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Schafe und Ziegen
siehe auch Tierhaltung, Haustierpark, Hühner, Hunde, Pferde, Rinder, Schweine
 

Geschichte der Domestikation des Hausschafes

Das Hausschaf (Ovis ammon aries) gehört zu der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla), der Unterordnung der Wiederkäuer (Ruminantia), der Familie der Hornträger (Bovidae) und der Unterfamilie der Ziegenartigen (Caprinae). Das Wildschaf (Ovis ammon) stammt ursprünglich aus den zentralasiatischen Gebirgsmassiven. Von dort breitete es sich bis nach Europa und Nordamerika aus. Das europäische Mufflon (Ovis ammon musimon) ist heute nur noch auf Korsika und Sardinien bekannt und gilt als eine verwilderte Form der während des Neolithikums eingeführten ersten Hausschafe.

Die ältesten Nachweise für die Domestikation von Wildschafen stammen aus dem Fruchtbaren Halbmond, also dem Bogen zwischen Palästina und Mesopotamien, und datieren in den Übergang vom 9. zum 8. Jahrtausend v. Chr. In diesen ersten Zeiten spielte sicher die Bedeutung des Schafes als Fleischlieferant die grösste Rolle. Die Nutzung der Schafsmilch kam erst im Laufe der Haltung als Haustier hinzu, ebenso diejenige der Wolle, denn Wildschafe besitzen über der feinen Unterwolle grobe Grannenhaare, die erst durch ausgewählte Zucht allmählich zu Gunsten der Unterwolle reduziert wurden. In der Schweiz ist das Hausschaf seit den ältesten jungsteinzeitlichen Siedlungen bekannt - im Wallis ab ca. 5000 v. Chr., im Mittelland ab ca. 4300 v. Chr.


Die im Augster Tierpark gezeigte Schafrasse

Seit 2007 zeigen wir im Augster Tierpark das Walliser Landschaf -- auch Roux du Valais genannt. Diese genügsame und widerstandfähige Rasse zeichnet sich durch seine rollenförmig geschwungenen Hörner bei beiden Geschlechtern aus. Die Weibchen („Auen") wiegen zwischen 50 und 75 Kilogramm, während die Widder 60 bis 90 Kilogramm auf die Waage bringen.
Die Jungtiere des Walliser Landschafes sind gänzlich schwarz. Erst im Laufe des Lebens wird dass Vlies heller, bis es seine typische rötlich-braune Farbe erreicht hat. Die zottige rotbraune Wolle war früher sehr beliebt und wurde zu Kleidern und Strümpfen verarbeitet.
Heute setzen sich die Pro Specie Rara und der Zuchverein Walliser Landschaf für den Fortbestand dieser alten Rasse ein, die vor 20 Jahren praktisch ausgestorben war.


Geschichte der Domestikation der Hausziege

Die Hausziege (Capra aegagrus hircus) gehört zu der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla), der Unterordnung der Wiederkäuer (Ruminantia), der Familie der Hornträger (Bovidae) und der Unterfamilie der Ziegenartigen (Caprinae). Sie ist somit eng verwandt mit dem Hausschaf. Die Stammform der Hausziege ist die Bezoar-Ziege, die ursprünglich in den Gebirgen Klein- und Vorderasiens verbreitet war. Älteste Funde der Hausziege konnten wie beim Hausschaf im Fruchtbaren Halbmond am Übergang vom 9. zum 8. Jahrtausend v. Chr. nachgewiesen werden. Man nimmt jedoch an, dass die Ziege vor dem Schaf domestiziert wurde, da sie vor allem beim Waldroden zur Erschliessung neuer Siedlungs- und Ackerbaugebiete von Nutzen ist. Wie das Hausschaf kommt auch die Hausziege in den ältesten jungsteinzeitlichen Siedlungen der Schweiz vor (etwa 4500 v. Chr.).


Die im Augster Tierpark gezeigte Ziegenrasse

Im alpinen Raum haben sich verschiedene alte Ziegenrassen erhalten, die in ihrer Gestalt und vor allem Grösse den antiken Ziegen nahestehen. Das Paradebeispiel der mittelalterlichen Robustziegen ist die bis heute in der Südschweiz gehaltene Nera Verzasca. Sie hat ein kurzes, schwarzes, glänzendes Haarkleid und trägt in beiden Geschlechtern Bart und säbelförmige Hörner. Ihre Hornform entspricht recht genau den römischen Hornzapfen, wie sie auch in Augusta Raurica gefunden werden.

Wieso hat eine Robustziege, die im Freien überwintern kann, nur kurzes Haar und kein Wollkleid? In der zottigen Wolle würde der Schnee hängenbleiben, nicht aber in leicht fettigem, kurzem und glattem Haar.

