Die rituelle Gründung Roms durch Romulus, wie sie die römische Geschichtsschreibung für das Jahr 753 v. Chr. überliefert, stellt bekanntlich nicht mehr als eine raffinierte
propagandistische Legende dar. Vor allem dank archäologischen Funden wurde der modernen Forschung zunehmend klar, dass die Stadtwerdung Roms ein Prozess war, der
sich über mehrere Generationen hinzog. Nachdem die kleinen, auf die sogenannten Sieben Hügel verteilten Hüttendörfer im Verlauf des 7. Jahrhunderts v. Chr. zu einer
grösseren Siedlung zusammengewachsen waren, begann im 6. Jahrhundert v. Chr., als es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung kam, die eigentliche urbanistische
Entwicklung Roms. Da die Bebauung auch nach der Zerstörung, welche die Kelten bei ihrem Einfall im Jahre 387 v. Chr. verursacht haben, keinem vorgegebenen Plan folgte,
machte die Stadt Rom - ganz im Gegensatz zu den Koloniestädten, die von Rom neu gegründet und auf dem Reissbrett entworfen wurden - einen völlig uneinheitlichen, zum
Teil sogar chaotischen Eindruck. Das Zentrum der Stadt bildete das Forum Romanum, das in einer grossen Senke zwischen den drei wichtigsten Hügeln (Kapitol, Palatin und Quirinal) lag; es war nicht nur der
wichtigste Handelsplatz Roms, sondern diente auch als Schauplatz politischer und religiöser Anlässe. Unter den Sieben Hügeln nahm das Kapitol insofern eine Sonderstellung
ein, als sich hier ausschliesslich öffentliche Gebäude befanden; erwähnt seien nur der Tempel der sogenannten Kapitolinischen Trias (Iuppiter, Iuno und Minerva) und das
Staatsarchiv (tabularium). Eminente Bedeutung hatte zudem der Palatin, auf dem seit jeher die führende Elite der Gesellschaft residierte: in der republikanischen Epoche die
reichen Adelsfamilien, in der Kaiserzeit die Herrscher mit ihrem Hofpersonal. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung wohnte und arbeitete dagegen in sehr dicht bebauten
Quartieren, die sich über die übrigen Hügel und das sogenannte Marsfeld ausdehnten. Je mehr das Imperium Romanum wuchs, desto grösser wurde auch die Kapitale. Besonders stark war der Bevölkerungszuwachs im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr., als viele
Italiker mit der Hoffnung nach Rom zogen, am Reichtum der Hauptstadt teilzuhaben - ein Phänomen, das heute in vielen Metropolen zu beobachten ist. Ins Gewicht fielen aber
auch die Sklaven, die damals zu Tausenden aus dem griechischen Osten nach Italien geholt wurden. Nach vorsichtigen Schätzungen zählte Rom in der Kaiserzeit mindestens
eine Million Einwohner und stellte somit die weitaus grösste Metropole des Reiches dar. Die neue Stadtmauer, die im späten 3. Jahrhundert n. Chr. unter Kaiser Aurelian
errichtet wurde, umschloss zwar ein Areal von immerhin 14 km², doch war das Stadtgebiet auf jeden Fall grösser. Um sich eine Vorstellung von den enormen Dimensionen
Roms zu machen, genügt es, einen vergleichenden Blick auf eine Provinzstadt wie Augusta Raurica zu werfen. Ebenso einzigartig wie die Grösse war auch das Erscheinungsbild der Stadt Rom, das durch einen extremen Gegensatz zwischen glanzvollen öffentlichen Bauten und
mehrheitlich bescheidenen Wohnhäusern geprägt war. Im Zentrum konnte man seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. eine schier unglaubliche Fülle öffentlicher Monumente
bewundern: Tempel, Basiliken, Portiken, Thermen, Theater, Amphitheater, Zirkusse, Triumphbögen und Ehrenmonumente aller Art. Obwohl längst Platzmangel herrschte,
gaben die Kaiser immer wieder horrende Summen für den Bau neuer Monumente aus. Dabei ging es den Herrschern offensichtlich weniger darum, der Bevölkerung der Stadt
Rom prachtvolle Gebäude zu stiften, als vielmehr darum, sich selbst unvergängliche Denkmäler zu setzen. Wie wichtig die repräsentative Funktion solcher Monumente war,
kann man daran ablesen, dass die Kaiser keinen Aufwand zur Realisierung ihrer Bauprojekte scheuten. So liess zum Beispiel Trajan für sein geradezu gigantisches Forum
