Claudia Bossert-Radtke:
Die figürlichen Rundskulpturen und Reliefs aus Augst und Kaiseraugst
(Forschungen in Augst 16)
Zusammenfassung/Synthese
Das überlieferte Fundmaterial
Der vorliegende Katalog umfasst insgesamt 85 Katalognummern. Die aus der Koloniestadt Augusta Raurica und dem Castrum Rauracense stammenden Funde bestehen
vorwiegend aus hellem Kalkstein, der preisgünstig und gut zu bearbeiten war; wenige Stücke sind aus Sandstein skulptiert (39.44.61.65.68.70) (Tafel 23; 32; 46; 52-53; 55; 57).
Diese Arbeiten wurden am Ort hergestellt. Die aus kostbarem Marmor (Carrara?) gearbeiteten Stücke (32.50.51.81, Tafel 14-18; 35-39; 61) wurden möglicherweise importiert.
Mehrere Funde stammen aus der Kaiseraugster Kastellmauer, in der sie als Spolien wiederverwendet worden waren. Ein grosser Teil des antiken Fundmaterials dürfte in Kalköfen
zu Kalkmehl verarbeitet oder verschleppt worden sein. Es fällt auf, dass Militärgrabsteine oder mit dem Militär verknüpfte Skulpturen bisher fehlen.
Das Spektrum reicht von Rundskulpturen und Reliefs guter Qualität über durchschnittliche bis hin zu solchen der sogenannten Volkskunst. Die aus kostbarem Marmor
(lunensischem?) bestehenden Arbeiten können mehrheitlich repräsentativen Anlagen zugewiesen werden (32.50.51.81).
Das Fundmaterial zeigt allgemein typologische und stilistische Gemeinsamkeiten mit Werken der Tres Galliae. Im Vergleich mit Aventicum wird aber deutlich, dass Augst politisch
und kulturell weniger bedeutend und die Bevölkerungsstruktur eine andere war; die Kontakte zum Mutterland scheinen weniger intensiv gewesen zu sein. Die Mehrzahl des
überlieferten Fundmaterials dürfte vom Mittelstand in Auftrag gegeben worden sein. Er setzte sich vorwiegend aus Handwerkern, Gewerbetreibenden und Freigelassenen
zusammen, die durch ihre Leistungen zu Ansehen und Vermögen gelangt waren.
Relativchronologische Datierung
Der zeitliche Rahmen ist durch historische Ereignisse, epigraphische und archäologische Zeugnisse gegeben. Die Datierung des Fundmaterials erweist sich als schwierig, da es
mehrheitlich von mittelmässiger Qualität ist und objektivierbare Kriterien fehlen. Einige qualitativ gute Arbeiten können auf stilistischem Weg datiert werden (38.44.50-51.64),
andere durch den Fundkontext (19.56.58) oder anhand antiquarischer Details (69).
Das Fehlen von ganz frühen einheimischen Arbeiten mag damit zusammenhängen, dass die keltischen Handwerker erst mit der Romanisierung die Technik der römischen
Bildhauerkunst übernommen haben. Zudem dürfte die einheimische Bevölkerung länger an ihren Traditionen festgehalten haben.
Die frühesten Funde stammen aus der 1. Hälfte des 1. Jahrhunderts n.Chr. (19.56.58) (Tafel 11; 42; 44-45); die Fragmente des Forumsaltars 32 (Tafel 14-18) aus der Mitte des 1.
Jahrhunderts n.Chr. gehören zur steinernen Forumsanlage. In neronischer bis frühflavischer Zeit scheint es zu einem "Bauboom" gekommen zu sein. Ihn belegen die wohl einer
Türrahmung zuweisbaren Marmorfriese vom Tempel auf dem Schönbühl (51) (Tafel 38-39) und aus dem Kultbezirk in der Grienmatt (50) (Tafel 35-38). Die Monumente dürften von
fremden (italischen?) Bildhauern in Zusammenarbeit mit einheimischen hergestellt worden sein. Von repräsentativen Bauten stammen ausserdem der Pfeiler mit Darstellung der
Victoria (40) (Tafel 24-26) und die Fragmente zweier Waffenfriese (41-42) (Tafel 27-30). Auf dem nordwestlich von Augst liegenden Friedhof (Region 15,A) stand ursprünglich der
im 3. Viertel des 1. Jahrhunderts gearbeitete Grabstein eines Eisenhändlers (64) (Tafel 48-51).
