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Home Augusta Raurica || Forschung
Forschungswerkstatt zur Stadtgeschichte
Die römische Stadt Augusta Raurica gehört zu den best erhaltenen römischen Städten Europas. Unter den heutigen Gemeinden von Augst (BL) und Kaiseraugst (AG) liegen wichtige Teile der antiken Stadt nahezu unberührt im Boden. Sie bilden ein einzigartiges "Archiv", anhand dessen Archäologen die Geschichte der römischen Stadt nachvollziehen können - von der Gründung der Kolonie über ihre Blüte im 2. Jahrhundert n. Chr. bis zu ihrem Niedergang in der Spätantike.
Dabei kann man in Augusta Raurica auf eine lange Forschungstradition zurückblicken. Bereits im 16. Jahrhundert fanden hier die ersten wissenschaftlichen Ausgrabungen nördlich der Alpen statt, und seit mehr als 100 Jahren wird die antike Stadt systematisch erforscht. So wissen wir heute, mit welch kostbaren Mosaiken die Häuser geschmückt waren, dass man neben Iupiter, Mars, Venus und Merkur auch einheimische und orientalische Gottheiten verehrte und dass die ärmere Bevölkerung in bescheidenen Behausungen lebte. Diese lange Forschungstradition sowie über 1000 Notgrabungen und Sondagen der letzten drei Generationen und über 1,5 Millionen Funde, die heute in den Depots lagern, bieten ein enormes Wissenspotenzial.
Das Team von Augusta Raurica ist verpflichtet, dieses wertvolle Erbe, die Hauptstadt der römischen Kolonie, vor der Zerstörung zu bewahren und wissenschaftlich zu erforschen, die Funde und Baustrukturen zu dokumentieren, sie auszuwerten und nach dem neuesten Stand der Forschung zu konservieren und zu präsentieren. Dies ist in der Dienstordnung des Amtes für Kultur des Kantons Basel-Landschaft von 1995 und im Römervertrag von 1998 festgeschrieben. Sowohl der Erhalt der römischen Ruinen als auch die Bearbeitung und Präsentation bedürfen jedoch zeitaufwändiger, nach aussen oft nicht sichtbarer Grundlagenforschung. Ohne diese Arbeit im Hintergrund wären viele Ergebnisse nicht möglich. Erst die Zusammenarbeit von Archäologie, Alter Geschichte, Archäobiologie, Anthropologie und anderen Spezialdisziplinen erlaubt es, ein lebendiges Bild des römischen Stadtlebens zu zeichnen und zu vermitteln.
140 000 Besucherinnen und Besucher aus dem In- und Ausland lassen sich jährlich von der antiken Stadt faszinieren. Dabei legt das Team von Augusta Raurica grossen Wert darauf, dass die Präsentation stets auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbaut. Dies erfordert zuerst einmal wissenschaftliche Grundlagenforschung. Erst darauf basierend kann unser Wissen einer breiten Öffentlichkeit anschaulich vermittelt werden. Das macht Wissenschaft reizvoll und animiert die Besucherinnen und Besucher, immer wieder neue Facetten der antiken Stadt zu entdecken. Das wachsende Interesse ist ein klares Votum für das hochwertige Angebot.
Die Forschungswerkstatt soll kein akademischer Elfenbeinturm sein. Sie versteht sich als eine Schaltzentrale, in der wissenschaftliche Projekte entwickelt, koordiniert und diskutiert werden. Es soll eine "Laboratoriumsatmosphäre" mit Denk-, Recherchier- und Diskussionsräumen und -zeiten entstehen.
Die interdisziplinären Forschungen zu Augusta Raurica machen es nötig, dass die Kommunikation und Kooperation unter den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gefördert wird. Sonst besteht die Gefahr, dass die Aufgabe, gemeinsam eine "Stadtgeschichte" zu erarbeiten, unerfüllt bleibt. Da die verschiedenen Forschungsstellen bisher auf unterschiedliche Lokalitäten verteilt sind, entstehen selten spontane Diskussionen - jenes "geistige Treibhausklima", das Grundlage jeder kreativen und innovativen Forschung ist.
Die Forschungswerkstatt hat sowohl interne als auch externe Aufgaben wahrzunehmen.
