Unter Schmuck verstehen wir hier Kostbarkeiten aus den verschiedensten Materialien, die meist von Frauen zur Zierde am Körper getragen werden, also Fingerringe, Armringe,
Ohrringe, Halsketten und -reifen sowie Anhänger, um nur die häufigsten zu nennen. Natürlich war Schmuck auch immer Statussymbol. Welche Ehre musste es für seinen
Träger bedeutet haben, einen Ring mit dem Porträt des Kaisers Caracalla zu tragen! Neben ihrem reinen Schmuckcharakter dienten manche Stücke auch als Amulette. Ein
häufiges Beispiel dafür sind die bullae, hohle Anhänger, die Abwehrkräfte gegen den bösen Blick enthielten und häufig von Kindern getragen wurden.
Manchmal überwiegt der praktische Zweck so stark, dass man kaum noch von Schmuck sprechen kann; ein römisches Beispiel dafür sind die meist aus Bronze gefertigten
Schlüsselchen zu Schmuck- oder Geldkassetten, deren Griffe als Ringe ausgebildet sind, so dass sie am Finger getragen werden können. Gewisse Trachtbestandteile haben
zwar in erster Linie eine praktische Funktion, das verwendete Material und eine Vielfalt von Verzierungstechniken verleiht ihnen aber zusätzlich eine Zierwirkung. Dazu gehören
Haarnadeln, die zum Festhalten eines Schleiers oder der Frisur selbst dienen, oder die in der Römerzeit unentbehrlichen Fibeln zum Fixieren der Kleidung. Letztere waren
ähnlich konstruiert wie unsere Sicherheitsnadeln, konnten aber anstelle der Feder auch ein Scharnier aufweisen. Der Fibelkörper, welcher die beiden Nadelenden verband, bot
mannigfaltige Möglichkeiten für eine dekorative Gestaltung, die Hafte wurde dadurch gleichzeitig zur Zierbrosche. Diese mehr praktischen Gegenstände werden wegen ihres
ausgeprägten Ziercharakters in der Regel ebenfalls zum Schmuck gerechnet. Damit sind die Haupgattungen des zur Römerzeit gebräuchlichen Schmuckes schon genannt.
Schmuck kann viel aussagen über seine Trägerin, etwa ihre ethnische Herkunft (Volkszugehörigkeit?), ihre Einstellung zur Tradition oder die soziale Stellung. Letztere drückt
sich vor allem durch die verwendeten Materialien aus. Dies wird deutlich am Beispiel römischer Fingerringe, die zu einem einem eigentlichen Statussymbol wurden. Das Tragen
von goldenen Ringen war der sozialen Oberschicht vorbehalten. Die Form spielte dabei eine untergeordnete Rolle, denn Fingerringe identischen Typs konnten auch aus Eisen,
Bronze oder Silber bestehen.
Die Publikation eines Grossteils der in Augusta Raurica gefunden Schmuckstücke und Fibeln erlaubt differenzierte Aussagen etwa über die Verteilung und Häufigkeit einzelner
Typen oder auch über die verwendeten Materialien. Von den über 6000 bekannt gewordenen Stücken bestehen nur 21 ganz oder teilweise aus Gold, 86 aus Silber, der Rest
zum grössten Teil aus Bronze. Eine Ausnahme bilden die 15 goldenen und silbernen Ohrringe, denen nur sieben bronzene Exemplare gegenüberstehen, was wohl mit der
Entzündungsgefahr des durchstochenen Ohrläppchens beim Kontakt mit unedlen Metallen zusammenhängt. Von den Haarnadeln sind über 80% aus Bein geschnitzt oder
gedrechselt, und zur Herstellung von Perlen wurden vor allem eine blaugrüne, glasartige Masse (sogenannte Kieselkeramik) und Glas verwendet. Selten verarbeitete
Materialien sind Messing, Blei, Eisen, Tierzähne, Gagat (Pechkohle), Sapropelit (versteinertes Holz), Halbedelsteine und Bernstein. Der geringe Anteil von Edelmetallschmuck
ist nur zum Teil mit der grösseren Sorgfalt beim Tragen, der intensiveren Suche bei Verlust und der Wiederverwertung veralteter oder zerbrochener Stücke zu erklären, sondern
hängt auch damit zusammen, dass sich nur einige wenige wohlhabende Stadtbewohner Gold- und Silberschmuck leisten konnten. Die meisten Leute mussten sich mit
Imitationen begnügen. Schön poliert mochten Bronze und Messing für Gold durchgehen, Eisen und Blei wirkten wie Silber. Durch Versilbern oder Verzinnen konnte der Effekt
noch verbessert werden.
Direkte Hinweise auf die Kleidung der gallo-römischen Bevölkerung, etwa durch Textilfunde oder bildliche Darstellungen, fehlen in Augusta Raurica fast vollständig. Gewisse
Aufschlüsse liefern die über 3000 gefundenen Fibeln, von denen weitaus die meisten im 1. und frühen 2. Jahrhundert n. Chr. in den Boden gelangten. Sie belegen für diesen
Zeitraum eine fibelreiche Frauentracht, wie sie auf dem viel zitierten Grabstein des Schiffers Blussus und seiner Frau Menimane aus Mainz zu erkennen ist: Über einem
langärmligen Hemd, das auf der Brust mit mindestens einer Fibel verschlossen ist, trägt Menimane ein peplosartiges Übergewand, das an den Schultern mit je einer Fibel
verbunden und vorn mit einer weiteren Fibel am Hemd befestigt wurde, darüber einen geschlungenen Mantel, der auf der rechten Schulter wiederum von einer Fibel
festgehalten wird. Blussus trägt ebenfalls ein Hemd, darüber einen ponchoartigen Mantel mit Kapuze, den gallischen cucullus. Dieser Manteltyp ist in Augusta Raurica
mindestens zweimal belegt, zum einen auf dem Grabstein eines Händlers, zum andern durch die groteske Tonstatuette eines komischen Schauspielers, dem die Kapuze als
charakterisierendes Merkmal über den Kopf gezogen ist.