Im 1. Jahrhundert können wir nur wenige Marmorimporte fassen (19.21.32) (Tafel 11; 14-18). Dies mag teilweise durch den Forschungsstand bedingt sein.
In trajanischer Zeit wurden die Kalksteinköpfe 38 (Tafel 22) und 9 (Tafel 8) skulptiert. Mehrere Funde, vorwiegend aus rotem Sandstein, lassen sich in antoninische bis severische
Zeit datieren (44.61.69.39[?]) (Tafel 32; 46; 56; 23). Der bisher jüngste Fund (65), das Relief mit centurio und Ehefrau(?) (Tafel 52-53), gehört in die 1. Hälfte des 3. Jahrhunderts.
Aus dem um 300 n.Chr. errichteten Castrum Rauracense fehlen bisher Spuren einer Produktion für figürliche Rundskulpturen und Reliefs.
Aufstellungs- und kulturgeschichtliche Aspekte
Bei einem grossen Teil des Materials ist der Fundzusammenhang - wie oben bereits erwähnt - unbekannt.
Öffentliche Anlagen
Vom Forum kennen wir mehrere Fragmente des monumentalen Marmoraltars 32 (Tafel 14-18), den Kalksteinpfeiler mit Victoria 40 (Tafel 24-26) vom Eingangsbereich der Anlage
und Reste von Verkleidungsplatten(?) (74) (Tafel 58).
Dem Tempel auf dem Schönbühl können Fragmente einer marmornen Türrahmung 51 (Tafel 38-39) sowie solche eines Waffenfrieses 42 (Tafel 30) zugewiesen werden. Er stammt
möglicherweise von einer der Portiken oder einem Eingangstor und steht - wie auch der Pfeiler mit Victoria 40 (Tafel 24-26) - in Zusammenhang mit der Romanisierung der
Nordprovinzen. Die möglicherweise zu einem Capricorn zu ergänzenden Fragmente mit Schuppen 49 (Tafel 34) dürften den sakralen Aspekt der Anlage auf dem Schönbühl betont
haben.
Das kleine Köpfchen einer Venus oder Diana 4 sowie das eines Apollo(?) 8 (Tafel 6; 8) könnten einst im Theater aufgestellt gewesen sein. Gerade Statuen von Apollines erfreuten
sich dort grosser Beliebtheit.
Durch einen repräsentativen Torbau gelangte man, vom Südforum herkommend, in das Heiligtum in der Grienmatt. Hier standen Statuen von Göttern (9.12.13.33) und Menschen
(38), Weihaltäre für Apollo, Aesculap und Sucellus; ausserdem fand man eine omphalosartige Weihung. Die Funde belegen einen regen Kultbetrieb, in dem römische und
einheimische Götter, vorwiegend Heilgötter, verehrt wurden. Auch Hercules 33 dürfte im Augster Kultbezirk - wie Parallelen in Deneuvre (Baccarat, Meurthe-et-Moselle), Glanum
und Thil verdeutlichen - dieselbe Funktion zugekommen sein.
Zur Ausstattung des bedeutenden Kultbezirks gehörten der kostbare Marmorfries 50 (Tafel 35-38), der von einem Tisch stammende Pantherkopf 81 (Tafel 61), das Kapitell 53
(Tafel 39), ein marmornes Beckenfragment, mehrere Bronzefunde von guter Qualität sowie von A. Parent geborgene Wandmalereifragmente und Mosaiksteinchen. Vom
nahegelegenen Bad sind Fragmente eines Waffenfrieses (43) bekannt (Tafel 31).
Aus dem ein wenig ausserhalb der Stadt gelegenen gallorömischen Heiligtum auf der Flühweghalde stammt die unterlebensgrosse Göttin mit Füllhorn und Mauerkrone (1) (Tafel
2-4), bei der es sich nicht um Cybele oder einen Genius, sondern um eine Mutter- und Schutzgöttin handelt, möglicherweise in der interpretatio romana. Aus diesem im 2. und 3.
