Inschriften, charakteristische Kleinfunde und Befestigungsbauten belegen, dass auch in der Zivilstadt Augusta Raurica zeitweilig römische Armee-Einheiten stationiert gewesen
sind. Ihre Anwesenheit spiegelt mehr oder weniger die jeweilige politische und militärische Situation wider und kann somit auch mit den bekannten Eckdaten der
Ereignisgeschichte verknüpft werden. Unweit des Rheinufers wurde in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts ein Holz-Erde-Kastell errichtet, das zusammen mit dem Legionslager in Vindonissa zu einem vom Rhein
bis zum östlichen Alpenvorland reichenden Defensiv-System gehörte. Das möglicherweise zweiphasige Holzkastell wurde im Zuge der Vorverlegung des Limes um die Mitte
des 1. Jahrhunderts geräumt und abgebrochen. Das freigewordene Areal ist in der Folge zivil genutzt worden und bildete einen Teil der Kaiseraugster Unterstadt. Für die folgende Blütezeit der Stadt sind bisher keine militärischen Einrichtungen nachgewiesen worden; auffallend viele Militaria aus der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr.
deuten jedoch auf eine Militärpräsenz auch in dieser Zeit hin. Für die Anwesenheit von militärischen Einheiten spricht dann wieder ein nach der Mitte des 3. Jahrhunderts
angelegtes, etwa 100 × 100 m grosses Spitzgraben-Geviert im Areal des späteren Castrum Rauracense, das allerdings noch kaum erforscht ist. Es könnte zu einem
Auxiliarlager (für Hilfstruppen) gehört haben, in welchem nach der Aufgabe des Limes ein mit der Sicherung der Rheingrenze und mit dem Schutz der Koloniestadt betrautes
Truppendetachement stationiert war. Die folgenden Ausführungen haben jedoch vor allem die Erkenntnisse zur Bauweise und zur Bautechnik der spätrömischen Befestigung auf «Kastelen» und des Castrum
Rauracense zum Inhalt. In diesem Zusammenhang ist jedoch festzuhalten, dass beide Wehranlagen zwar der Militärarchitektur im weitesten Sinne zugeordnet werden können,
aber mit Sicherheit nicht nur von Armeeangehörigen, sondern - sei es vorübergehend oder dauernd - auch von der zivilen Bevölkerung bewohnt wurden.
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Home Augusta Raurica Militärische Befestigungen in Augusta Raurica siehe auch Legionäre, Pferde
Die Befestigung des bereits durch die topographischen Gegebenheiten gut geschützten Kastelenplateaus im Norden der Augster Oberstadt erfolgte nach Aussage der jüngsten, im Fundament der Wehrmauer gefundenen Münze frühestens im Jahre 276, also mehr oder weniger unmittelbar nach den in verschiedenen Insulae nachweisbaren Kampfhandlungen und Zerstörungen in den frühen siebziger Jahren des 3. Jahrhunderts. Diese Kämpfe könnten sich im Zusammenhang mit der Zerschlagung des Gallischen Sonderreiches unter Kaiser Aurelian (270-275) oder im Zuge des verheerenden Alamanneneinfalles des Jahres 275 ereignet haben.
Die Hauptkomponente des etwa 3 Hektaren grossen, befestigten Siedlungskernes auf dem Kastelenplateau («enceinte réduite») bildete eine rund 750 m lange Wehrmauer, deren Verlauf sich sehr stark nach den topographischen Verhältnissen richtete. Typisch ist ferner, dass auch ältere Hangstützmauern und Teile der zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend zerstörten kaiserzeitlichen Überbauung in den Bering integriert wurden.
Die ca. 2,5 m starke Wehrmauer besass ein etwa meterhohes, trocken gemauertes Fundament aus fischgrätartig geschichteten Spolien (wiederverwendete Handquader; Bruchstücke von Gesimsen, Kapitellen und Säulentrommeln). Auf dieser ruhte die ebenfalls mit Hilfe von Spolien errichtete Sandsteinquaderlage des aufgehenden Mauerwerks. Die mindestens doppelt verlegte Quaderlage diente ihrerseits als Unterlage für die höchstwahrscheinlich aus sekundär verwendeten Handquadern errichteten Mauerschalen und für den dazwischen liegenden, mit Ziegelbruch und kleineren Spolien durchsetzten Gussmauerwerkkern.
