach 400 den Toten alte, im 4. Jahrhundert geprägte Kupfermünzen mitgegeben wurden. Die mit Beigaben wieder reichlicher ausgestatteten Gräber des 6. und 7. Jahrhunderts zeigen charakteristische Unterschiede zu germanischen Friedhöfen der gleichen Zeit. So lebt etwa die romanischen Ziegelgrabsitte bis in die Zeit um 600 weiter. Ferner wurden Waffen vergleichsweise selten ins Grab gelegt. Christliche Grabinschriften mit den germanischen Namen Radoara und Baudoaldus sowie je eine Grabstele und Deckplatte mit Kreuzen aus dem 6. oder 7. Jahrhundert fanden sich im Nordosten der Nekropole. Hier kamen auch die Fundamente einer einräumigen Grabkapelle mit Apsis zum Vorschein, einer sogenannten memoria, sowie die Überreste einer Friedhofskirche aus dem 7. Jahrhundert.


Weiterführende Literatur siehe Gräber, Gräberfunde in Augusta Raurica

Vgl. die Abbildung

Weitere Infos

Beat Rütti

(Text aus: P. Zsidi/A. R. Furger (Hrsg.), Out of Rome. Augusta Raurica / Aquincum. Das Leben in zwei römischen Provinzstädten [Basel 1997])


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