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Schule
siehe auch Stadtregierung und Stadtverwaltung
 

Schulen in Augusta Raurica?

Archäologisch lässt sich eine Schule mangels spezieller Gebäude nicht nachweisen. Aber aus den Quellen lässt sich erschliessen, dass in einer Koloniestadt wie Augusta Raurica sicher Elementarschulen existierten, ebenso eine höhere Schule.

Für eine relativ breite Alphabetisierung sprechen die vielen Funde, die auf Lese- und Schreibfähigkeit hinweisen: Tausende von Schreibgriffeln (Stili), Inschriften, die ja nur einen Sinn hatten, wenn eine lesekundiges "Publikum" vorhanden war, Wachstäfelchen (aus Gründen der Erhaltung allerdings nicht in Augst selbst, aber an vielen anderen Orten), Graffiti an Gebäuden, auf Keramik und anderen Objekten. Auch die Selbstverständlichkeit, mit der kaiserliche Propaganda in Münzlegenden ausgedrückt wurde, spricht dafür. Dennoch muss es viele gegeben haben, die sich ihre Briefe schreiben lassen mussten - ein Zusatzjob für den armen Schullehrer!

Lektüre im heutigen Sinne gab es freilich nicht; Bücher in Form von Papyrusrollen waren den Reichsten vorbehalten oder allenfalls in einer Bibliothek zugänglich. Es musste ja alles von Hand kopiert werden, und auch Papyrus war nicht gerade billig. Ob es je eine Bibliothek in Augst gegeben hat?

Doch wie lange ist es eigentlich in "unserer" europäischen Neuzeit her, dass Bücher und Zeitungen zu für jedermann zugänglichen Medien wurden?


Schulen in römischer Zeit
Im ersten Textteil findet sich eine Zusammenstellung der wichtigsten Sachinformationen zum römischen Schulsystem, im zweiten Teil sind ausführlichere Angaben und ein Literaturverzeichnis zu finden.

Es besteht ein dreistufiges Schulsystem, bestehend aus der

- Elementarschule, für Mädchen und Knaben vom 7. bis 11. oder 12. Lebensjahr
- höheren Schule, für junge Männer, bis zum 17. Lebensjahr
- Hochschule, für Männer, ab dem 17. bis ins 20. oder 21. Lebensjahr.

Die Schulen sind grundsätzlich privat; staatliche Eingriffe und Regelungen gibt es für die höheren Schulen und die Hochschulen.

Allgemein verbreitet waren die Elementarschulen, die höheren Schulen wohl nur in den städtischen Zentren, Hochschulen gab es nur in Rom sowie in einigen Städten des Ostens.


Elementarschule (ludus litterarius)
- Der Lehrer (ludi magister) betreibt sein Geschäft gegen Honorar, das aber kaum für den Lebensunterhalt reicht. Ist schlecht angesehen und im Gegensatz zu anderen Lehrern nicht von der Steuer befreit.
- Unterricht auf dem Forum
- Berüchtigt für langweiligen Unterricht und Körperstrafen.
- Lernziel: Schreiben und Lesen, Kenntnisse des Rechnens, z.B. für den Umgang mit den Massen und Gewichten sowie mit Geld.
- Unterricht Morgens und Nachmittags; Ferien von Juli bis Oktober.


Höhere Schule
- Der Lehrer (grammaticus) geniesst einiges Ansehen, ein vorgeschriebenes Mindesteinkommen und Steuerbefreiung.
- Unterricht in speziellen Buden auf dem Forum
- Eher mechanischer Unterrichtsstil, da streng systematisiert.
- Lernziele: Allgemeinbildung, in der Praxis jedoch v.a. Kenntnis der Grammatik und des Kanons der klassischen Literatur, beides in Griechisch und Lateinisch. Mathematik wird vernachlässigt.


