Die einheimischen Gottheiten und Kulte Bei der Betrachtung einheimischer Gottheiten in den Provinzen stösst man oft auf den Umstand, dass die Römer und die hier ansässige, lokale Bevölkerung die einheimischen
Götter mit den römischen gleichsetzten. Dieses Phänomen, die vom Schriftsteller Tacitus benannte interpretatio Romana, führt immer wieder zu Problemen bei der Deutung
von Götterdarstellungen: Bei ihrer äusseren Erscheinung ist meist unklar, ob einheimische oder römische Gottheiten gemeint sind, da auch für einheimische Götter fast
durchwegs griechisch-römische Typen als Vorlagen verwendet wurden. Weil die wenigsten Statuetten Sockelinschriften tragen, fällt es häufig schwer zu entscheiden, ob die
dargestellten Gottheiten römischen oder einheimischen Ursprungs sind. Aber auch bei Weihinschriften ohne figürliche Darstellung lässt sich oft nicht sicher erkennen, ob sie
einheimischen oder nichteinheimischen Gottheiten gelten. Abgesehen von einheimischen Namen oder Beinamen von Göttern oder dem Zusatz deus/dea zu römischen
Götternamen existieren kaum allgemein verbindliche Kriterien für die Identifizierung nicht-römischer Gottheiten. So ist etwa fraglich, wie weit sich aus der ethnischen
Zugehörigkeit von Weihenden Schlüsse auf das Wesen der angerufenen Gottheit ziehen lassen; es ist durchaus möglich, dass sich einheimische Dedikanten nicht
ausschliesslich an einheimische Götter wandten. Oft ist bei den Inschriften für die am häufigsten angerufenen Götter Iuppiter, Merkur, Mars und Apollo ihre einheimische
Entsprechung gemeint und nicht die römische Gottheit. Das durch die Inschriften gewonnene Bild legt nahe, dass auch bei den Bronzestatuetten trotz römischer
Erscheinungsformen mit einheimischen Göttervorstellungen zu rechnen ist. Eine allzu starre Grenze zwischen einheimischen und italischen Gottheiten sollte ohnehin nicht
gezogen werden, da einerseits gerade die fliessenden Übergänge ein Charakteristikum der interpretatio Romana sind. Andererseits setzten nicht nur die Römer die gallischen
Götter mit den ihnen vertrauten gleich. Auch die romanisierten Einheimischen übernahmen mit den fremden Göttertypen und der Form der bildlichen und inschriftlichen Votive
mehr als nur Äusserlichkeiten. Die Votivgaben für Apollo, Sirona, Sucellus, Aesculap und Herkules im Heiligtum in der Grienmatt zeigen, dass hier einheimische und italische Gottheiten zusammen verehrt
worden sind. Apollo, einer der wichtigsten Götter der Stadt, der sogar im Titel der Kolonie erscheint, wurde auch als keltischer Heil- und Quellgott zusammen mit seiner
Kultgefährtin Sirona in diesem Heiligtum und vielleicht auch im Tempel «Sichelen 2» verehrt. Eine formal wie inhaltlich klar definierte Festlegung erfahren einheimische Figuren
wie etwa der typisch gallische Gott Sucellus. Er ist in Augusta Raurica mit einer Weihinschrift und zwei Bronzestatuetten belegt. Gerade die beiden figürlichen Darstellungen
zeigen in bemerkenswerter Weise die Spannbreite zwischen interpretatio Romana und eindeutig einheimisch-keltischer Umsetzung: Das eine Exemplar ist von herausragender
Qualität und zeigt die stilistische Romanisierung dieses einheimischen Gottes sehr eindrücklich; er erscheint im Typus des majestätisch stehenden Göttervaters Iuppiter, nur die
Kleidung erinnert an seine gallische Herkunft. An der zweiten Statuette sind dagegen besonders stark die ausgeprägten Elemente der einheimischen keltischen Kunst zu