(Länge 300 m, Breite 185 m) nicht nur etliche Gebäude und einen Teil der alten Stadtmauer niederreissen, sondern auch das erhöhte Gelände zwischen Kapitol und Quirinal
abtragen! Ein ganz anderes Bild als das prächtige Zentrum boten die Wohnquartiere der Stadt. Wie sowohl aus bissigen Bemerkungen der Satiriker Martial und Juvenal als auch aus der
sogenannten forma urbis - einem fragmentarisch erhaltenen Stadtplan des frühen 3. Jahrhunderts n. Chr. - hervorgeht, waren die Wohnviertel sehr eng und unregelmässig
angelegt. Da in den zumeist verwinkelten Gassen ein ständiges Gedränge herrschte, schränkte bereits Caesar den Wagenverkehr rigoros ein. Die durchschnittlichen Häuser
sahen alle mehr oder weniger gleich aus. Es handelte sich um grosse, mehrstöckige Mietskasernen mit kleinen Appartements, in denen neben ganzen Familien oft auch noch
Untermieter hausten. Die hygienischen Verhältnisse müssen prekär gewesen sein, denn die Wohnblocks verfügten nur ausnahmsweise über eine Latrine oder über einen
Brunnen im Hof. Zudem waren die Mietskasernen nicht selten schlecht gebaut; obwohl die Höhe der Gebäude schon unter Augustus auf maximal 20 m begrenzt wurde, kam es
regelmässig zu Häusereinstürzen. Eine weitere Gefahr stellten die häufigen Brände dar. Um die Stadt vor grösseren Zerstörungen zu schützen, liess Augustus eine Feuerwehr
aus ca. 3500 Freigelassenen aufstellen, doch bekam man das Problem bekanntlich nie ganz in den Griff. Interessanterweise gab es in Rom kein Quartier, das ausschliesslich der Oberschicht vorbehalten war. Die Häuser der Reichen verteilten sich vielmehr auf das gesamte
Stadtgebiet. Typisch für diese Häuser war in erster Linie die kostbare Ausstattung: Verzierte Bauglieder aus Marmor, aufwendige Mosaiken und Malereien, wertvolle Statuen
und Möbel sowie prunkvolles Tafelgeschirr durften hier nicht fehlen. Manche Anwesen hatten sogar Grösse und Gestalt ländlicher Villen und verfügten über ausgedehnte
Gärten mit künstlichen Teichen und Grotten. Den grössten Luxus in Rom bot jedoch der von Domitian errichtete Kaiserpalast auf dem Palatin, wo die Herrscher unbehelligt vom
Treiben der Grossstadt einen extravaganten Lebensstil entfalten konnten.
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siehe auch Stadt als Lebensraum
siehe auch Gräber
Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen, die Rom im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. erlebte, wirkten sich auch auf den sepulkralen Bereich aus: Die traditionelle Körperbestattung wurde durch die wesentlich aufwendigere Kremation abgelöst, und an die Stelle unterirdischer Kammergräber traten zunehmend imposante Grabmonumente, die in erster Linie der Selbstdarstellung der Verstorbenen dienten. Unangetastet blieb hingegen das alte Verbot, innerhalb des Stadtgebietes Bestattungen vorzunehmen. Doch auch wenn sich die Gräber ausserhalb der Stadt befanden, waren sie keineswegs isoliert, lagen sie doch in der Regel an den grossen, stark frequentierten Ausfallstrassen. Welch herausragende Bedeutung die Grabbauten hatten, kann man noch heute den zum Teil spektakulären Ruinen ablesen, die zum Beispiel die Via Appia säumen. Viele Gräber zeichneten sich nicht nur durch eine ungewöhnliche Gestalt und eine stattliche Grösse, sondern auch durch eine sehr kostspielige Ausstattung aus. Der Gräberluxus, der zunächst auf die wohlhabende Führungsschicht beschränkt war und deren Ansprüche unübersehbar zum Ausdruck brachte, fand unter den Freigelassenen besonders eifrige Nachahmer. Da die Freigelassenen aufgrund ihres sozialen Aufstiegs allen Grund zum Stolz hatten, scheuten sie nicht davor zurück, ihre persönlichen Tugenden und vorbildhaften Leistungen mittels Porträtdarstellungen und Inschriften auf geradezu aufdringliche Weise zu dokumentieren; bestes Beispiel ist das einzigartige Grab des Bäckers Eurysaces vor der Porta Maggiore.