Über die Höhe der Wehrmauer sind keine konkreten Angaben möglich; Vergleiche mit zeitgleichen, in derselben Technik errichteten Stadtbefestigungen in Gallien (u.a. in Bordeaux, Le Mans, Lyon, Reims, Soissons) zeigen jedoch, dass sie - zumindest an den durch die Topographie weniger gut geschützten Stellen - gegen zehn Meter hoch gewesen sein könnte. Nach Aussage von halbwalzenförmigen Abdecksteinen besass die Wehrmauer überdies einen Zinnenkranz oder zumindest eine gemauerte, rund 0,6 m starke Brustwehr.
Ungeklärt ist, ob die Wehrmauer zusätzlich mit in regelmässigen Abständen angeordneten Türmen verstärkt war. Der einzige diesbezügliche Hinweis, ein im Bereich der auf das Plateau führenden «Nordrandstrasse» nachgewiesenes, rund 5 × 5 m grosses Fundament eines vorspringenden Rechteckturmes (ballistarium?) scheint darauf hinzudeuten, dass - wie zum Beispiel in Oberwinterthur (Vitudurum) oder Genf (Genava) - lediglich besonders exponierte Abschnitte punktuell verstärkt worden sind. Dies trifft namentlich auch auf den durch die topographischen Gegebenheiten kaum geschützten Südabschnitt der Wehrmauer zu, welcher zusätzlich mit einem vorgelagerten, tiefgestaffelten Wall-Graben-System geschützt worden ist.
Wenig Konkretes ist über die Lage der Zugänge in die «enceinte réduite» bekannt; eine Lücke in der Fundamentpackung und ein als Überrest einer Toranlage interpretiertes Fundament im Bereich der von Süden her auf das Kastelenplateau führenden «Hohwartstrasse» deuten aber darauf hin, dass zumindest der cardo maximus der kaiserzeitlichen Stadt weiterhin als Verkehrsachse genutzt worden ist.
Verschiedene, verblüffende Analogien zu den etwa zeitgleichen Stadtbefestigungen in Gallien und Raetien lassen darauf schliessen, dass der Bau der «enceinte réduite» auf dem Kastelenplateau ebenfalls im Rahmen der von Kaiser Probus (276-282) veranlassten Konsolidierungsmassnahmen erfolgt ist. Die im Bauhorizont gefundenen Militaria zeigen jedenfalls, dass die Wehrmauer unter Mitwirkung von Armeeangehörigen errichtet worden ist. Dies und die weiträumig fassbare, recht einheitliche Bauweise lassen den Schluss zu, dass die Befestigung auf «Kastelen» offensichtlich im Rahmen eines grösseren, durchdachten Verteidigungskonzeptes errichtet worden ist, welches einerseits einen wirksamen Schutz der Bevölkerung, andererseits die Sicherung der wirtschaftlichen Produktivität in den Grenzgebieten zum Ziel hatte.
Diese Funktion erfüllte die Befestigung auf «Kastelen» sicher bis zur planmässigen Schleifung des Wall-Graben-Systemes beziehungsweise bis zum systematischen Abbruch der Wehrmauer zum Zwecke der Baumaterialbeschaffung um die Mitte des 4. Jahrhunderts. Höchstwahrscheinlich ist aber der Grossteil der Bevölkerung bereits zu einem früheren Zeitpunkt in das um 300 n. Chr. errichtete Castrum Rauracense abgewandert. Ausschlaggebend für die allmähliche Verlagerung des Siedlungsschwerpunktes könnte - unter anderem - die wesentlich bessere Infrastruktur und die Festbauweise der Innenbebauung im castrum gewesen sein. Letztere steht jedenfalls in einem deutlichen Gegensatz zu den zum Teil improvisiert instandgestellten, insulazeitlichen Räumen und den bescheidenen Holzgebäuden im Inneren der Befestigung auf «Kastelen».
Das um 300 n. Chr. errichtete, etwa 3,7 Hektaren grosse, an den Rhein grenzende Castrum Rauracense gilt als eine der imposantesten Wehranlagen der spätrömischen Reichsgrenze im Westen. Seine 4 m starke und rund 850 m lange Wehrmauer war mit 14 polygonalen Türmen bestückt und mit einem 10 m breiten Graben geschützt. Die drei bekannten Toranlagen besassen einen nach innen vorspringenden, etwa 9 m langen und 3,5 m breiten, mit Steinplatten ausgelegten Zwinger und waren zusätzlich von aus der Wehrmauer hervorspringenden Doppeltürmen flankiert.
Die Konstruktionsweise der Wehrmauer des castrum ist in mancher Beziehung mit derjenigen der Vorgängerbefestigung auf «Kastelen» vergleichbar. Neuere Grabungen haben jedoch gezeigt, dass die unterschiedlich hohe, weitgehend aus Spolien (darunter auch zahlreichen verschleppten Inschriften) errichtete Quaderlage hier nur teilweise direkt auf der rund meterhohen Fundamentpackung aus trocken verlegten, fischgrätartig geschichteten Kalkbruchsteinen aufliegt.
