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Zusammenfassungen / Summaries / Résumées
 

Jörg Schibler/Alex R. Furger:
Die Tierknochenfunde aus Augusta Raurica (Grabungen 1955-1974)
(Forschungen in Augst 9)


Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit behandelt die Bestimmungsergebnisse der Tier- und Menschenknochen, welche zwischen 1955 und 1974 in Augst (BL) und Kaiseraugst (AG) ausgegraben wurden. Dieses Knochenmaterial wurde durch E. Schmid in Augst bestimmt. Die riesige Datenmenge der ca. 210'000 Knochenfragmente liess sich mittels herkömmlicher Methoden nicht mehr gesamthaft auswerten, so dass diese Daten mit dem Computer erfasst werden mussten. Die bis in die 50er Jahre zurückreichenden Bestimmungen sind aus heutiger Sicht mit einigen methodischen Problemen behaftet, was durch den Zeitpunkt der Bestimmung sowie durch die im "Feld" (in Augst) ohne grosse Vergleichssammlung erfolgte Bearbeitung bedingt ist. So liegen z.B. keine osteometrischen Untersuchungen vor. Allgemein lassen sich rein osteologische Probleme mit diesem Material nicht beantworten; sie werden zum Teil Gegenstand zukünftiger Auswertungen und Publikationen bleiben müssen. Diese Einschränkungen werden jedoch durch die archäologischen, kultur- und wirtschaftsgeschichtlichen Aussagemöglichkeiten mehr als ausgeglichen. Dieses Material bietet die einmalige Möglichkeit, die Tierknochenverteilung einer grösseren römischen Stadt sowohl chronologisch wie auch städtetopographisch zu untersuchen.

Die Gegenüberstellung des aus Augst und Kaiseraugst stammenden Tierknochenmaterials mit anderen römischen Komplexen aus dem In- und Ausland ergibt, sowohl nach Bestimmbarkeitsanteil wie auch nach den Durchschnittsgewichten beurteilt, eine gute Vergleichbarkeit. Neuere Grabungen weisen logischerweise meist tiefere Durchschnittsgewichte auf.

Erst seit der systematischen Bearbeitung einiger Fundkategorien wie Fibeln, Löffel, Amphoren oder Lavezgefässe sind einzelne Fundkomplexe mit Hilfe der darin enthaltenen Keramik und Münzen auch zeitlich bestimmt worden, wodurch auch die dazu gehörenden Tierknochenfragmente datiert wurden. Etwa 20% des gesamten Tierknochenmaterials liess sich durch diese Methode zeitlich einordnen. Die chronologische Auswertung zeigte teilweise signifikante Veränderungen. Die Rinderknochen sind in den jüngsten Komplexen des späten 3. und des 4. Jahrhunderts deutlich häufiger als in den vorangehenden Phasen. Die Reste von Schaf und Ziege nehmen vom 1. bis ins 4. Jahrhundert allmählich ab. Die Schweineknochen wurden im späten 3. und im 4. Jahrhundert deutlich seltener gefunden. Die Überreste der Pferde werden vom 1. bis ins 4. Jahrhundert allmählich häufiger. Die grössten Anteile von Hundeknochen liessen sich im jüngsten Zeitabschnitt ermitteln, und die Hühnerknochen fanden sich im späten 1. sowie im 2. und im 3. Jahrhundert am zahlreichsten.

Der Vergleich der Augster Ergebnisse mit denen anderer römischer Zivil- und Militärkomplexe unterstreicht den Grosstadtcharakter von Augusta Raurica. Zudem ergeben sich auch einige deutliche Unterschiede zwischen den Bestimmungsergebnissen von Zivil- und Miltärsiedlungen. Pferde- und Wildtierknochen erreichen in den Militärstationen höhere Anteile, hingegen finden sich Knochen des Hausgeflügels (vorwiegend Haushuhn) in den Zivilsiedlungen deutlich zahlreicher. Ein Jagdprivileg der Offiziere manifestiert sich neben dem grossen Wildtieranteil auch im Artenspektrum der Wildtiere im Augster Militärkomplex (3./4. Jahrhundert), überwiegen doch der Hirsch und das Wildschwein. In den Zivilkomplexen von Augst finden wir dagegen unter den Wildtieren den Feldhasen am häufigsten, was eher auf die Überreste der Feinschmeckerküchen in den reicheren Insulae hindeutet. Aufgrund des städtetopographischen Vergleichs der osteologischen Ergebnisse sowie durch das Studium der zeitgenössischen Literatur über Landwirtschaft (Columella) und Kochkunst (Apicius) ist anzunehmen, dass Hühnerfleisch zu den teureren Fleischsorten gehörte, welche in reicheren Haushalten häufiger auf den Tisch kam. Somit wird auch der unterschiedliche Hühnerknochenanteil in Zivil- und Militärkomplexen verständlich.