Jahrhundert frequentierten Heiligtum kennen wir ausser dem vielleicht von einer Tür stammenden Köpfchen 45 (Tafel 33) einfache Votive (24.25.26) (Tafel 12) und Weihaltäre aus
verschiedenen Materialien und von unterschiedlicher Qualität. Sie lassen auf die Verehrung der Göttin von einem grossen Teil der einheimischen Bevölkerung schliessen. Arbeiten
aus Marmor sind nicht zu erwarten. Dies hängt damit zusammen, dass die einheimische, weniger romanisierte Bevölkerung länger an den ihr altvertrauten Kulten festhielt und
zudem nicht die finanziellen Mittel besass, teure Weihungen aufzustellen. Ausserdem widerspiegeln die Marmorwerke das Pantheon der italischen Götterwelt. Die Weihungen an
die beschützende Muttergöttin stehen vielleicht in Zusammenhang mit der Reichskrise unter Marc Aurel und Lucius Verus.
Hinter dem im gallorömischen Tempel Sichelen 2 gefundenen Dianatorso 5 (Tafel 7) verbirgt sich möglicherweise eine einheimische, an Diana angeglichene Göttin (Diana
Abnoba?); sie könnte zusammen mit Apollo oder Mars verehrt worden sein. Ihr Kult ist hauptsächlich in der Gallia Belgica und Germania Superior bis nach Raetien hin verbreitet.
Es ist denkbar, dass das Heiligtum den religiösen Mittelpunkt der civitas Rauracorum und einen Gegenpol zum romanisierten Schönbühl-Bezirk bildete. Eine ähnliche Situation
treffen wir vielleicht auch in Avenches beim Tempel von La Grange-des-Dîmes und dem Cigognier an. Die zeitliche Abfolge zwischen den Vierecktempeln auf dem Schönbühl und
Sichelen 2 ist noch zu erforschen. Nach den Untersuchungen von H. Bögli weisen Keramik und Münzen auf eine Benützung des gallorömischen Tempels von der Mitte des 1. bis
zur Mitte des 3. Jahrhunderts hin, d.h. mit der Einführung der italischen Kulte wurden die einheimischen an die Peripherie verdrängt, die Tempel jedoch weiterhin gut besucht.
Der Hercules im clipeus 44 (Tafel 32) dürfte einst - wie die Tondi am Bogen des Caracalla in Tebessa, am Ehrenbogen des Augustus in Rimini oder der "porte de Mars" in Reims
zeigen - in einem Zwickel der Archivolten eines Tors untergebracht gewesen sein.
Privater Bereich
Nur in wenigen Fällen können wir durch die Gegenüberstellung mit Funden aus den Vesuvstädten eine Vorstellung davon gewinnen, wie die Augster Stücke einst aufgestellt
gewesen sein könnten. Aus dem Gebäudekomplex in Insula 30, einem gemischten Wohn- und Handwerkerviertel des 1. und 2. Jahrhunderts, stammen der Torso einer
Venusstatuette (3) (Tafel 6), das Fingerfragment einer Statue (19) (Tafel 11) und ein rechter Fuss (21) (Tafel 11), das Marmorrelief mit Pan (56) (Tafel 42) sowie der Tischfuss mit
Pranke (59) (Tafel 43).
In der benachbarten Insula 31 kamen der Phallus 47 (Tafel 34) und das Meerwesen 57 (Tafel 42) zum Vorschein, in Insula 24 der Tischfuss 58 (Tafel 44-45). Der pinax 57 weist
grosse Ähnlichkeit mit dem Panrelief 56 (Tafel 42) auf. Beide Schmuckreliefs waren wohl, wie auf einem aus Pompeji (Region VI 12, 20) stammenden Fresko in Neapel ersichtlich,
auf Pfeilern aufgestellt. Der glückbringende und übelabwehrende Phallus dürfte in einer der Hofmauern verbaut gewesen sein; eine ursprüngliche Verwendung als Ladenschild ist
jedoch nicht auszuschliessen.
Die Wohnhäuser in Insula 24 lagen wohl im westlichen Bereich, während die zur Nord-, Ost- und Südseite gelegenen Gewerberäume Werkstätten für Textilgewerbe und
Metzgereien beherbergten. Der Tischfuss mit Bacchus 58 war wahrscheinlich in dem im Südosten gelegenen Innenhof aufgestellt. Neben der rein praktischen Funktion als Tisch
sollte das 'moderne' Gerät wohl auch repräsentieren und den Innenhof schmücken. In situ erhaltene, unserem Stück 58 entsprechende Tischfüsse (Monopodien) sind in Pompeji,
beispielsweise mit Bacchus in der Casa del Menandro und der Casa di M. Lucrezio sowie mit trauerndem Attis in der Casa del tramezzo di legno in Herkulaneum erhalten.