Der Bock der Nera Verzasca wird im Widerrist 80 bis 90 cm hoch und wiegt über 70 Kilogramm; die Geiss ist 75-85 cm hoch und über 50 kg schwer.

Eine Alternative zu den Nera-Verzasca-Ziegen wäre die "Stiefelgeiss", auch Sardonaziege genannt. Sie gehört zu den Gebirgsziegenrassen und ist mit den gemsfarbenen Ziegen näher verwandt. Die "Stiefelgeiss" zeichnet sich aus durch die langen Grannenhaare auf dem Rücken und der Hinterhand sowie den Geissbart auch beim weiblichen Tier. Die allen Gebirgsziegen eigenen "Stiefel" fallen in Verbindung mit der helleren, grau-gelb-rötlichen Körperfarbe stärker auf. Bereits 1951 galt die "Stiefelgeiss" als beinahe ausgestorben. Die Stiftung "Pro Specie Rara" hat an verschiedenen Orten Restbestände dieser bedrohten Rasse erworben und zu einer neuen Zucht zusammengeführt. Aus historischen und formalen Gründen haben wir uns aber für die oben beschriebene Nera-Verzasca-Ziege entschieden.


Schafe und Ziegen zur Römerzeit in Augusta Raurica

Da sich die Knochen von Schafen und Ziegen nicht immer eindeutig auseinander halten lassen, werden beide Tiere hier gemeinsam behandelt. Im römischen Augst verringern sich die Knochenanteile von Schaf und Ziege vom 1. bis zum 4. Jahrhundert n. Chr. deutlich. Während des frühen 1. Jh. war die Zahl dieser Tiere beträchtlich. Zu jener Zeit bestand die Stadt zum grössten Teil aus Holzhütten. Wahrscheinlich war es in den "Bretterbuden" eher möglich, inmitten einer Siedlung Kleinvieh zu halten. Als seit der Mitte des 1. Jahrhunderts die Holzhäuser allmählich den Steinhäusern weichen mussten, scheint die Kleinviehhaltung an Boden verloren zu haben.

Im 1. Jahrhundert n. Chr. scheint es in Augusta Raurica doppelt soviel Schafe wie Ziegen gegeben zu haben. Dieses Verhältnis kehrte sich im 2. Jahrhundert um. Im Unterschied zu anderen vergleichbaren Römerstädten scheint in Augusta Raurica die Ziegenzucht besonders wichtig gewesen zu sein.

Das römische Schaf erreichte eine durchschnittliche Widerristhöhe von 64 cm; ein heutiges weisses Alpenschaf erreicht eine durchschnittliche Widerristhöhe von 70 cm bei weiblichen und 76 cm bei männlichen Tieren. Die durchschnittliche Widerristhöhe der römischen Ziegen betrug 67 cm bei weiblichen und 75 cm bei männlichen Tieren; die der heutigen Saaner Ziegen beträgt 80 cm bei weiblichen und 88 cm bei männlichen Tieren.


Schafe und Ziegen in der heutigen Landwirtschaft

Weniger als 2 % des Fleischbedarfs werden heute mit Schaf- oder Ziegenfleisch gedeckt. Eine Intensivhaltung, wie bei Rindern und Schweinen, gibt es bei Schafen und Ziegen bisher noch nicht.

Die ideale Haltung für beide Tierarten wäre ein Laufstall mit Einstreu und freiem Auslauf. Die Tiere sollten nicht angebunden werden, wie dies immer wieder vorkommt und bereits im römischen Augst üblich war.


 
Weiterführende Literatur zur Haustierhaltung in Augusta Raurica:
- J. Schibler/A. R. Furger, Die Tierknochenfunde aus Augusta Raurica (Grabungen 1955-1974). Forschungen in Augst 9 (Augst 1988).
- J. Schibler/E. Schmid, Tierknochenfunde als Schlüssel zur Geschichte der Wirtschaft, der Ernährung, des Handwerks und des sozialen Lebens in Augusta Raurica. Augster Museumshefte 12 (Augst 1989).
 
Weiterführende Literatur zur Geschichte der Hausschafe und -ziegen:
- N. Benecke, Der Mensch und seine Haustiere. Die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung (Stuttgart 1994).
- W. Herre/M. Röhrs, Haustiere - zoologisch gesehen (Stuttgart, New York 1990).
- F. E. Zeuner, Geschichte der Haustiere (München 1967).

Weitere Infos

Sabine Deschler-Erb und Jörg Schibler

(aus: A. R. Furger/M. Windlin/S. Deschler-Erb/J. Schibler [traduction française C. May Castella], Der «römische» Haustierpark in Augusta Raurica. Le parc aux animaux domestiques «romains» d'Augusta Raurica. Augster Blätter zur Römerzeit 7 [Augst 1992])


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