Die detaillierte Auswertung der einzelnen Augster Grabungskomplexe erbrachte den Nachweis einiger gewerblicher Betriebe. Ansammlungen von Schulterblattfragmenten des Rindes fanden sich meist in unmittelbarer Nähe von archäologisch nachweisbaren Räucherkammern, so dass vermutet werden kann, es handle sich dabei um den Abfall der Rauchfleischproduktion. Diese Befunde sind für die Insulae 18, 25, 29 (?), das Autobahnareal (N2A3, Venusstrasse-West) und die Unterstadt vom 1. bis ins 3. Jahrhundert belegt. Ansammlungen von abgehackten oder abgesägten Hornzapfen, welche auf die Verarbeitung von Hornmaterial hindeuten, fanden sich in den Insulae 22, 28, 29 (?), 31, in der Unterstadt sowie im Kastellareal und weisen dieses Handwerk vom 1. bis ins 4. Jahrhundert in Augst nach. Die Verarbeitung von Tierhäuten ist durch das überdurchschnittlich häufige Auftreten von Hornzapfen und Autopodiumelementen nachzuweisen und ist für die Insulae 15/16, 30, den Töpferbezirk (Venusstrasse-Ost) und das Autobahnareal (N2A3, Venusstrasse-West) vom 1. bis ins 3. Jahrhundert belegt. Gerbereibetriebe und Hornmanufakturen stehen aufgrund des Verarbeitungsprozesses in enger Beziehung, so dass anhand des anfallenden Knochenabfalls die beiden Gewerbe nicht immer eindeutig zu trennen sind.

Durch die Zusammenstellung und Auswertung der aus den Bestattungen der Gräber von der Rheinstrasse (Grabungen 1962 und 1968) stammenden Tierknochen liessen sich unterschiedliche Beigabensitten zwischen Brandbestattungen des 1. und 2. Jahrhunderts und den Körperbestattungen des 3. und 4. Jahrhunderts nachweisen. In den älteren Brandbestattungen sind die Anteile der Schweineknochen sehr gross; deutlich seltener liessen sich Geflügel- und Rinderknochen bestimmen. In den jüngeren Körperbestattungen finden sich Schweine- und Hühnerreste etwa gleich häufig, zudem liessen sich auch Pferdeknochen bestimmen, welche in den Brandbestattungen fehlen.

Der städtetopographische Vergleich der Bestimmungsergebnisse ergab sowohl in den einzelnen Datierungsphasen wie auch innerhalb der undatierten (1.-4. Jahrhundert) Gesamtkomplexe die Möglichkeit einer sozialen Differenzierbarkeit einzelner Stadtquartiere anhand ihrer Knochenabfälle. Eine wichtige Voraussetzung dafür bildet die Kenntnis der Wertschätzung der verschiedenen Fleischsorten in römischer Zeit. Hierzu geben uns die Schlachtaltersanalysen wichtige Hinweise. Einen sehr grossen Anteil an Knochen ausgewachsener Tiere liefern in erster Linie die Arbeitstiere (Zug-, Trag- und Reittiere). Dies kann bei den Rinder- und den Pferdeknochen beobachtet werden. Reine Fleischtiere liefern dagegen höhere Anteile von Jungtierknochen, wie dies für das Schwein zu belegen ist. Tierarten, welche in dieser Beziehung eine Mittelstellung einnehmen, wie zum Beispiel Schaf und Ziege, belegen wohl eine mehr oder weniger gleichbedeutende Nutzung als Fleischtier und als Milch- und Wolltier. Weitere Hinweise liefern auch die Bestimmungsergebnisse der aus den Bestattungen stammenden Tierknochen, welche die Überreste von Speisebeigaben in den Gräbern darstellen. Hier sind die Reste von Schwein und Huhn deutlich häufiger nachzuweisen als die Rinderknochen. Schliesslich erwähnen auch römische Autoren wie Columella für das Rind ausschliesslich die Nutzung als Zug- und Tragtier und die von Apicius verfassten Feinschmeckermenues bevorzugen Schweine-, Geflügel- und Wildfleisch, und nur sehr selten wird Kalbfleisch verwendet. Aus diesen Hinweisen lässt sich die Vorliebe für Schweine-, Geflügel- und Wildfleisch herauslesen.

