Brot und Spiele In der römischen Welt sind grundsätzlich zwei verschiedene Typen von Theaterbauten zu unterscheiden; einerseits die zur Aufführung von Bühnenstücken errichteten
«szenischen Theater» mit halbkreisförmigem Grundriss, andererseits die über einem ovalen Grundriss konstruierten «Amphitheater», die zur Veranstaltung von Tierhetzen und
Gladiatorenkämpfen dienten. So unterschiedlich der Verwendungszweck dieser beiden Bautypen auch war, so verfolgten doch beide ein und dasselbe Ziel: die Unterhaltung
eines Massenpublikums, das sich aus Angehörigen sämtlicher Gesellschaftsschichten - vom Senator bis zum Sklaven - zusammensetzte. Freilich blieb aber auch in den
Theatern die soziale Hierarchie gewahrt, indem die besten, in den unteren Rängen gelegenen Plätze für den Adel und die hohen Magistraten reserviert waren, während das
einfache Volk und die Frauen mit den oberen, vom Geschehen weiter entfernten Plätzen Vorlieb nehmen mussten. Für die römische Kultur beinahe sprichwörtlich sind die blutigen Kampfspiele in den Arenen der Amphitheater, die sich primär aus Tierhetzen (venationes) und
Gladiatorenkämpfen (munera) zusammensetzten. Vor allem die Kämpfe der zum Teil schwerbewaffneten, in speziellen Kampfdisziplinen ausgebildeten Gladiatoren, die sich
zum grössten Teil aus Kriegsgefangenen, teilweise aber auch aus freien Bürgern rekrutierten, fanden beim Publikum grosse Begeisterung. Begleitet von Orgelmusik lieferten
sich die Kämpferpaare unter der Aufsicht von Schiedsrichtern schwere Gefechte auf Leben und Tod. Unblutig ging es in den szenischen Theatern zu, wo Bühnenstücke (ludi scaenici) zur Erheiterung der Bevölkerung sorgten. Bei der Mehrzahl dieser Aufführungen handelte es
sich in der römischen Kaiserzeit jedoch nicht mehr um klassische Tragödien oder Komödien im Stile der alten Griechen. Gefragt waren vielmehr derbe Inszenierungen, die an
Klamauk, unanständigen Witzen, Anzüglichkeiten, ja sogar handfesten sexuellen Anspielungen nicht sparten. Inbegriff solcher Aufführungen und in der Kaiserzeit an oberster
Stelle der Beliebtheit war der mimus, eine burleske Komödie, bei der ohne Masken gespielt wurde. Äusserst beliebt war auch der pantomimus, eine zumeist aufwendig
ausgestattete, virtuos vorgeführte Tanzinszenierung, die von einem Chor begleitet wurde, der textlich meist wenig anspruchsvolle Lieder (cantica) zum Besten gab. Alle diese Spiele und Aufführungen (ludi) waren für das Publikum in der Regel kostenlos. Finanziert wurden sie von reichen Privatleuten, politischen Würdenträgern oder sogar
vom Kaiser selbst. Dabei spielten massive politische und psychologische Überlegungen eine wichtige Rolle. Getreu dem berühmten Wort von panem et circenses galt es, die
Volksmasse ruhig zu halten, was durch gefüllte Mägen und ein ausgefülltes «Freizeitprogramm» offenbar am einfachsten zu bewerkstelligen war. Um ein regelmässiges
Stattfinden der Spiele zu gewährleisten, wurde ein Finanzierungssystem eingerichtet, das im Verlauf der Zeit viele Beamte an den Rand des Ruins brachte. Die Ausrichtung der
Spiele wurde an die Bekleidung hoher Ämter gekoppelt und musste zum grössten Teil aus dem Privatvermögen der Beamten bestritten werden. Während in augusteischer Zeit
die Auslagen für die ludi sich noch in Grenzen hielten und zum Teil durch staatliche Gelder subventioniert wurden, änderte sich die Situation im Verlauf des 2. Jahrhunderts
rasch. Die Anzahl von immer aufwendigeren und teureren Spielen wuchs und führte zu einem zunehmenden Konkurrenzkampf um die Gunst des Publikums und somit auch um
den öffentlichen und politischen Einfluss. Wer dabei mithalten wollte, musste über ein stattliches Vermögen verfügen, wenn er sich nicht verschulden wollte. In Augusta Raurica sind die Überreste von zwei szenischen Theatern und zwei Amphitheatern bekannt geworden. Drei der Bauten entstanden in zeitlicher Abfolge an einer
zentralen Stelle des Stadtgebietes, in umittelbarer Nachbarschaft von Tempeln und Forumsanlagen. Vom ersten, nach der Mitte des 1. Jahrhundert n. Chr. erbauten szenischen
Theater sind bis heute lediglich die ungefähre Ausdehnung und einige wenige Bauelemente bekannt. Die Inschrift auf einem Gesimsstück hält fest, dass der Bau ex decurionum
decreto («auf Beschluss des Stadtrates») errichtet wurde. Dieses Theater wurde um 110 n. Chr. weitgehend abgebrochen und an gleicher Stelle durch ein Amphitheater ersetzt.