Die Wehrmauer des castrum dürfte ebenfalls gegen zehn Meter hoch gewesen sein; über die Ausgestaltung des oberen Abschlusses sind aber keine gesicherten Aussagen möglich.
Das in den spätantiken Quellen verschiedentlich erwähnte castrum stellte wegen des zugehörigen Rheinüberganges eine der strategischen Schlüsselstellen des spätrömischen Donau-Iller-Rhein-Limes dar. Die militärische Besatzung des Castrum Rauracense wurde nach Ausweis einer Grabinschrift und der gestempelten Leistenziegeln aus den Legionsziegeleien in der Flur «Liebrüti» zumindest zeitweise von der legio I Martia gestellt.
Ausser Grenzsoldaten (limitanei) bot das castrum auch der verbliebenen, zum Teil ausserhalb der Wehrmauer lebenden Zivilbevölkerung einen hinreichenden Schutz. Wie die sogenannten Rheinthermen, die Getreidespeicher, die Abwasserkanäle und die Kanalheizungen in den Wohnräumen zeigen, ermöglichte seine Infrastruktur den Bewohnern das Weiterführen eines zum Teil noch «städtisch» geprägten Lebens.
Trotz der umfangreichen fortifikatorischen Massnahmen wurde das castrum um 352/353 von Alamannen überrannt und teilweise zerstört. Beim anschliessenden Wiederaufbau wurde vermutlich das Südtor zugemauert, die Südostecke der Wehrmauer verkürzt und die Innenbebauung neu orientiert. Davon zeugt u.a. ein hinter dem zugemauerten Südtor errichteter Apsidenbau.
Einer letzten Ausbauphase unter den Kaisern Julian (360-363) und Valentinian (364-375) gehört schliesslich der Bau eines rechtsrheinischen Brückenkopfes auf dem Gebiet der Gemeinde Wyhlen/D an. Von der quadratischen oder rechteckigen und mit sechs oder acht Türmen versehenen Anlage sind heute nur noch die drei landseitigen Rundtürme erhalten. Der stark befestigte Brückenkopf bezeugt, dass die um 352/353 zerstörte und - laut Ammianus Marcellinus - im Jahre 354 noch nicht reparierte Rheinbrücke später instandgestellt oder durch eine Schiffsbrücke ersetzt worden sein muss.
| - | L. Berger (mit einem Beitrag von Th. Hufschmid), Führer durch Augusta Raurica (Basel 19986) 5 ff. und 42 ff. und 202 ff. |
| - | E. Deschler-Erb/M. Peter/S. Deschler-Erb, Das frühkaiserzeitliche Militärlager in der Kaiseraugster Unterstadt. Forschungen in Augst 12 (Augst 1991). |
| - | P.-A. Schwarz, Die Nordmauer und die Überreste der Innenbebauung der spätrömischen Befestigung auf Kastelen in Augusta Rauricorum. Vorbericht über die Grabung 1991.51. Jahresberichte aus Augst und Kaiseraugst 13, 1992, 47 ff. |
| - | P.-A. Schwarz, Ein spätrömischer Turm in der Flur Obermühle (Augst BL). Jahresber. Augst u. Kaiseraugst 19, 1998, 151 ff. |
| - | P.-A. Schwarz, Zur Spätzeit von Augusta Raurica. In: E. Schallmayer (Hrsg.), Niederbieber, Postumus und der Limesfall. Stationen eines politischen Prozesses. Bericht des ersten Saalburgkolloquiums. Saalburg Schriften 3 (Bad Homburg v. d. H. 1996) 60 ff. |
| - | P.-A. Schwarz, Die spätrömischen Befestigungsanlagen in Augusta Raurica - ein Überblick. In: C. Bridger/K. J. Gilles (Hrsg.), Spätrömische Befestigungsanlagen. Akten der Arbeitsgemeinschaft «Römische Archäologie» zur Tagung des West- und Süddeutschen Verbandes für Akltertumsforschung am 8.-9. Mai 1995 in Kempten (Allgäu). British Archaeological Reports, International Series 704 (Oxford 1998) 105 ff. |
Vgl. die Abbildung
Weitere Infos
Peter-Andrew Schwarz
(Text aus: P. Zsidi/A. R. Furger (Hrsg.), Out of Rome. Augusta Raurica / Aquincum. Das Leben in zwei römischen Provinzstädten [Basel 1997])