Über die religiösen Verhältnisse der Stadt Rom und der italischen Provinzen sind wir aus schriftlichen Quellen verhältnismässig gut informiert. Mit der gebotenen Sorgfalt lassen
sie sich auch auf die nördlichen Provinzen des Imperiums übertragen, wo die mediterrane Götterwelt mit der römischen Expansion und der damit einhergehenden neuen
Verwaltung Einzug hielt. Schon Polybios hielt im 2. Jahrhundert v. Chr. fest, dass die Religion in Rom gezielt als Mittel gesellschaftlicher Ordnung eingesetzt und bei
Eroberungen bewusst als politisches Machtinstrument verwendet wurde. Dementsprechend gestatteten die Römer der einheimischen Bevölkerung im wesentlichen, an ihren
alten Kulten und Göttern festzuhalten. Die römische Religion traf im Norden auf keltische Glaubensvorstellungen. Aus der Verschmelzung der beiden Religionsformen erwuchs
ein neues Pantheon, das in seiner Vielschichtigkeit für den heutigen Betrachter nur schwer zu durchdringen ist. Einheimische Göttinnen und Götter konnten in ihrer Erscheinung
oft einem griechisch-römischen Vorbild folgen und sich nur durch eine inschriftliche Nennung von diesen unterscheiden. Aus Weihinschriften geht hervor, dass römische und
keltische Gottheiten von der einheimischen Bevölkerung ebenso wie von den zugezogenen Italikern verehrt wurden. In der offiziellen Politik Roms galt die sogenannte Kapitolinische Trias (Iuppiter, Iuno und Minerva) als höchste religiöse Instanz, deren Hauptheiligtum in der Stadt Rom auf
dem Kapitol lag. Wohl mehr aus politischen denn aus religiösen Gründen wurde diese Einrichtung von den Römern häufig auch in den eroberten Gebieten eingeführt. In
verschiedenen Provinzstädten waren die Haupttempel der Kapitolinischen Trias geweiht. In Augusta Raurica scheint es indessen kein entsprechendes Heiligtum gegeben zu
haben. Der Tempel auf dem Forum für Roma und Augustus muss als direkte Dedikation an die Staatsmacht gewertet werden, und der Schönbühltempel war möglicherweise
dem Merkur geweiht. Diese beiden grossen Anlagen sind bis heute die einzigen Sakralgebäude in italischer Bautradition, die direkt mit den römischen Göttern in Verbindung
gesetzt werden können. Bei den übrigen Heiligtümern der Stadt handelt es sich um gallo-römische Vierecktempel, die in erster Linie einheimischen Gottheiten geweiht waren. Die Zusammenstellung der figürlichen Darstellungen und Weihinschriften zeigt, dass in Augusta Raurica, wie häufig in den nördlichen Provinzen, Merkur, der Gott des Handels,
grösste Verehrung genoss. Auch Apollo erfreute sich in der Stadt grosser Beliebtheit. Andere römische Götter wie Venus, Victoria, Fortuna, Somnus oder der Halbgott Herkules
finden sich weitaus seltener. Die drei höchsten Götter der Römer, Iuppiter, Iuno und Minerva, treten nie gemeinsam und - ausser Minerva - nur selten als Einzelerscheinung auf.
Von Iuppiter sind nur drei Statuetten und eine Weihinschrift überliefert. Unter den verhältnismässig zahlreichen Minervadarstellungen ist eine überlebensgrosse Büste
besonders hervorzuheben, während die Göttermutter Iuno nur gerade durch ein Steinrelief belegt ist. Das seltene Vorkommen der drei höchsten Gottheiten der Römer lässt
darauf schliessen, dass die Menschen im täglichen Umgang mit der Religion diejenigen Göttinnen und Götter bevorzugten, von denen sie sich konkrete Unterstützung erhofften,
auch wenn diese im römischen Pantheon nicht an erster Stelle standen. Dementsprechend individuell präsentieren sich denn auch die Inventare der - privaten - Lararien. Ein
solches Hausheiligtum birgt in der Regel Statuetten von Göttern und Genien, zu denen der Hausherr oder die Familie ein besonderes Verhältnis hatte. Erhalten haben sich in
erster Linie Götterfiguren aus Bronze. Daneben gehörten Beleuchtungsgeräte, Räuchergefässe und pflanzliche Opfergaben zum festen Bestandteil eines Hausschreins. Das Inventar eines Larariums vom Südwestabhang des Kastelenplateaus (Insula 5) zeigt, wie individuell eine Familie den Inhalt eines solchen Privatheiligtums
zusammenstellen konnte. Erhalten haben sich daraus die Bronzestatuette eines sitzenden Merkurs, eine Büste des Weingottes Bacchus mit einem vegetabilen Aufsatz, die
Büste eines Knaben mit einer Herkuleskeule als Aufsatz, ein Lar, ein Genius, ein Amor mit Fackel sowie eine Mohnkapsel. Die Statuetten sind alle von hervorragender Qualität
und scheinen aus campanischen Werkstätten zu stammen. Als Entstehungszeit wird für die meisten Stücke das 1. Jahrhundert n. Chr. angenommen. Das gesamte Ensemble
wiederspiegelt den Reichtum und wohl auch den besonderen ästhetischen Geschmack des Besitzers, ohne dass eine bestimmte religiöse Vorliebe ersichtlich wird. In jedem Fall
wird es sich beim Hausherrn um einen eingewanderten Römer oder um einen bereits stark romanisierten Angehörigen der einheimischen Oberschicht gehandelt haben.
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Home Augusta Raurica Götter in Augusta Raurica siehe auch Religion, Kaiserkult, einheimische Götter, orientalische Götter, Götter in Rom, Tempel und Heiligtümer
| - | D. Schmid/A. Kaufmann-Heinimann (traduction française Chr. Hoffmann-Champliaud, english translation I. Aitken), Götter im Haus - Les dieux chez soi - Gods in the home. Augster Museumshefte 21 (Augst 1999). |
| - | A. Kaufmann-Heinimann, Götter und Lararien aus Augusta Raurica. Herstellung, Fundzusammenhänge und sakrale Funktion figürlicher Bronzen in einer römischen Stadt. Forschungen in Augst 26 (Augst 1998). |
| - | D. Schmid, Die römischen Schlangentöpfe aus Augst und Kaiseraugst. Forschungen in Augst 11 (Augst 1991). |
| - | M. Trunk, Römische Tempel in den Rhein- und westlichen Donauprovinzen. Ein Beitrag zur architekturgeschichtlichen Einordnung römischer Sakralbauten in Augst. Forschungen in Augst 14 (Augst 1991). |
Vgl. die Abbildung
Weitere Infos
Karin Kob
(Text aus: P. Zsidi/A. R. Furger (Hrsg.), Out of Rome. Augusta Raurica / Aquincum. Das Leben in zwei römischen Provinzstädten [Basel 1997])