Mit der zunehmenden Nivellierung der Gesellschaft in der Kaiserzeit kam es zugleich zu einer Standardisierung der Gräber. Wie die Nekropolen von Ostia beispielhaft zeigen, herrschten nun kleinere Grabbauten vor, welche die Gestalt von Häusern oder Tempeln hatten. Daran änderte sich auch nichts, als im 2. Jahrhundert die Kremation durch die Körperbestattung verdrängt wurde. Welche Gründe zu diesem Wechsel führten, ist bis heute nicht geklärt; Gewissheit besteht nur darüber, dass sich die Körperbestattung in Sarkophagen relativ schnell durchsetzte. Die neue Art der Bestattung wirkte sich bald auf die Gestaltung der Gräber aus: Entscheidend war nicht mehr das äussere Erscheinungsbild, sondern die Dekoration der Innenräume, wo die meist reich verzierten Sarkophage zur Schau gestellt wurden. Selbstverständlich konnten sich längst nicht alle Familien ein eigenes Grab leisten. Ausser Geldnot trug aber zweifellos auch Platzmangel dazu bei, dass man die Verstorbenen in grossen unterirdischen Gemeinschaftsgräbern - sogenannten Katakomben - zu bestatten begann, denn wie die hier gefundenen Marmorsarkophage bezeugen, wurden diese schlichten Grabanlagen im 3. und 4. Jahrhundert nicht allein von Armen, sondern genauso von Angehörigen der Oberschicht benützt.
Eine Sonderstellung nahmen die Gräber der Kaiser ein. Augustus liess sich noch vor Antritt seiner Herrschaft im nördlichen Marsfeld - also an sehr markanter Lage - ein Mausoleum errichten. Es handelte sich um einen Rundbau von etwa 90 m Durchmesser, der von einem künstlichen Erdhügel bedeckt und von einer kolossalen Statue des Herrschers bekrönt wurde. Während die Grabkammer im Innern sehr schlicht war, zeichnete sich das riesige Monument aussen durch eine unvergleichliche Pracht aus; zu seiten des Eingangs standen zwei Bronzetafeln, auf denen der berühmte Tatenbericht des Augustus verzeichnet war. Einen geradezu revolutionären Schritt tat im frühen 2. Jahrhundert n. Chr. Trajan, der es wagte, sich mitten in der Stadt bestatten zu lassen. Er wählte als Grab den Sockel seiner spektakulären Triumphsäule, die den ideologischen Mittelpunkt des von ihm gestifteten Forums bildete. Sein Nachfolger Hadrian begann mit dem Bau einer neuen dynastischen Grabstätte; das Monument, das als sogenannte Engelsburg noch heute bekannt ist, entsprach in Form und Grösse weitgehend dem Grab des Augustus. Die meisten Kaiser des 3. Jahrhunderts hielten sich nur selten in Rom auf, da sie fast permanent mit der Verteidigung der bedrohten Grenzprovinzen beschäftigt waren; dementsprechend wurden sie meist dort beigesetzt, wo sie bei Schlachten oder Mordanschlägen den Tod fanden. Im 4. Jahrhundert setzte Konstantin schliesslich ein symbolisches Zeichen, indem er sein Mausoleum bewusst in der neuen Reichshauptstadt Konstantinopel errichten liess.