Die Kartierung der Augster Bestimmungsergebnisse hat die grössten Anteile dieser Tierarten jeweils in den sozial privilegierteren Quartieren (Stadtzentrum und Mansio) geliefert. Grössere Anteile von Rinder-, Pferde- und Hundeknochen erbrachten dagegen meist die Stadtrandquartiere, wie die Unterstadt oder auch das östliche Stadtvorgelände, wo sicher nicht die reichsten Einwohner der Stadt zu suchen sind. In der reich ausgestatteten Herberge (Mansio) fanden sich neben den Überresten einer offensichtlich privilegierteren Schicht (wenig Rinder-, viel Schweine- und Geflügelknochen) auch viele Pferdeknochen. Da zu einer Mansio sicher auch Pferdestallungen und Pferdewechselstellen gehörten, wird diese Resultat verständlich. Die deutlich grösseren Pferdeknochenanteile in den Stadtrandquartieren sind sicher auch dadurch bedingt, dass die Stallungen, vor allem ab den Steinbauphasen des 2. Jahrhunderts, in erster Linie am Stadtrand und nicht im Zentrum zu suchen sein müssen.

Elisabeth Schmid hat bei ihren osteologischen Arbeiten an Fundmaterial vornehmlich aus Wohn- und Schuttschichten aus den Siedlungsarealen zahlreiche Menschenknochen und einige fast vollständige menschliche Skelette erkannt und separiert. In einem anthropologischen Beitrag von Bruno Kaufmann werden diese Menschenknochen, ergänzt durch einige Neufunde, von insgesamt 81 Fundpunkten bestimmt und aufgelistet. Ein Grossteil davon stammt aus den Zerstörungsschichten sowie aus Sodbrunnenfüllungen der Mitte des 3. Jahrhunderts. Dies und die Beobachtung, dass manche Langknochen Schnittspuren aufweisen, die auf (Leichen-)Zerstückelung hinweisen, lassen die Funde im Lichte der kürzlich zusammengestellten Waffenfunden in denselben Zerstörungsschichten in der Oberstadt als Überreste von kriegerischen Handlungen und teilweise wohl auch Massakern oder Leichenschändung erscheinen. Im Vergleich mit ähnlichen Befunden aus Kastellvici und Villen am Limes sowie aus elsässischen Fundstellen - alle ebenfalls aus dem mittleren 3. Jahrhundert - wird in den letzten Jahren allmählich eine äusserst makabre "Kriegstaktik" in Zusammenhang mit Alamanneneinfällen oder reichsinternen Auseinandersetzungen erkennbar.

Die Auswertung der über 200'000 Tier- und Menschenknochen haben also eine Fülle von kultur- und wirtschaftsgeschichtlichen Aussagen geliefert, welche teilweise auch bereits durch E. Schmid schon in früheren Jahren in ihren zahlreichen Publikationen (vgl. Literatur) angedeutet wurden. Viele Aussagen bedürfen in der Zukunft noch einer Überprüfung anhand von Material, welches aus neuen Grabungen stammt und nach neusten Methoden aufgearbeitet sein muss. Bis dahin sind viele der in dieser Arbeit gemachten Aussagen noch als Arbeitshypothesen zu verstehen, welche durch die Resultate der zukünftigen Bearbeitungen bestätigt oder widerrufen werden müssen.


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