Die Abnahme der Fibelzahl im Verlauf des 2. Jahrhunderts und das Überwiegen broschenartiger Typen mit mehrheitlichem Ziercharakter hängen sicher mit einer Änderung der
Frauenmode zusammen, die vermutlich im Rahmen einer stärkeren Romanisierung stattfand. Ein kleines Relief des 3. Jahrhunderts aus Kaiseraugst, auf dem ein Paar
dargestellt ist, zeigt die klassisch römische Frauentracht mit gegürteter Tunika und geschlungenem Mantel, ohne Fibeln. Ob der dargestellte Mann, wie lange angenommen, ein
centurio (Befehlshaber einer Hundertschaft) in Uniform ist, wurde in jüngster Zeit in Frage gestellt. Möglicherweise trägt er die normale, im zivilen wie militärischen Bereich
übliche Kleidung des 3. Jahrhunderts: knielange, von einem Gürtel mit runder Schnalle gehaltene Tunika, wahrscheinlich lange Hosen sowie einen Mantel, der auf der rechten
Schulter mit einer Fibel geschlossen wurde. Solche Mäntel waren die einzigen Kleidungsstücke, für welche Männer diese Verschlüsse benötigten. Neben Fibeln mit
ausschliesslich militärischer Verwendung, wie Armbrust- und Zwiebelknopffibeln, gab es auch solche, die von Zivilisten wie von Soldaten getragen wurden.
Die offizielle stadtrömische Männertracht, bestehend aus Tunika und Toga, erfreute sich zur Kaiserzeit keiner grossen Beliebtheit. Dies lag einerseits an der Unbequemlichkeit
der Toga, deren Stoffülle ohne fremde Hilfe nicht in kunstvollem Faltenwurf um den Körper zu wickeln war. Andererseits war die Toga ein Abzeichen römischen Bürgerrechts,
das ausserhalb Italiens bis ins 3. Jahrhundert nur verdienstvollen Männern der Oberschicht, wie Beamten und Magistraten, verliehen wurde. So wird man die Toga bei uns
vorwiegend anlässlich von Amtshandlungen und Festtagen getragen haben. Wer sich romanisiert geben wollte, wickelte sich lieber ins pallium, einen kleineren, rechteckigen
Mantel griechischer Art. Die bodenständigeren Männer blieben beim vertrauten, einheimischen cucullus.
Schuhe entsprachen im gallischen Gebiet den auch sonst bekannten römischen Formen. Neben einfachen Holzsohlen (sculponeae) mit Absatz und quer über den Fuss
verlaufendem Lederband, gab es Ledersandalen (soleae), die von Riemen gehalten wurden, welche durch die Lücke beim grossen Zeh liefen. Eine kompliziertere
Riemensandale war die manchmal knöchelhohe caliga, die aus einem Stück geschnitten, durch eine aufgenähte Laufsohle verstärkt und über dem Rist gebunden wurde. Sie
diente, besonders mit genagelter Sohle, auch als Soldatenschuh. Nach einem ähnlichen Schema gearbeitet, aber mit weniger stark durchbrochener Oberseite und ohne
zusätzliche Laufsohle, war die carbatina. Am ehesten unseren heutigen Schuhen entsprach der geschlossene calceus, der aus einer Sohle und einem separaten Oberleder
zusammengenäht war. Alle Lederschuhe konnten auf der Lauffläche mit Nägeln verstärkt sein. Während man im Mittelmeergebiet meist mit nackten Füssen in die Schuhe
schlüpfte, trug man in kälteren Gegenden auch Socken oder Strümpfe.
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| Weiterführende Literatur zu Schmuck aus Augusta Raurica: |
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M. u. S. Martin-Kilcher, Schmuck und Tracht zur Römerzeit. Augster Blätter zur
Römerzeit 2 (Augst 1992², 1979¹). |
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E. Riha, Der römische Schmuck aus Augst und Kaiseraugst. Forschungen in Augst 10
(Augst 1990). |
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E. Riha, Die römischen Fibeln aus Augst und Kaiseraugst. Forschungen in Augst 3
(Augst 1979). |
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E. Riha, Die römischen Fibeln aus Augst und Kaiseraugst. Die Neufunde seit 1975.
Forschungen in Augst 18 (Augst 1994). |
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B. Janietz Schwarz, Zwei neue Goldfunde aus Augusta Raurica. Jahresberichte aus
Augst und Kaiseraugst 12, 1991, 283 ff. |
Weitere Infos
Verena Vogel Müller
(Text aus: P. Zsidi/A. R. Furger (Hrsg.), Out of Rome. Augusta Raurica / Aquincum. Das Leben in zwei römischen Provinzstädten [Basel 1997])