Mit diesen bescheidenen 'Kunstwerken' drückten die Augster Besitzer Kunstgeschmack, Bildungsanspruch und Zugehörigkeit zur romanisierten Bevölkerung aus. Interessant sind in
diesem Zusammenhang auch die tönernen oscilla aus Insula 31, eine preiswertere Ausführung der aus Pompeji und Herkulaneum bekannten marmornen Scheiben. Wohl ebenfalls
im Garten aufgestellt waren der Vogel 27 (Tafel 13) und das von einer Statuette stammende Marmorfüsschen 21 (Tafel 11). Auch anhand des kleinen erhaltenen Bestands an
figürlichen Rundskulpturen und Reliefs aus dem Privatbereich lässt sich also aufzeigen, dass man auch in Augst - allerdings in einem bescheideneren Rahmen als in der
helvetischen Metropole Avenches - römischem Lebensstil nacheiferte. Einen Gesamteindruck vermitteln heute noch die Peristylgärten der Casa degli amorini dorati (Region VI
16,7) und der Casa di M. Lucrezio (Region IX 3,5) in Pompeji. Pflanzen und Ausstattungsschmuck bildeten ein Gegengewicht zur Alltagswelt; sie versetzten den Besucher in eine
von Göttern und Dämonen belebte Welt (vgl. Casa degli amorini dorati, Casa di M. Lucrezio).
Bei der aus der Kaiseraugster Kastellmauer geborgenen Venusstatuette 2 (Tafel 5) muss offenbleiben, ob sie in einem Garten oder in einem Bad aufgestellt war. In Pompeji
begegnet sie uns als Beschützerin des Gartens in zahlreichen Statuetten und auf Wandmalereien. Doch findet man Venus auch häufig in Badeanlagen, so beispielsweise in den
Trajansthermen von Kyrene.
Der Brunnenstock 61 und der im Strassengraben von Insula 32 gefundene Brunnenstock 62 (Tafel 46-47) können sowohl aus dem öffentlichen als auch privaten Bereich stammen.
Aus der Augster Oberstadt sind bis jetzt neun, aus der westlichen Unterstadt ausser dem Block mit Flussgottmaske 61 ein Laufbrunnen bekannt.
Grabmäler
Die Begräbnisplätze sind nördlich der Alpen die wohl auffälligsten Zeugnisse der Romanisierung, doch bisher - in erster Linie wegen der wenigen systematischen Ausgrabungen - in
Augst so spärlich belegt, dass man sich kaum ein Bild von ihrem Aussehen machen kann. Wie in den Nekropolen Italiens, vor allem Oberitaliens (Sarsina, Aquileia, Altinum),
dürften Grabmäler unterschiedlicher Form die belebten Ausfallstrassen gesäumt haben. Aus Augst und Kaiseraugst sind bisher aus der frühen und mittleren Kaiserzeit Gräberfelder
im Nordwesten (Region 15,A) und an der von Osten nach Nordosten führenden Strasse (Region 14,B; 14,H/13,G und östlich davon) sowie aus der Flur Widhag (Übergang Region 7
zu Region 14) bekannt. In der frühen und mittleren Kaiserzeit herrschte die Brandbestattung, meist in Ton-, seltener in Glasurnen, vor. Ausserdem wurden mehrere quadratische
Einfriedungen ausgegraben. Nekropolen aus spätrömischer Zeit liegen im Nordwesten (Region 10,A; 15,A), im Nordosten (Region 21,A; 22,A) sowie Südosten (Region 14,H) vor.
Die Verstorbenen wurden in Holzsärgen und mit Dachziegeln abgedeckten Gräbern beigesetzt. Hinzu kommt ein weiteres reiches Frauengrab aus dem 3. Jahrhundert (Region
11,A), das auf eine weitere Nekropole schliessen lässt sowie das wohl in flavischer Zeit einer wichtigen Persönlichkeit errichtete Bustum-Grab beim Osttor (Region 14,B).