Interne Aufgaben
| - | Planung, Koordination und Systematisierung von Forschungsvorhaben, um die vorhandenen Wissensressourcen effizienter zu nutzen |
| - | Erarbeiten von Fragestellungen und präzise Abgrenzung von Themen |
| - | Definition von Qualitätsstandards bei der Fragestellung, der Auswertung der Gebäudereste und Funde sowie bei der weiteren Forschung und der Vermittlung an ein breites Publikum |
| - | Entwicklung von archäologisch-historisch und naturwissenschaftlich orientierten Fragenkatalogen sowie von Handbüchern. Damit können künftige Ausgrabungen rationeller und gezielter durchgeführt werden. Arbeitsabläufe bei der Bearbeitung der Funde und Gebäudestrukturen werden systematisiert und vereinheitlicht. Ergebnisse sind somit leichter verständlich und kompatibel für weiterführende Forschungen. Die Handbücher und Fragenkataloge dienen dabei als Orientierungshilfen, werden in Kooperation mit den Fachdisziplinen erarbeitet und sind jederzeit aktualisierbar. |
Externe Aufgaben
| - | Die kantonale Fachstelle Augusta Raurica hat einen Bildungsauftrag. Ihr Ziel ist es, Wissenserwerb zu einem Erlebnis zu machen und das Geschichtsbewusstsein zu fördern. Die Forschungswerkstatt garantiert hierfür eine seriöse Basis, auf der die didaktische Präsentation aufbauen kann. |
| - | Diese Basis muss institutionalisiert und jederzeit abrufbar sein. Sie muss zudem kontinuierlich weiterentwickelt werden. Nur so kann Qualität auf Dauer gesichert werden. |
Viele Fragen zur historischen Entwicklung und zum Leben in Augusta Raurica sind noch offen:
| - | Wie wirkte sich die aufstrebende Stadt auf das ländliche Umland aus? |
| - | Wie veränderte sich die Stadt? |
| - | Wie gestaltete sich das Zusammenleben von Einheimischen und Römern? |
| - | Woher bekam die Stadt Geld für öffentliche Aufgaben wie Theater, Tempel und Thermen? |
| - | Wie funktionierte das Nebeneinander unterschiedlichster Glaubensrichtungen? |
| - | Wie war das Verhältnis zu den anderen Städten in der weiteren Region? |
| - | Welche Faktoren bewirkten den Niedergang der einst prächtigen Stadt? |
Stellt man sich diesen Fragen und möchte im Rahmen interdisziplinärer, grenzüberschreitender Projekte nach Lösungen suchen, bedarf es engagierter Forschung.
Leitgedanken für die Forschungswerkstatt sind:
| - | archäologische und historische Forschungen werden intensiviert und stärker als bislang vernetzt |
| - | die interdisziplinären Forschungen werden ausgedehnt |
| - | die Kooperation mit Universitäten und Forschungseinrichtungen wird intensiviert |
| - | Gelder des Bundes und der EU werden verstärkt eingeworben |
| - | Forschungsergebnisse werden regelmässig präsentiert |
| - | die Forschungswerkstatt wird über eine fest eingerichtete Zentrale in Augst verfügen, die hilft, Datenbanken (Archive, Bibliotheken) bereit zu stellen, administrative Arbeiten rationeller durchzuführen und als Kompetenzzentrum für provinzialrömische Archäologie bei wissenschaftlichen Fragen Fachwissen zu vermitteln. |
Die Erforschung von Augusta Raurica bildet die Grundlage für eine seriöse, publikumswirksame Präsentation der antiken Stadt. Hunderttausende von Besucherinnen und Besuchern sind ein klares Votum für dieses Konzept. Politikerinnen und Politiker sowie Investoren haben die Bedeutung und das Potenzial der römischen Stadt seit Jahren erkannt und sie entsprechend gefördert. Allein für Notgrabungen hat der Kanton Baselland seit 1986 über 20 Millionen Schweizer Franken investiert. Der Wert dieser Investitionen muss gewahrt werden. Deshalb gilt es, diesen Weg konsequent weiterzuverfolgen.
Um dabei das stetig steigende Interesse der Bevölkerung an ihrer geschichtlichen Herkunft zu befriedigen, soll die Forschungswerkstatt eingerichtet werden. Sie sichert das internationale Renommee von Augusta Raurica in der Forschung und den guten Ruf bei der Präsentation der Ergebnisse - sei es bei wissenschaftlichen Tagungen, in Publikationen und in Ausstellungen oder bei Events, deren Basis immer fundierte Forschung bleiben muss. Forschung und Wissensvermittlung müssen einen Qualitätsstandard gewährleisten und attraktiv sein. Stadtplanung, Zusammenleben mit Fremden, Integrationsprobleme - das sind brennende Fragen, die uns heute betreffen, aber auch in der Vergangenheit erstaunlich aktuelle Parallelen finden. Geschichte und Gegenwart können sinnvoll verknüpft werden. Nur so wird ein dauerhaftes Bewusstsein für das römische Erbe geschaffen, und eine breite Bevölkerung lernt aus der römischen Geschichte für die eigene Zukunft.