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Wie in allen nördlichen Provinzen des römischen Reiches herrschte auch in der Colonia Raurica eine relativ kleinräumige wirtschaftliche Symbiose zwischen Stadt und Hinterland, welche diesem Wirtschaftsraum eine weitgehende Autarkie garantierte. Auch wenn in römischer Zeit der
Fernhandel ein beträchtliches Volumen erreicht hatte und Güter über Hunderte von Kilometern auf Strassen und Flüssen transportiert wurden, waren es die regionalen Märkte, die eine Existenz der Bevölkerung gewährleisteten. Historische Nachrichten über umfangreiche Importe oder
Exporte von Grundnahrungsmitteln, wie sie für Rom, Nordafrika oder die iberische Halbinsel überliefert sind, fehlen für unsere Breiten. Das Importgut umfasste hier vor allem Rohstoffe und Luxusgüter, deren Anteil am Güterumschlag aber eher ergänzend und nicht substantiell zu
werten ist. Der Umschlag von Importgütern auf den städtischen Märkten war zwar sehr vielfältig, verglichen mit der Menge von lokalen Produkten aber weit weniger bedeutend.
Transporte über weite Strecken waren zeitraubend, risikoreich und teuer. Deswegen mussten alle lebensnotwendigen Güter - Nahrung, Kleidung, Baustoffe - über die regionalen Märkte erhältlich sein, und die Städte waren existentiell auf ihr agrarisches Hinterland angewiesen. Um die
landwirtschaftlichen Produkte vom Land in die Stadt zu verhandeln, mussten funktionierende Beziehungsnetze vorhanden sein, die eine Verteilung der Güter ermöglichten. Dabei spielten die regionalen Märkte eine entscheidende Rolle.
Augusta Raurica war der zentrale Markt einer Region, sowohl im übertragenen als auch im konkreten Sinne: Hier fand sich eine gesicherte Kundschaft für die Produkte vom Lande, und hier wurden Markttage abgehalten. Das Volumen der in Augusta Raurica umgeschlagenen Güter
kann nicht genau bestimmt werden, muss aber allein angesichts des geschätzten durchschnittlichen Getreideverbrauchs von 180-200 kg pro Person und Jahr beträchtlich gewesen sein. Daneben gelangten auch grössere Mengen an Schlachtvieh, Obst, Gemüsen und weiteren
Nahrungsmitteln sowie Rohstoffen vom Land auf den Markt.
Die andere Komponente des regionalen Marktes war der Erwerb der in Augusta Raurica hergestellten Güter durch Abnehmer auf dem Land. Ohne das ländliche Absatzgebiet - und in geringem Umfang sicher auch die weiträumigeren Exportmöglichkeiten (z.B. Räuchereispezialitäten) -
wären die zahlreichen Handwerkerbetriebe, Werkstätten und Handelshäuser von Augusta Raurica nicht überlebensfähig gewesen. Archäologisch lässt sich dieser Warenaustausch anhand identischer Produkte, Herstellungstechniken, Materialien und Stile für gewisse Töpferwaren und
für Mosaiken belegen. So findet sich auf manchen Gutshöfen dieselbe Gebrauchskeramik, wie sie in Augusta Raurica produziert und verwendet wurde. Die Mosaiken in der Villa von Liestal-Munzach scheinen von denselben Kunsthandwerkern und mit denselben Steinmaterialien
hergestellt worden zu sein wie das Gladiatorenmosaik in Insula 30. Ausserdem hat der Absatzmarkt für Güter aus der Stadt im Koloniegebiet sicher gut gespielt, so zum Beispiel für Fibeln, Statuetten, Metallgefässe, Lampen, eisernes Gerät, Schnitzer- und Drechslerwaren aus Holz und
Bein, Möbel und vieles mehr.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt der regionalen Märkte, der über die wirtschaftliche Funktion hinausging, war ihre Bedeutung für die sozialen und politischen Beziehungen zwischen der Stadt und ihrem Hinterland. Der städtische Markt bot zudem der Landbevölkerung die einzige
Möglichkeit, sich im Tausch gegen landwirtschaftliche Güter Bargeld für Steuerabgaben und Einkäufe zu beschaffen.
In Ergänzung zu den lebensnotwendigen Erzeugnissen aus der Region bestand ein vielfältiges Angebot an Produkten aus weit entfernten Teilen des Imperiums, die den Marktplatz Augusta Raurica über den Fernhandel erreichten. Dabei handelt es sich zum Teil um teure Luxusartikel,
zum Teil aber auch um Waren, die sich eine breitere Bevölkerungsschicht leisten konnte, wie zum Beispiel Sigillatageschirr, Wein und Olivenöl. Archäologisch nachgewiesen ist etwa der Handel mit Austern, Rohmetallen, Farbpigmenten (z.B. Ägyptisch Blau), Gewürzen, medizinischen
Präparaten (z.B. Kräutersalben gegen Augenkrankheiten) sowie mit Nahrungsmitteln, die in Amphoren aus dem Mittelmeerraum und aus Gallien importiert wurden: Olivenöl, Südweine, Fischsaucen, Datteln usw. Eine detaillierte Studie dieser Fundgattung erlaubt den Schluss, dass
Amphoren mit südspanischem Olivenöl und gallischem Wein - selten auch mit südspanischen Fischsaucen - ihren Weg auch in die Villen auf dem Lande fanden. Drei exotische Weinspezialitäten lassen sich mit Hilfe von Amphorenfunden in Gutshöfen der Umgebung von Augusta
Raurica nachweisen: im 1. Jahrhundert Wein von der Insel Kos in der südlichen Ägäis in Bubendorf-Bad, im 3. Jahrhundert solcher aus der westlichen Türkei in Pratteln-Kästeli und im 4. Jahrhundert eine Amphorenfüllung aus Tunesien in Laufen-Müschhag. Manche dieser Lebensmittel
waren prestigeträchtige Qualitätsprodukte, welche die lokalen Erzeugnisse ergänzten. Ein Rebmesser und eine kleine Amphorenproduktion in Augst sowie Rebstockfunde vermutlich des 4. Jahrhunderts aus einem Gutshof in Aesch belegen die Produktion von Wein auch in der Region.
Dieser Wein wurde primär in Fässern und nicht in Amphoren gelagert. Als Ersatz für das teure Olivenöl sind andernorts auch Walnuss-, Lein-, Buchecker- und Mohnöl nachgewiesen. Verpackungen von Importprodukten wurden oft zweckentfremdet und lange weiterverwendet. Dies trifft
nicht nur für die Amphoren zu, sondern wohl auch für die Holzkisten mit Knochenscharnieren, die mit unbekanntem Inhalt aus dem Mittelmeerraum nach Augst transportiert wurden.
Weitere Infos
Alex R. Furger und Yolanda Hecht
(Text aus: P. Zsidi/A. R. Furger (Hrsg.), Out of Rome. Augusta Raurica / Aquincum. Das Leben in zwei römischen Provinzstädten [Basel 1997])