siehe auch Stadt als Lebensraum
Während Rom seine Macht im Verlauf des 2. und 1. Jahrhunderts v. Chr. über den gesamten Mittelmeerraum ausbreitete, entwickelte sich die Stadt am Tiber selbst zu einer wahrhaft internationalen Metropole. Als politisch und kulturell führendes Zentrum besass Rom auf einmal eine solche Bedeutung, dass es Menschen aus allen Teilen des Reiches anzog, und zwar arme wie reiche. Wenn die Bevölkerung damals sprunghaft wuchs, so hing dies nicht zuletzt mit der massenhaften Verschleppung von Sklaven aus dem griechischen Osten zusammen. Da weder der Zuwanderung von Fremden noch dem Import von Sklaven Grenzen gesetzt wurden, bildete die Bevölkerung Roms in der Kaiserzeit ein überaus buntes Konglomerat aus völlig verschiedenen ethnischen Gruppen wie Römern, Griechen, Syrern, Juden, Afrikanern, Kelten und Germanen. Zwar lässt sich der prozentuale Anteil der diversen Völkergruppen nicht sicher bestimmen, doch darf man wohl davon ausgehen, dass die griechisch Sprechenden in der Mehrheit waren.
Ebenso gross wie die ethnische Vielfalt war die soziale Mobilität in Rom. Zum Ärger der Einheimischen machten zahlreiche Fremde nicht nur gute Geschäfte, sondern auch steile Karrieren. Während Personen aus dem griechischen Osten lange Zeit mit zähen Vorurteilen zu kämpfen hatten, gelangten Bürger, die aus Gallien oder Spanien zugewandert waren, schon seit der frühen Kaiserzeit regelmässig zu hohen Ämtern und schafften nicht selten den Sprung in den Ritterstand oder sogar in die senatorische Elite; im 2. Jahrhundert n. Chr. stellten sie mit Trajan und Hadrian immerhin zwei Kaiser! Recht gute Aufstiegschancen hatten erstaunlicherweise auch tüchtige Sklaven und Freigelassene. Manche Freigelassene, die am kaiserlichen Hof Schlüsselpositionen bekleideten, erlangten nicht nur riesige Vermögen, sondern übten als Berater der Kaiser auch grossen politischen Einfluss aus.
Obwohl in republikanischer Zeit fast ununterbrochen Kriege geführt wurden, kam die Bevölkerung Roms mit dem Militär kaum in Berührung, da die Heere das Stadtgebiet nur für die Feier von Triumphen betreten durften. Das änderte sich schlagartig, als Augustus im Jahre 27 v. Chr. seine Alleinherrschaft antrat. Um seine Macht abzusichern, schuf der Kaiser eine Elitetruppe - die sogenannte Prätorianergarde -, die dauerhaft vor den Toren Roms stationiert wurde. Für Ruhe und Ordnung sorgten zudem mehrere paramilitärische Einheiten, die auf Wachposten im ganzen Stadtgebiet verteilt waren. Was für ein Schutzbedürfnis die Kaiser hatten, zeigt nicht zuletzt auch die Tatsache, dass sie sich mit speziell ausgesuchten Leibwachen umgaben. Auch wenn das Militär nur in besonders heiklen Situationen eingriff, stellte es einen Faktor dar, der die Entwicklung der Stadt Rom in der Kaiserzeit massgeblich prägte.
siehe auch Münzen, Währungssystem
Als Reichshauptstadt war Rom nicht nur Sitz eines gewaltigen Verwaltungsapparates, sondern auch ein privilegiertes Wirtschaftszentrum, das dank der Steuereinnahmen aus den Provinzen eine einzigartige Blüte erlebte. Wichtigster Wirtschaftszweig war der Handel. Rege überregionale Aktivitäten bedingte allein schon die Versorgung der Bevölkerung, denn der Bedarf an Grundnahrungsmitteln wie Getreide, Olivenöl und Wein war in der Millionenstadt so gross, dass man ihn nur durch laufende Lieferungen aus den Provinzen decken konnte. Zentrale Bedeutung hatte der Import von Getreide. Er unterstand in der Kaiserzeit einer eigenen Behörde, die nicht nur den Transport per Schiff und die Lagerung in Speichern überwachte, sondern auch Herstellung, Qualität und Preis des Brotes kontrollierte. Da es trotz staatlicher Organisation immer wieder zu Versorgungskrisen kam, liessen die Kaiser regelmässig auf eigene Kosten Getreide verteilen, um ihre Fürsorge und Grosszügigkeit unter Beweis zu stellen. Welchen Umfang der Handel mit Olivenöl und Wein erreichte, zeigt noch heute der Monte Testaccio, ein etwa 50 m hoher Hügel in der Nähe des Tiberhafens, der ausschliesslich aus Scherben weggeworfener Transportgefässe besteht!
