Die orientalischen Gottheiten und Kulte Neben dem offiziellen Staats- und Kaiserkult und den Kulten einheimischer Tradition war die Verehrung orientalischer Gottheiten zu allen Zeiten im ganzen römischen Reich
verbreitet. Der Weg vieler dieser Kulte in die westlichen Provinzen lässt sich aus heutiger Sicht nicht mehr genau verfolgen. Eindeutig belegt ist jedoch ihre wachsende
Beliebtheit im Verlauf des 2. und 3. Jahrhunderts, da viele Menschen in den zunehmend zur blossen Formel gewordenen offiziellen und halboffiziellen Kulten keinen Sinngehalt
mehr finden konnten. Die orientalischen Kulte versprachen den Gläubigen ein glückliches Leben im Jenseits und eine mystische Vereinigung mit der Gottheit im Weiterleben
über den Tod hinaus. Diese Mysterienkulte boten somit eine neue Form der Religiosität. Unter ihnen hatten die Mysterien des Mithras die grösste Verbreitung. Sie waren den
Männern vorbehalten und fanden ihre grösste Anhängerschaft vor allem unter den Angehörigen des Militärs, aber auch unter den Händlern. Gesicherte Belege für den Mithraskult sind in Augusta Raurica spärlich; ein Kultlokal - ein Mithräum - konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Die Mithrasverehrung lässt sich
hier nur durch ganz wenige Zeugnisse fassen: Zwei Inschriften mit der für Mithras bezeichnenden Götteranrede deo invicto, einige Bruchstücke von Gefässen mit
Schlangenauflage sowie ein kleines Relief unsicherer Provenienz, das die mythische Stiertötung durch Mithras, den eigentlichen Erlösungsakt, zeigt. Obwohl wir über die
Zeitstellung dieser wenigen Belege nichts Genaues wissen, ist es möglich, dass sich bereits unter den im 1. Jahrhundert in Augst stationierten Truppen Anhänger dieses Kultes
befanden. Der Mysterienkult des phrygisch-thrakischen Gottes Sabazios breitete sich, wenn auch in geringerer Dichte, ebenfalls über das ganze römische Reich aus. In Augst können zwei
Schlangengefässe, die sich durch ihre Form von denjenigen des Mithraskultes unterscheiden, in Zusammenhang mit dieser Gottheit gebracht werden. Anders als die in einem
privaten Hauskult verwendeten bauchigen Schlangentöpfe wurden diese kelchartigen Mischgefässe bei religiösen Ritualen im Sabazioskult eingesetzt, in dem die auf den
Gefässen angebrachten Schlangen, Schildkröten und Frösche eine bedeutende Rolle spielten. Weitere Belege für den Sabazioskult, insbesondere ein Kultlokal, fehlen bisher in
Augusta Raurica. Die beiden Kratere wurden denn auch in Wohnhäusern gefunden. Die spärliche Quellenlage weist darauf hin, dass der Sabazioskult unter der
Stadtbevölkerung keine breite Anhängerschaft besass; vielmehr muss von vereinzelten Gläubigen ausgegangen werden. Im Legionslager von Vindonissa (Windisch [AG])
hingegen sind diese Schlangengefässe sehr viel häufiger nachgewiesen. Der Vergleich verdeutlicht die grössere Beliebtheit des Sabazioskultes bei Militärpersonen als bei der
Zivilbevölkerung der Koloniestadt. Der syrische Gott Iuppiter Dolichenus erhielt seinen Beinamen nach seinem Herkunftsort Doliche in der heutigen Türkei. Von Kleinasien gelangte sein Kult am Ende des 1. und
vor allem zu Beginn des 2. Jahrhunderts durch Armeeangehörige und Händler in den Westen des römischen Reiches, wo er bald eine grosse Kultgemeinde sowohl unter den
Soldaten als auch unter der Zivilbevölkerung hatte. Eine in Augst gefundene Votivhand ist bisher das einzige sichere Zeugnis seines Kultes im Gebiet der Schweiz.