Hochschule
- Der Lehrer (rhetor) geniesst grosses Ansehen, ein erhebliches (manchmal staatlich finanziertes) Einkommen und Steuerbefreiung.
- Unterricht in speziellen Gebäuden.
- Lernziele: Beherrschung der Redekunst, was allerdings mehr umfasst als das blosse Reden (Rechtskenntnisse, Einblicke in die Philosophie).
- Hochschulen in Rom, Athen, Beirut, Alexandria.


Die Geschichte des römischen Schulwesens ist im Wesentlichen die Übernahme und Umbildung des griechisch-hellenistischen Schulsystems. Original römisch scheint die Elementarschule zu sein. Erste Grundschulen bezeugt Plutarch für das 3. Jh. v.Chr.

Zu unterscheiden sind die Elementarschule, Höhere Schulen und Hochschulen.

- Elementarschulen sind in Rom wohl etwa ab dem 3. Jh. v.Chr. vorhanden. Sie sind private Einrichtungen, für die es bis in die späte Republik (Mitte 1. Jh. v.Chr.) keine staatlichen Regelungen gab. Noch Mitte des 2. Jh. schloss ein Edikt Marc Aurels die Grundschullehrer von der sonst für Lehrer geltenden Steuerbefreiung aus. Elementarschulen scheinen bis in die kleinsten Gemeinden hinaus existiert zu haben.
- Höhere Schulen und Hochschulen: In Rom wird im wesentlichen das griechische System übernommen, bestehend aus einer Grammatikerschule (Zweck ist eine "universale Bildung") und einer Rhetorenschule (Redekunst, besonders wichtig bei öffentlichen Ämtern, aber auch Recht usw.). Die im griechischen Bereich noch wichtige Philosophenschule verschwand bei den Römern oder hatte kaum mehr eine Bedeutung.

Bei den Hochschulen begann der Staat früh Regelungen zu erlassen. Rhetoriklehrer waren auch staatlich besoldet; es gab aber auch solche, die eigene Privatschulen betrieben. In der Kaiserzeit nahm auch die Aufsicht zu: da die Lehrer steuerbefreit waren, wurde ihre Zahl und ihr Einkommen begrenzt, und sie mussten Prüfungen ablegen, um als solche anerkannt zu sein. Die Schüler hatten aber auf jeden Fall ein Honorar zu entrichten. Der Hochschulunterricht erfolgt zweisprachig Griechisch und Lateinisch. Höhere Schulen waren weit verbreitet, Hochschulen gab es nur in ganz grossen Zentren mit entsprechender Tradition (Rom, Athen, Alexandria, Beirut und später Konstantinopel).

Die römische Elementarschule (ludus litterarius) war privat. Der Lehrer (ludi magister) genoss kein grosses Ansehen. Er betrieb sein Geschäft gegen Honorar (aus Rom wird ein Honorar von 8 Assen pro Monat und Kopf überliefert). Bei 10 SchülerInnen ergab das einen Monatslohn von 80 Assen, pro Tag also vielleicht 2,5 As. Kein grosses Entgelt, wenn man bedenkt, dass ein Arbeiter 5 As pro Tag verdienen konnte, ein Scheffel Getreide von 8.7 Litern 16 As kostete und man für das tägliche Essen und Trinken etwa 2 As aufwenden musste (alle Zahlen gelten für das 1. Jh.). Die meisten Lehrer verdienten sich deswegen offenbar ein Zubrot als öffentliche Schreiber auf dem Forum.

Unterrichtet wurde auf dem Forum, umgeben vom Lärm und dem Treiben des zentralen Marktplatzes also. Eigentliche Schulgebäude gab es für Elementarschulen nicht. Gelehrt wurde das Schreiben und Lesen nach einem strengen System, das Rechnen insoweit es für den Alltagsgebrauch (Masse und Gewichte, Umgang mit Geld) notwendig war.

Das Schuljahr begann im März, in den Monaten Juli bis Oktober wurde nicht unterrichtet. Besucht wurde die Schule vom 7. bis 11./12. Lebensjahr. Man schrieb auf Wachstäfelchen, auf Papyrus- oder Pergamentresten. Griechisch lernte ein Kind allenfalls von einem griechisch sprechenden Haussklaven, nicht in der Elementarschule.