Selbstverständlich beschränkte sich der Konsum keineswegs auf Nahrungsmittel. Zum alltäglichen Bedarf gehörten genauso handwerkliche Produkte wie Kleider, Schuhe, Toilettgeräte, Küchenutensilien und Tafelgeschirr. Wie in den meisten Städten des Reiches konnte man hier ausser diversen lokalen Erzeugnissen nach Belieben Waren kaufen, die von weither eingeführt wurden. Symptomatisch für Rom war dagegen die verhältnismässig grosse Nachfrage nach exotischen Luxusgütern und erlesenen Kunstwerken. Manche Liebhaber zahlten jeden Preis, um ihre Häuser mit originalen griechischen Statuen oder zumindest qualitätvollen Kopien ausstatten zu können. Hinzu kamen die exklusiven Wünsche der Kaiser. Erwähnt sei nur ihre Vorliebe für teure Buntmarmore. Indem die Herrscher Wert auf eine möglichst prunkvolle Gestaltung ihrer Repräsentationsbauten legten, begründeten sie eine elitäre Mode, die bald einen weitgespannten Marmorhandel nach sich zog.
Die gängige Vorstellung, die Bevölkerung Roms habe hauptsächlich aus verwöhnten Müssiggängern bestanden, trifft mit Sicherheit nicht zu. Allein im Hafen und in den grossen Bauunternehmen dürften Tausende beschäftigt gewesen sein. Beträchtlich war bestimmt auch die Anzahl der Verkäufer, die in Märkten arbeiteten oder kleine, in Wohnblocks integrierte Läden führten. Wie vielfältig das Gewerbe in Rom war, machen die Grabinschriften deutlich, die über 200 verschiedene Berufe nennen. Eine wichtige Rolle spielten neben metallverarbeitenden Betrieben vor allem Töpfereien und Ziegeleien; da der Bedarf an Ziegeln im Laufe der Kaiserzeit stetig stieg, nahm die Produktion geradezu industrielle Ausmasse an. Ökonomisch kaum ins Gewicht fielen dagegen die meist kleinen, stark spezialisierten Werkstätten, die im kunsthandwerklichen Sektor tätig waren.
siehe auch Religion, Kaiserkult, einheimische Götter, orientalische Götter, Götter in Augusta Raurica, Gräber
Wie sowohl aus archäologischen als auch aus epigraphischen und literarischen Zeugnissen hervorgeht, spielte die Religion in Rom eine herausragende Rolle: Es verging kaum ein Tag, an dem nicht öffentliche kultische Feiern abgehalten wurden, und es gab in der Stadt kaum einen Platz, an dem sich kein Tempel, Schrein oder Altar befand. Doch obwohl die traditionellen römischen Gottheiten überall präsent waren, verloren sie in spätrepublikanischer Zeit zunehmend an Bedeutung. Augustus reagierte ganz bewusst auf diese Entwicklung, indem er viele Heiligtümer erneuern und altehrwürdige Kulte wie die des Apollo oder des Mars in zeitgemäss adaptierter Form wieder aufleben liess. Allerdings reichten auch diese Massnahmen nicht dazu aus, den Verfall der traditionellen römischen Religion aufzuhalten. So blieben die alten Kulte in der Kaiserzeit zwar durchaus erhalten, wurden aber meist nur noch von einer Minderheit der Bevölkerung - in manchen Fällen wohl allein von den zuständigen Priesterkollegien - getragen. Eine spezielle Institution war der Herrscherkult. Er stellte ein staatlich geregeltes, meist pompös inszeniertes Ritual dar, das weit mehr der öffentlichen Bekundung politischer Loyalität als dem Ausdruck echter religiöser Empfindungen diente.