Von dem an der Ausfallstrasse nach Basel liegenden Friedhof (Region 15,A) stammt die 1803 gefundene und ins 3. Viertel des 1. Jahrhunderts datierbare Stele eines
wohlhabenden Eisenhändlers(?) 64 (Tafel 48-51). Auch der Verstorbene im Giebel 66 (Tafel 55), möglicherweise ein caupo, hatte es zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Da
den Verstorbenen der politische Aufstieg versagt geblieben war, dokumentierten sie ihren wohl meist mühsam erlangten sozialen Aufstieg auf den Grabsteinen.
Die Fragmente 65-69 wurden teilweise als Spolien in der Kastellmauer und auf Kastelen wiederverwendet gefunden. Der Giebel mit kauernder Sphinx 67 und das Relief mit dem
Haupt der Medusa 68 (Tafel 54; 55) können nur auf Grund typologischer und ikonographischer Kriterien dem Sepulkralbereich zugewiesen werden. Sie dürften sich zur Zeit ihrer
Wiederverwendung nicht mehr im Besitz der Rechtsnachfolger der Verstorbenen befunden haben.
Der nach der Frisur aus dem letzten Drittel des 2. Jahrhunderts stammende Frauenkopf 69 (Tafel 56) könnte zu einem Grabmal zu ergänzen sein, das ähnlich ausgesehen haben
könnte wie in Arles, Nîmes und Saint-Ambroix-sur-Arnon erhaltene Grabreliefs, aber auch eine Ergänzung in der Art eines Augsburger Grabmals ist nicht auszuschliessen.
Das furchterregende Medusenhaupt 68 (Tafel 55) bekrönte möglicherweise einen Grabbau in der Art des Poblicius-Grabmals in Köln.
Militärische Grabsteine aus der frühen Kaiserzeit fehlen bisher in Augst. In welche Art von Grabmal das kleine, späte Sandsteinrelief 65 mit centurio und Ehefrau(?) (Tafel 52-53)
eingelassen war, entzieht sich unserer Kenntnis.
Werkstattfragen
Wie zu erwarten, dürften die meisten der erhaltenen figürlichen Rundskulpturen und Reliefs am Ort gearbeitet worden sein. In Augst ist die Materialbasis zu klein, um Angaben zur
Organisation der Werkstätten zu machen. In einzelnen Fällen gelingt es, Fundstücke auf Grund von Stil, Material und Bearbeitungsspuren einem Bildhauer oder einer
Werkstattgruppe zuzuweisen (s. unten).
Rundskulpturen und Reliefs aus Kalkstein
Zu Beginn des 2. Jahrhunderts schuf ein Bildhauer die beiden im Grienmatt-Bezirk gefundenen Kalksteinköpfe 9 und 38 (Tafel 8; 22). Sie haben einen breiten, kantigen Schädel,
der sich unterhalb der Augenpartie deutlich verschmälert. Straff spannt sich die Haut über die Knochen, doch wirkt die Formgebung ein wenig geschnitzt. Charakteristisch sind
ausserdem das bandartige Oberlid und der leicht schwermütige Blick sowie das ornamental gestaltete Ohr.
Die aus feinkörnigem, weissem Kalkstein mit fossilen Einschlüssen bestehenden Fragmente 13a-c. 17 und 83 (Tafel 9; 11; 61) - möglicherweise auch 15 (Tafel 10) -, die aus
demselben Heiligtum stammen, zeigen straff gebildete Körperteile, die auf einer oder beiden Seiten Säge- und Raspelspuren aufweisen.
Die Funde 33.36 und 12 (Tafel 19; 9), ebenfalls aus dem Heiligtum in der Grienmatt, weisen kräftige, leicht aufgedunsen und plump wirkende Formen auf. Die Gesteinsoberfläche
ist mit einer gröberen Raspel geglättet (kurze, unregelmässige Bahnen). Bei den Beinen des Hercules 33 und 36 (Tafel 19; 21) verschmälert sich der mit dem Gewand verbundene
Oberschenkel zum Knie hin deutlich. Die Wade des Unterschenkels ist dick, das Schienbein betont.
Die beiden aus feinkörnigem Kalkstein gearbeiteten Köpfchen 4 und 45 (Tafel 6; 33) wurden im Theater bzw. im Heiligtum auf der Flühweghalde gefunden. Füllige Gesichtformen
bestimmen die vollen, rundlichen Köpfchen. Beiden eignet eine kurze, fliehende Stirn; die Brauen gehen bei beiden Stücken fliessend in den schmalen Nasenansatz über. Zu den
Nasenlöchern hin verbreitert sich die Nase merklich. Ein kurzer, markanter, leicht vorstehender Absatz bildet bei beiden Stücken den Übergang von der Nase zur Oberlippe. Auch
das Profil ist ähnlich gearbeitet. Beide Arbeiten überzeugen durch sorgfältige Ausführung, Straffheit und Plastizität.