Die Elementarschule und besonders deren Lehrer hatten einen schlechten Ruf. Man kritisierte das formalisierte Lernen, die Unproduktivität des Unterrichts, harte Strafen usw. Inwieweit solche Mitteilungen tendenziell oder topisch sind (man überprüfe seine eigene Einstellung zur Primarschule!), lässt sich wohl nicht mehr rekonstruieren.

Die höhere Schule (Grammatikschule) wurde vom grammaticus erteilt. Auch er arbeitete auf dem Forum, wahrscheinlich in speziellen Buden. Zwar zielte die Erziehung auf eine breite Allgemeinbildung, aber die mathematischen Fächer wurden völlig vernachlässigt. Schulstoff bildete neben der eigentlichen Grammatik das Lesen der klassischen Dichter. Die den jungen Männern vorbehaltene Ausbildung begann beim griechisch sprechenden Lehrer, erst dann ging man zum lateinischen grammaticus. In wieweit diese Zweisprachigkeit auch hierzulande üblich war, wäre zu untersuchen. Der Schüler blieb bis zum Empfang der toga virilis, d.h. bis zu seinem Mündigkeitsalter von 17 Jahren in dieser Schule (also 5-6 Jahre!).

Da auch diese Schule bezahlt werden musste, und ein grammaticus Anspruch auf einen höheren Lohn hatte, dürfte die höhere Schule wohl nur für wenige Jugendliche einer Provinzstadt wie Augusta Raurica in Frage gekommen sein. Diese Jugendlichen stammten praktisch ausschliesslich aus der Oberschicht, die zugleich die regimentsfähige Schicht der Stadt darstellte und als solche in ein zumindest provinz- , wenn nicht reichsweites Netzwerk eingebunden war, und ein äusseres und notwendiges Abzeichen dieser Schicht war eine gewisse Allgemeinbildung.

Hochschulen sind nicht Universitäten im heutigen Sinne, sondern im Wesentlichen dazu da, für den Staatsdienst zu befähigen. Der Hochschullehrer (rhetor) genoss grosses Ansehen, bezog ein beachtliches, manchmal staatlich finanziertes Einkommen und war von Steuern befreit. Der Unterricht fand in speziellen Gebäuden statt. Als Lernziel galt die Befähigung zur Bekleidung von höheren politischen Ämtern. Im Vordergrund stand das Erlernen der Redekunst (Rhetorik) in einem umfassenden Sinne. Sie umfasste auch Rechtslehre und Einblicke in die Philosophie.


Weiterführende antike Literatur zum Schulwesen:
Die Mitteilungen über Schulen sind in der antiken Literatur verstreut anzutreffen, häufig in biographischen Mitteilungen oder in Rechtssammlungen (Digesten, Codex Iustinianus, Codex Theodosianus).

Weiterführende moderne Literatur zum Schulwesen:
Kurzinformationen mit Quellenangaben siehe
- "dtv-Lexikon der Antike", Kulturgeschichte, Bd. 2, Stichwort "Schule" (U. Schindel), 115-121 (1971).
- Der Kleine Pauly, Bd. 5, Stichwort "Schule", 38-39.
- H.I. Marrou, Geschichte der Erziehung im Klassischen Altertum, 1948 (franz., deutsch 1957, Neudruck München 1977).
- S.F. Bonner, Education in Ancient Rome - From Cato the Elder to the Younger Pliny, London 1977.
- J.Christes, Bildung und Gesellschaft - Die Einschätzung der Bildung und ihrer Vermittler in der griechisch-römischen Antike, Darmstadt 1975.
- H.-Th. Johann (Hrsg.), Erziehung und Bildung in der heidnischen und christlichen Antike, Darmstadt 1977.
- Ein ausführliches, tendenziös eher negatives Kapitel mit Zitaten aus der Antike bei: Jérôme Carcopino, Rom - Leben und Kultur in der Kaiserzeit, Stuttgart 1977 (19862), 153-175.

Jürg Rychener


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