Grosser Beliebtheit erfreuten sich in Rom hingegen die orientalischen Religionen, welche den Gläubigen ein glückseliges Jenseits versprachen. Der erste Mysterienkult, der in Rom offiziell Aufnahme und Anerkennung fand, war derjenige der Magna Mater, der im Jahre 204 v. Chr. aus Kleinasien eingeführt wurde. Da dieser Kult mit orgiastischen Ritualen verbunden war, stiess er noch in der Kaiserzeit auf Kritik und blieb dementsprechend auf relativ kleine Kreise beschränkt. Ähnlich verhielt es sich mit dem ägyptischen Kult der Isis, der sogar wiederholt - zuletzt unter Tiberius - verfolgt wurde. Allerdings gewann diese Göttin im Verlauf der Kaiserzeit zahlreiche Verehrer, wie nicht zuletzt die monumentalen Heiligtümer in der Stadt Rom deutlich machen. Die mit Abstand populärste Gottheit war jedoch Mithras. Dieser ursprünglich iranische Lichtgott wurde seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. hauptsächlich von Soldaten, Händlern und Handwerkern verehrt, und zwar in unterirdischen Kulträumen, in denen man nicht nur Opfer darbrachte, sondern auch Gelage abhielt. Auch wenn diese Säle meistens nur kleineren Gruppen von eingeweihten Männern Platz boten, ist dennoch bemerkenswert, dass allein in der Hafenstadt Ostia bisher 17 derartige Kultstätten bekanntgeworden sind.
Die christliche Religion lässt sich in Rom schon seit dem mittleren 1. Jahrhundert sicher nachweisen. Da der radikale Monotheismus der Christen mit den römischen Vorstellungen unvereinbar war, wurde die Ausübung dieser Religion sehr bald offiziell verboten. Die erste grosse Verfolgung fand im Jahre 64 statt, als man nach dem verheerenden Brand Roms den Christen die Schuld an der Katastrophe in die Schuhe schob. Allerdings konnte auch staatliche Repression nicht verhindern, dass die Gemeinden laufend neue Mitglieder gewannen. Die Anhänger rekrutierten sich zunächst vor allem aus Sklaven und Freigelassenen östlicher Herkunft, doch kamen schon im 2. Jahrhundert mehr und mehr Angehörige - insbesondere Frauen - der Oberschicht hinzu. Gerade weil die straff organisierte Kirche ein immer grösseres gesellschaftliches Gewicht erhielt, griffen manche Kaiser des 3. Jahrhunderts zu brutalsten Mitteln, um die Christen von ihrem Glauben abzubringen - freilich ohne Erfolg. Während Galerius mit seinem im Jahre 311 erlassenen Toleranzedikt den Verfolgungen ein Ende setzte, brach Konstantin mit der uralten paganen Tradition, indem er als erster Kaiser offiziell zum Christentum übertrat und so der neuen Religion zum endgültigen Durchbruch verhalf.
| Weiterführende Literatur zum antiken Rom: | |
| - | A. Piganiol, Histoire de Rome (Paris 1962³). |
| - | F. Jacques, J. Scheid, Rome et l'intégration de l'Empire. 44 av. J.-C. - 260 ap.J.-C., tome 1 (Paris 1990). |
| - | F. Kolb, Die Stadt im Altertum (München 1984). |
| - | F. Coarelli, Rom. Ein archäologischer Führer (Freiburg, Basel, Wien 1975). |
| - | F. Coarelli, Roma. Guide archeologiche Laterza 6 (Roma, Bari 1995). |
Rudolf Känel
(Text aus: P. Zsidi/A. R. Furger (Hrsg.), Out of Rome. Augusta Raurica / Aquincum. Das Leben in zwei römischen Provinzstädten [Basel 1997])