Die zunehmende Beliebtheit von Gladiatoren- und Arenaspielen mag der Beweggrund für diese ungewöhnliche Massnahme gewesen sein. Das Oval der Arena besass mit
Achsenmassen von 49 × 36 m im gesamtrömischen Vergleich eher bescheidene Ausmasse. Um 200 n. Chr. oder kurz zuvor wurde dieses Amphitheater an gleicher Stelle wiederum durch ein halbrundes, szenisches Theater ersetzt. Der neue Theaterbau besass in
seiner Nord-Süd Ausdehnung die beachtliche Länge von 103 m und bot etwa 10'000 Personen Platz. Seine axiale Ausrichtung auf den gegenüberliegenden Tempel auf
Schönbühl lässt vermuten, dass es sich um ein sogenanntes Kulttheater handelte, das primär für religiöse Festivitäten benützt wurde. Wie die beiden Vorgängerbauten war
auch dieses Theater gegen einen sanften Abhang errichtet, wodurch in diesem Bereich auf aufwendige Substruktionen, wie sie bei der nach Westen orientierten Fassade
notwendig waren, verzichtet werden konnte. Grossangelegte Gewölbesysteme, wie wir sie beispielsweise vom Kolosseum oder vom Marcellus-Theater in Rom kennen, fehlen in
Augst fast gänzlich. Lediglich die Eingangshallen nördlich und südlich der Orchestra sind arkadenförmig gestaltet. Den Unterbau der Sitzstufen bildeten Mauergevierte aus
kleinen Kalksteinquadern, die mit Schutt und Erde aufgefüllt waren. Diese Konstruktion hatte einen gewaltigen Erddruck zur Folge, dem mit mächtigen Stützpfeilern entlang der
Umfassungsmauer begegnet wurde. Als Baumaterial für das Theater dienten ausschliesslich lokale Gesteine. Die Bauweise mit aus kleinen Kalksteinen bestehenden Mauern ist charakteristisch für das
gallo-römische Gebiet; sie unterscheidet sich massgeblich von der südlich der Alpen angewandten Ziegel- und Werksteintechnik. An mehreren Stellen finden sich Hinweise auf
eine teilweise Zerstörung des Theaters um die Mitte des 3. Jahrhunderts, deren Ursache noch unklar ist und für die in jüngster Zeit ein Erdbeben als Auslöser vermutet wird.
Das Theater wurde anschliessend repariert und bis ins 4. Jahrhundert weiterbenutzt (siehe auch ausführlich Theatersanierung). In typischer Lage, am Stadtrand, entstand um 200 n. Chr. im Südwesten von Augusta Raurica ein neues Amphitheater mit etwa 5500 Plätzen. Es ersetzte den älteren Bau im
Stadtzentrum, der dem szenischen Theater weichen musste. Bei der Planung dieses neuen Amphitheaters nützte der antike Baumeister die bestehenden topographischen
Verhältnisse geschickt aus, indem er den Bau in die natürliche Senke des Sichelengrabens legte. Mit verhältnismässig geringem Aufwand konnten die Senke zu einer 50 × 33
m messenden Arena erweitert und die Böschungen als Unterlage für die (hölzernen?) Sitzstufen hergerichtet werden, so dass am Ende der grösste Teil des Amphitheaters in
das natürliche Terrain eingetieft war. Lediglich die Arenazugänge und die Umfassung erforderten aufwendige Mauerkonstruktionen. Die Zugänge zu den Sitzstufen, die
vomitoria, bestanden aus überwölbten Rampen, die beidseits der Arenazugänge lagen. Auf der Querachse der Arena befanden sich unmittelbar hinter der Trennmauer zwei
carceres, in denen die Gladiatoren und wilden Tiere auf ihren «Auftritt» warteten. Eine halbrunde Nische nahe dem westlichen Arenaeingang barg möglicherweise ein Heiligtum
für die Göttin Nemesis, die bei den Gladiatoren in hohem Ansehen stand.
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Home Augusta Raurica Theater und Amphitheater siehe auch Gladiatoren
Erstes szenisches Theater
im Stadtzentrum:
60/70
bis
100/110 n. Chr. Erstes Amphitheater im
Stadtzentrum:
100/110
bis
170/200 n. Chr. Zweites szenisches Theater
im Stadtzentrum:
170/200
bis
330/350 n. Chr. Zweites Amphitheater am
Stadtrand:
um 200
bis
ca.270/300 n. Chr.
| - | L. Berger (mit einem Beitrag von Th. Hufschmid), Führer durch Augusta Raurica (Basel 19986) 62 ff. |
| - | A. R. Furger (mit einem Beitr. v. E. Oxé), Das Augster Amphitheater. Die Sicherungsgrabungen von 1986. Jahresberichte aus Augst und Kaiseraugst 7, 1987, 7 ff. |
| - | Th. Hufschmid/M. Horisberger u.a., Das römische Theater von Augst: Sanierungs- und Forschungsarbeiten 1991 ff. In: Jahresberichte aus Augst und Kaiseraugst 13 ff., 1992 ff. |
Vgl. die Abbildung
Weitere Infos
Thomas Hufschmid
(Text aus: P. Zsidi/A. R. Furger (Hrsg.), Out of Rome. Augusta Raurica / Aquincum. Das Leben in zwei römischen Provinzstädten [Basel 1997])