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Religion
siehe auch Kaiserkult, einheimische Götter, orientalische Götter, Götter in Augusta Raurica, Götter in Rom, Tempel und Heiligtümer, Gräber
 

Religiosität bestimmte als allgegenwärtiges Phänomen den Alltag antiker Kulturen weitaus stärker, als dies in vielen modernen Gesellschaften der Fall ist, und eine strikte Trennung von Staat und Religion war undenkbar.

Grundsätzlich lassen sich Kulte von öffentlichem und solche von privatem Charakter unterscheiden. Der römische Kultkalender bestimmte die staatlichen Feiertage und die Feste für die einzelnen Götter. Zudem wurde auch vor politischen oder militärischen Ereignissen geopfert und der Wille der Götter erkundet. Diese sakralen Handlungen waren einem strengen Formalismus unterworfen und standen unter der Aufsicht von Priesterkollegien. Für die Opferhandlungen waren Altäre erforderlich, die nicht nur vor Tempeln, sondern auch an Strassenkreuzungen oder an anderen wichtigen Orten aufgestellt wurden. Als Opfergaben konnten Weihrauch, Blumen und Früchte dienen, Tiere als Blut- oder Brandopfer und Wein als Trankopfer.

Auch im Privatleben war man um die pax deorum, das Einverständnis der Götter, bemüht. Unter der Aufsicht des Familienoberhauptes wurden am Hausheiligtum, dem lararium, täglich Opferhandlungen vorgenommen, die mit ihrem ritualisierten Ablauf fester Bestandteil des Alltags waren. Das Inventar dieser Lararien war stark von den Traditionen der einzelnen Familien geprägt. Neben den offiziellen Göttern waren vor allem Laren und Genien, die Schutzgötter des Hauses und des Ortes, sehr beliebt. Besondere Anlässe wie Geburt, das Anlegen der Männertoga, Hochzeit und Tod erforderten jeweils spezielle religiöse Handlungen. Manche Kulte waren den Frauen oder bestimmten Personengruppen wie zum Beispiel Berufsverbänden vorbehalten. Kaum einer spezifischen Gottheit zuzurechnen sind die unzähligen Amulette, Objekte mit übelabwehrender, beschützender Funktion; sie waren individuell auf das Schutzbedürfnis des Trägers oder der Trägerin abgestimmt.

In republikanischer Zeit kannte man in Rom in erster Linie Kulte lokalen Ursprungs (Iuturna, Mater Matuta, Quirinus u.a.). Die ursprünglichen Bedeutungen dieser Gottheiten wurden im Laufe der Zeit durch neue Ideen aus dem italischen Bereich und der hellenistischen Welt überlagert. So wurde zum Beispiel Iuppiter, ein mediterraner Himmelsgott, dessen Wurzeln sich weit in die italische Urgeschichte zurückverfolgen lassen, gemeinsam mit den beiden Göttinnen Iuno und Minerva zur obersten göttlichen Instanz des römischen Staates. Die Bezeichnung «Kapitolinische Trias» für die drei Gottheiten leitet sich vom Kapitolshügel in Rom her, auf dem seit der Zeit der etruskischen Könige (6. Jahrhundert v. Chr.) der wichtigste Tempel und das religiöse Zentrum der Stadt lagen. Daneben genossen auch andere Gottheiten wie Ceres, Castor und Pollux, Saturn, Ianus und Concordia grosses Ansehen, das im Bau monumentaler Heiligtümer seinen Ausdruck fand.

In Folge der Veränderung der traditionellen Wertvorstellungen und der damit einhergehenden Distanzierung von den alten religiösen Ideen fanden seit dem Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr. allmählich Kulte orientalischer Göttinnen und Götter Verbreitung - zunächst Magna Mater/Kybele, Isis und Serapis, in der Kaiserzeit gefolgt von der Religion des Mithras und dem Christentum. Die religiöse Bedeutung der «klassischen» römischen Götter ging im Laufe der Kaiserzeit immer mehr verloren. Hingegen kam ihnen im politischen Bereich eine wichtige Rolle zu. Seit Augustus bemühten sich die Kaiser im Zusammenhang mit ihrer Legitimation um die Aufrechterhaltung oder Wiedereinführung der traditionellen Werte. Sie liessen Tempel restaurieren oder neu errichten, versuchten den Nachweis ihrer göttlichen Herkunft zu erbringen oder liessen sich gar selbst in den Rang eines Gottes erheben.

