In nur gerade 50 m Entfernung vom östlichen Stadttor, an der Strasse nach Vindonissa, erhob sich in erhöhter Lage eine monumentale Grabanlage. Es handelt sich um eine
Rotunde von 15 m Durchmesser und mindestens 3 m Höhe, über der sich einst ein Erdhügel wölbte. Unter dem Grabmal fanden sich in einer kleinen Grube zwei gläserne
Parfümfläschchen und der Leichenbrand, der vermutlich von einem 35- bis 40-jährigen Mann stammt. Es handelt sich um ein Bustumgrab, da die Grube an der gleichen Stelle,
an der zuvor die Kremation stattgefunden hatte, ausgehoben worden war. Die Untersuchung des Brandschuttes zeigte, dass dem Toten je eine gefüllte Weinamphore aus
Italien, Spanien und Griechenland, ferner Fleischstücke von Schwein, Schaf oder Ziege, Hase und Huhn, Hülsenfrüchte und Obst sowie, vielleicht in einem Korb, mindestens
2,5 kg Getreide auf den Scheiterhaufen mitgegeben worden waren. Wie vereinzelte Stücke der mitverbrannten Amphoren im Gussmaterial des Mauerkerns zeigen, hat man
das Grabmonument erst nach der Kremation errichtet. Die zeitlich grob eingrenzbaren Amphorenscherben und die Situation im Bereich von Stadtmauer und Osttor machen
eine Datierung des Grabes an das Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. wahrscheinlich. Aufgrund des monumentalen Charakters des Grabes, das mit Bauten in Mittelitalien und im
Trierer Land verglichen werden kann, handelte es sich bei dem Bestatteten um eine herausragende Persönlichkeit. Die grosszügige Beigabe von Speisen und Getränken, vor
allem der Brauch, dem Verstorbenen gefüllte Weinamphoren auf den Scheiterhaufen zu legen, entspricht der Tradition der keltischen Oberschicht. Um eine gut römische Sitte
handelt es sich hingegen bei der Beigabe von zwei mit wohlriechenden Essenzen gefüllten Glasfläschchen. Der Verstorbene dürfte daher zur romanisierten gallo-römischen
Oberschicht von Augusta Raurica gehört haben. Neben Grabmonumenten weisen Ziegelkistengräber auf eine sozial gehobene Schicht. Diese enthielten oft Glasurnen, die als teure Urnenkategorie anzusprechen sind. Wie die
Grabmonumente lagen die Ziegelkistengräber in der Nekropole «Im Sager» an der nach Vindonissa führenden Strasse, was darauf hinweist, dass in diesem Friedhof die
Oberschicht von Augusta Raurica bestattet war. Im Nordwestgräberfeld, in der Nähe der Ergolzbrücke, kam der Grabstein eines Händlers zum Vorschein, der eines der wenigen
aus Augusta Raurica bekannten Grabreliefs zeigt. Der dargestellte Mann trägt einen keltischen Kapuzenmantel und hält eine Schreibtafel. Im unteren Bildfeld illustrieren eine
Waage und mehrere aufgeschichtete Objekte, vermutlich Eisenbarren, den Beruf des Verstorbenen. Die Abfolge mit einer Nische mit Halbfigur, Inschrift und Bildfeld ist auf
Militärgrabsteinen beliebt. Beim Augster Händlergrabstein handelt es sich allerdings um eine der im Gebiet der heutigen Schweiz seltenen Bilddarstellungen einheimischer
Zivilpersonen. Einheimisches und Römisches wird auf dem Grabstein vermischt: Der Verstorbene trägt den keltischen Kapuzenmantel, wählt aber mit dem Grabstein die
römische Grabform. Von der gleichen Stelle stammt die Grabplatte des Blandus, Sohn des Vindaluco. Blandus bedeutet «einnehmend, gewinnend, schmeichlerisch» und war ein Sklavenname. Der
Vater, Vindaluco, besass einen keltischen Namen. Der Verstorbene war demnach ein Sklave einheimisch-keltischer Abstammung, der es zu einem gewissen Wohlstand
gebracht hatte. Ein weiterer Grabstein, in Zweitverwendung als Abdeckplatte eines Abwasserkanals verbaut, trägt im Giebel die Darstellung eines Halbmondes als Ausdruck des Glaubens,
dass die Seelen nach dem Tod zu den Gestirnen aufsteigen. Der auf dem Stein genannte Verstorbene Marcus Attius Severus gehörte nicht zu dem stadtrömischen Geschlecht
der Attier, sondern war ein einheimischer Neubürger mit dem gleichen Familiennamen. Sein Sohn Severianus, der den Stein aufstellen liess, folgte nicht dem römischen
Brauch, den Familiennamen des Vaters weiterzuführen, sondern leitete seinen Geschlechtsnamen nach einheimischer Art vom Beinamen des Vaters, Severus, ab.
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Home Augusta Raurica Gräberfunde in Augusta Raurica siehe auch Gräber, Grab- und Bestattungssitten, Gräber in Rom, Religion
| - | L. Berger (mit einem Beitrag von Th. Hufschmid), Führer durch Augusta Raurica (Basel 19986) 5 ff. und 219 ff. |
| - | U. Müller, Ausgrabungen in Kaiseraugst im Jahre 1991. Jahresberichte aus Augst und Kaiseraugst 13, 1992, 207 ff. (Gräberfeld "Im Sager"). |
| - | L. Berger u.a., Die Grabungen beim Augster Osttor im Jahre 1966. Jahresberichte aus Augst und Kaiseraugst 5, 1985, 6 ff. (monumentaler Rundbau). |
| - | Ch. Haeffelé (mit Beitr. v. M. Petrucci-Bavaud/V. Trancik Petitpierre/M. Veszeli), Die römischen Gräber an der Rheinstrasse 46 des Nordwestgräberfeldes von Augusta Raurica. Jahresberichte aus Augst und Kaiseraugst 17, 1996, 217 ff. |
| - | M. Martin, Das spätrömisch-frühmittelalterliche Gräberfeld von Kaiseraugst, Kt. Aargau. Basler Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte 5B/5A (Derendingen 1976 und 1991). |
Vgl. die Abbildung
Weitere Infos
Beat Rütti
(Text aus: P. Zsidi/A. R. Furger (Hrsg.), Out of Rome. Augusta Raurica / Aquincum. Das Leben in zwei römischen Provinzstädten [Basel 1997])