Möglicherweise können auch weitere Hände aus Martigny und vom Grossen St. Bernhard-Pass sowie ein Blech aus Vindonissa diesem Kult zugewiesen werden. Die Funktion
dieser Votivhände ist heute trotz intensiver Forschung nicht ganz klar. Sie könnten als Aufsätze von Kultstandarten oder Szeptern gedient haben oder als Votive auf einem
Sockel oder einer Stange angebracht gewesen sein. Die Augster Votivhand ist wohl der persönlichen Vorliebe einer einzelnen Person für diesen Kult zuzuschreiben. Nachdem in Italien seit der frühen Kaiserzeit ägyptische Götter verehrt worden waren, begannen sie auch in den Provinzen nördlich der Alpen Fuss zu fassen, wo sie vor allem
in Handelszentren nachgewiesen sind. Im Gebiet der heutigen Schweiz sind erst ganz wenige Belege für die Verehrung ägyptischer Gottheiten überliefert. In Augusta Raurica
ist einzig Harpokrates, der Gott des Schweigens und Beschützer der Kinder, durch eine Bronzestatuette sicher belegt, die in Kaiseraugst in gestörter Fundlage zum Vorschein
kam. Analog zum Fund einer Gruppe von Statuetten mit ägyptischen Gottheiten aus der Villa von Vallon (Kt. Freiburg) möchte man annehmen, dass er ursprünglich zusammen
mit anderen Bronzefiguren in einem Lararium aufgestellt war. In Augusta Raurica - und generell im Gebiet der Nordwestschweiz - liegen nur spärliche Hinweise auf die Verehrung orientalischer Gottheiten vor. Es ist deshalb nicht
anzunehmen, dass einer dieser Kulte in der Stadt fest eingerichtet war; vielmehr darf nur von einer jeweils kleinen Glaubensgemeinde ausgegangen werden. Der Grund dafür
könnte einerseits darin zu suchen sein, dass sich diese Kulte vor allem unter den Angehörigen des Militärs grosser Beliebtheit erfreuten, dessen Präsenz in der zivilen
Koloniestadt Augusta Raurica in der fraglichen Zeit nur sehr gering war. Andererseits dürfte dieser Befund auch damit zusammenhängen, dass in Augusta Raurica weniger
weitgereiste Händler mit «internationalen» Beziehungen ansässig waren als etwa in grossen Städten im Osten, wo deren Einfluss auf die Verbreitung orientalischer Kulte
offensichtlich ist.
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Home Augusta Raurica Götter, orientalische siehe auch Religion, Kaiserkult, einheimische Götter, Götter in Augusta Raurica, Götter in Rom, Tempel und Heiligtümer
| - | M. Clauss, Mithras. Kult und Mysterien (München 1990). |
| - | E. Schwertheim, Mithras. Seine Denkmäler und sein Kult. Antike Welt, Sondernummer (Feldmeilen 1979). |
| - | R. Merkelbach, Mithras. Ein persisch-römischer Mysterienkult (Wiesbaden 1998). |
| - | R. Turcan, Les Cultes Orientaux dans le Monde Romain (Paris 1989). |
| - | R. Fellmann, Der Sabazioskult. In: M. J. Vermaseren, Die orientalischen Religionen im Römerreich. Etudes préliminaires aux religions orientales dans l'empire Romain 93 (Leiden 1981) 316 ff. |
| - | A. Kaufmann-Heinimann, Götter und Lararien aus Augusta Raurica. Herstellung, Fundzusammenhänge und sakrale Funktion figürlicher Bronzen in einer römischen Stadt. Forschungen in Augst 26 (Augst 1998). |
| - | K. Kob Guggisberg, Eine Votivhand für Juptier Dolichenus aus Augst. Jahresberichte aus Augst und Kaiseraugst 13, 1992, 121 ff. |
| - | D. Schmid, Die römischen Schlangentöpfe aus Augst und Kaiseraugst. Forschungen in Augst 11 (Augst 1991). |
Weitere Infos
Debora Schmid
(Text aus: P. Zsidi/A. R. Furger (Hrsg.), Out of Rome. Augusta Raurica / Aquincum. Das Leben in zwei römischen Provinzstädten [Basel 1997])