Antike Textilien, sowohl aus tierischen wie aus pflanzlichen Rohmaterialien, haben sich kaum im Boden erhalten; das gleiche gilt für Textilverarbeitungsgeräte aus vergänglichen Materialien wie Holz. Informationen zu
diesem Handwerk können daher nur durch schriftliche Quellen, seltene bildliche Darstellungen sowie Gerätschaften aus nicht vergänglichen Materialien wie Metall, Bein oder Ton gewonnen werden. Unser Bild dieses
in der Antike sehr weit verbreiteten Handwerks ist somit ziemlich lückenhaft.
Die wichtigste Faser, die in den nördlichen Provinzen verarbeitet wurde, war die Schafswolle; Leinen spielte eine untergeordnete Rolle. Der erste Verarbeitungsschritt, die Schafschur, fand auf den Gutshöfen statt, von
wo die Wolle in die städtischen Zentren geliefert wurde. Spinnen und Weben gehörte in den Aufgabenbereich der Hausfrau und ihrer Hilfskräfte. Gesponnen wurde noch von Hand; das Spinnrad kam erst im Mittelalter
auf. Dazu hielt man in der einen Hand den Spinnrocken, einen Stab von 20 bis 30 cm Länge, um den das bereits vorbereitete Rohmaterial locker gewickelt worden war. Durch Herauszupfen von Fasern wurde der
Vorfaden gefertigt, den man durch Ziehen und durch die Drehbewegung der frei hängenden Spindel schliesslich zu einem festen Faden verarbeitete. Dieser wurde um die Spindel gewickelt, an deren unterem Ende der
«Spinnwirtel» (Schwungrädchen) befestigt war.
Für die römische Zeit sind verschiedene Methoden für das Verweben der Fäden belegt. Der Gewichtswebstuhl, der sich durch tönerne Webgewichte nachweisen lässt, hat in der Nordwestschweiz die längste Tradition.
Der ebenfalls vertikale Webstuhl mit je einem Balken am oberen und unteren Ende, um den die Kettfäden gewickelt waren, bestand demgegenüber vollständig aus Holz, was den archäologischen Nachweis erschwert.
Häufiger belegt sind hingegen Webkämme, Webschwerter und sonstige Webhilfen, mit denen der frisch durchgezogene Schussfaden an das bereits gewobene Tuch geschlagen wurde. Ebenfalls nachgewiesen ist die
Brettchenweberei. Diese vorwiegend für die Herstellung von Bändern verwendete Technik arbeitet mit einem mehrteiligen Satz drei- oder viereckiger dünner Brettchen, die an jeder Ecke Bohrlöcher aufweisen, durch
welche die Kettfäden gezogen wurden.
Nach dem Weben wurde der Wollstoff zum Teil gewalkt, um ein dichtes Filztuch zu erhalten. Erst in diesem Arbeitsstadium kamen Verfahren zum Zug, die aufwendigere Vorrichtungen erforderten als sie ein normaler
Hausverband zu bieten hatte. In Augusta Raurica fanden sich bisher an zwei Stellen archäologische Hinweise auf das Walkerei-Gewerbe, nämlich im Gewerbehaus in der Schmidmatt und in der Westhälfte der Insula
24, wo ein Bottich aus Eifellava zum Vorschein kam, der sehr wahrscheinlich zum Walken verwendet wurde.
Über die Herstellung von Kleidern und anderen Erzeugnissen aus Stoff sind wir kaum informiert. Grosse Kleiderfabriken,wie sie etwa in Trier bekannt sind, arbeiteten nur für einen speziellen Kreis von Abnehmern wie
Militärpersonen oder zivile Beamte und dürften in einer eher provinziellen Stadt wie Augusta Raurica kaum vorhanden gewesen sein. Die meisten Stadtbewohner werden sich ihre Kleider selbst zugeschnitten und
genäht haben, was auch durch die grosse Verbreitung von Nähnadeln im Stadtgebiet angezeigt wird.
Sabine Deschler-Erb
(Text aus: P. Zsidi/A. R. Furger (Hrsg.), Out of Rome. Augusta Raurica / Aquincum. Das Leben in zwei römischen Provinzstädten [Basel 1997])