Nachdem sich Kaiser Konstantin - nach dem Sieg über den Mitregenten Maxentius im Jahre 312 - offiziell zum Christentum bekannt hatte, verlor das «Heidentum», wie es nun genannt wurde, immer mehr an Einfluss. Gratian (367-383) trug als erster Kaiser nicht mehr den Titel eines pontifex maximus (des obersten Priesters), und Theodosius I. (379-395) erliess verschiedene Gesetze, die den Besuch der heidnischen Tempel verboten beziehungsweise deren Zerstörung veranlassten. Ebenso untersagt war die private Ausübung der alten Kulte. So musste die pantheistische römische Götterwelt nach rund tausend Jahren der Verehrung einer neuen, monotheistischen Religion - dem Christentum - weichen.

Die Religion des Imperium Romanum zeichnet sich durch eine hohe Aufnahmefähigkeit der verschiedensten Glaubensformen aus. Dies ergibt ein vielschichtiges Bild; wir haben nicht ein einheitliches, dogmatisch bestimmtes Religionssystem vor uns, sondern sehen uns mit einem Nebeneinander von einheimischen, mediterranen und orientalischen Glaubensvorstellungen, aber auch mit deren Verschmelzung konfrontiert.

Vgl. die Abbildung

Weitere Infos

Rudolf Känel und Karin Kob


Die Religion in den Provinzen

In den Provinzen sind seit Beginn der römischen Einflussnahme verschiedene Glaubensströmungen festzustellen, da mit der neuen Verwaltung und der Präsenz des Militärs die klassische Götterwelt Roms im ganzen römischen Reich Verbreitung fand. Daneben war die Einrichtung eines Kaiserkultes Ausdruck der offiziellen Anerkennung des Kaiserhauses durch die lokale Bevölkerung. Diese hielt ihrerseits weiterhin an ihren einheimischen, keltischen Kulten und den zugehörigen Gottheiten fest. Mit der fortschreitenden Romanisierung fand in der Folge teilweise eine Verschmelzung dieser keltischen Religionsvorstellungen mit den römischen statt. Seit der mittleren Kaiserzeit wurden vermehrt Mysterienkulte beliebt; von diesen verschiedenen Erlöserreligionen begann sich in spätrömischer Zeit das Christentum als alleinige Religion durchzusetzen.

Die Quellenlage zur Religion ist in Augusta Raurica etwas einseitig. Leider fehlen literarische Zeugnisse, die über die religiösen Verhältnisse Aufschluss geben könnten. In Augusta Raurica sind Weihinschriften und Götterdarstellungen in Stein selten. Hingegen hat sich eine recht grosse Anzahl von Götterstatuetten aus Bronze erhalten. Die Sakralarchitektur, vor allem die Tempel, sind in Augst teilweise erhalten, die dort verehrten Gottheiten aber oft nicht mit Bestimmtheit zu identifizieren. Andere Kultlokale fehlen bisher vollständig. Private Hausheiligtümer, die Lararien, sind zwar belegt, ihr Inventar ist jedoch häufig verloren.


Weiterführende Literatur zur römischen Religion:
- G. Wissowa, Religion und Kultus der Römer. Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft (München 1971).
- E. Simon, Die Götter der Römer (München 1990).
- G. Ristow, Römischer Götterhimmel und frühes Christentum. Bilder zur Frühzeit der Kölner Religions- und Kirchengeschichte (Köln 1980).
- H.-P. Kuhnen u. a. (Hrsg.), Religio Romana. Wege zu den Göttern im antiken Trier. Schriftenreihe des Rheinischen Landesmuseums Trier 12 (Trier 1996).
- G. Coulon, Les Gallo-Romains. II: Métiers, vie quotidienne et religion (Paris 1990).
- Ch.-M. Ternes, La Religion Romaine en Milieu Provincial T. 1 (Luxembourg 1983).

Vgl. die Abbildung

Debora Schmid

(Text aus: P. Zsidi/A. R. Furger (Hrsg.), Out of Rome. Augusta Raurica / Aquincum. Das Leben in zwei römischen Provinzstädten [Basel 1997])


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