beobachten: die weiche, etwas schwammig wirkende Modellierung des Körpers, die eingekerbten Gewandfalten und die Frisur. Weitere, typisch gallo-römische Gottheiten sind in Augusta Raurica nur durch einzelne Belege vertreten: die bereits erwähnte Quellgöttin Sirona, die Kreuzweggöttinnen
(Quadruviae) und die Pferdegöttin Epona, die vor allem in Nord- und Ostgallien sowie entlang des Rheinlimes verehrt wurde. Im Gebiet der Schweiz sind bisher sieben
Zeugnisse des Kultes der Pferdegöttin bekannt; aus Augst ist nur gerade eine Bronzestatuette überliefert, die von ihrer plastischen Qualität her zu den überdurchschnittlichen
Stücken gehört, auch wenn sie provinzielle Züge trägt. Der Grund für diese Seltenheit der gallo-römischen Götter dürfte darin zu suchen sein, dass in Augusta Raurica nur
wenige Weihinschriften überliefert sind; diese könnten das heutige Bild mit Bestimmtheit verändern und auch in der Frage nach den Gottheiten, denen die gallo-römischen
Vierecktempel geweiht waren, Aufschluss geben. Ein anschauliches Beispiel für die Verschmelzung von einheimischen und römischen Glaubensvorstellungen sind die Schlangentöpfe aus Augusta Raurica. Die Form dieser
Gefässe steht in keltischer Tradition, ebenso der widderähnliche Schlangenkopf. Das Symbol der Schlange selbst entstammt in diesem Zusammenhang hingegen dem
römischen Kulturkreis. Hier stand sie für Fruchtbarkeit und Wiedergeburt und hatte als Schutzsymbol, insbesondere im häuslichen Bereich, im Gegensatz zu heute eine
durchaus positive Bedeutung. Ausser in den Tempeln sind die Schlangentöpfe im ganzen Stadtgebiet von Augusta Raurica anzutreffen, mit einer deutlichen Konzentration in
den Wohn- und Handwerksbezirken. Die religiösen Handlungen, bei denen man sich der Schlangentöpfe bediente, fanden demnach nicht in Tempeln oder Kultlokalen statt,
sondern in den Privathäusern. Hier zeichnet sich eine spezielle sakrale Handlung in Form eines Hauskultes oder Rituals ab, bei dem die Schlange als Schutzgeist des Hauses
und der Familie eine Rolle spielte. Dieser kultische Brauch im familiären Kreis wurde vielleicht in Form eines Trankopfers am Lararium durchgeführt. Schlangendarstellungen in
Verbindung mit Hausheiligtümern sind etwa aus Pompeji bekannt, wo zahlreiche Lararien mit Malereien von Schlangen geschmückt sind. In Augusta Raurica sind über 70
Schlangentöpfe nachgewiesen. Ihr häufiges Vorkommen in der Koloniestadt und ihrer Umgebung ist einmalig und lässt den Schluss zu, dass der Kult eine Eigenheit der Region
war.
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Home Augusta Raurica Götter, einheimische siehe auch Religion, Kaiserkult, Götter in Augusta Raurica, orientalische Götter, Götter in Rom, Tempel und Heiligtümer
| - | A. Kaufmann-Heinimann, Götter und Lararien aus Augusta Raurica. Herstellung, Fundzusammenhänge und sakrale Funktion figürlicher Bronzen in einer römischen Stadt. Forschungen in Augst 26 (Augst 1998). |
| - | D. Schmid, Die römischen Schlangentöpfe aus Augst und Kaiseraugst. Forschungen in Augst 11 (Augst 1991). |
| - | C. Bossert-Radtke, Die figürlichen Rundskulpturen und Reliefs aus Augst und Kaiseraugst. Forschungen in Augst 16 = Corpus Signorum Imperii Romani. Schweiz III. Germania superior. Augusta Rauricorum (Augst 1992). |
| - | G. Ristow, Römischer Götterhimmel und frühes Christentum. Bilder zur Frühzeit der Kölner Religions- und Kirchengeschichte (Köln 1980). |
Weitere Infos
Debora Schmid
(Text aus: P. Zsidi/A. R. Furger (Hrsg.), Out of Rome. Augusta Raurica / Aquincum. Das Leben in zwei römischen Provinzstädten [Basel 1997])