Von der Machart her sehr ähnlich sind der rechte Unterschenkel 20 und das aus Insula 35 stammende Skulpturfragment 22 (Tafel 11; 12) vom Steinler. Ob zu den organisch
geformten Extremitäten auch der Oberarm 16 (Tafel 10) dazugehört, lässt sich nicht mit Sicherheit beantworten. Er wurde zusammen mit 20 gefunden, doch wirkt er weniger
organisch modelliert.
Rundskulpturen und Reliefs aus Sandstein
Der Hercules im clipeus 44 (Tafel 32) und der obere Teil des Brunnenstocks 61 (Tafel 46) bestehen aus dunkelrotem Sandstein. Beide Götter haben grosse, von einem bandartigen
Ober- und schmalen Unterlid eingefasste, dicht unter den schmalen Brauenbögen liegende Augen. Sie wirken wie auf die Oberfläche aufgesetzt und grenzen mit dem inneren
Augenwinkel an die Nasenwände an. Die kurze Stirn ist zusammengezogen, die flache Nase verbreitert sich zum Mund hin langsam. An die ornamental gebildeten Nasenflügel
schliesst der flache, von einem Schnauz zangenartig eingefasste Mund an. Dieser Bildhauer benutzte breite, grobe Werkzeuge (z.B. breites Zahneisen). Dennoch sind beide
Arbeiten von so guter Qualität, dass sie den "Zeitstil" widerspiegeln und in antoninischer bis frühseverischer Zeit entstanden sein dürften.
Rundskulpturen und Reliefs aus Marmor
Dieser Gruppe können vorläufig nur wenige importierte oder von fremden (italischen, südgallischen?) Bildhauern am Ort gearbeitete Stücke zugewiesen werden. In Augst scheint im
Vergleich zu Avenches eine kleinere Bevölkerungsgruppe die finanziellen Mittel gehabt zu haben, sich Importe kaufen zu können.
Die Fragmente des monumentalen Marmoraltars 32 (Tafel 14-18) gehören zur Forumsanlage. Mit der Ausgestaltung dieser in Norditalien entstandenen und von den Nordprovinzen
übernommenen Platzanlage dürften umherziehende, leistungsfähige Gruppen von Bildhauern betraut worden sein. Vom handwerklichen Können der Bildhauer zeugen beim
Forumsaltar 32 die Wiedergabe von Kränzen, Schale, Kanne und Adler; in Kontrast dazu stehen die leicht trocken und plump wirkenden Profile, die wohl ein anderer Bildhauer
schuf.
Die wohl von Türrahmungen stammenden Fragmente aus Marmor 50 und 51 (Tafel 35-39) zeigen Übereinstimmungen in Aufbau, Dekorationsmuster, Bearbeitungstechnik und
teilweise im Stil. Das Hauptmotiv beider Friese bildet eine von Vögeln bevölkerte Akanthusranke mit Füllblüten. Beim Fries aus der Grienmatt 50 besteht die Ranke aus einem
etwas kantigen Stengel, den flache, langgezogene Akanthusblätter umhüllen; Nebenschösslinge fehlen. Die Blätter, deren Nerven mit feinen Linien angedeutet sind, gewinnen
durch Auf- und Unterbohrung des Konturs gegenüber dem Reliefgrund an Plastizität. In den Zwickeln der Rankenwelle sind vier- und fünfblättrige Blüten mit akzentuierten
Bohrungen untergebracht. Den verbleibenden Raum beleben nistende und fliegende Vögel, eine Eule sowie Schnecken.
Die vom Tempel auf dem Schönbühl erhaltenen Marmorfragmente 51a-g (Tafel 38; 39) zeigen eine Hauptranke mit Nebenschösslingen. Kleinere Akanthusblätter und -triebe(?)
umschliessen die Blüten; nur hier kommen Wirbelblüten vor.
Der Fries vom Schönbühl 51 wirkt vom Aufbau her lebendiger; die Ranke, deren Blattwerk durch zahlreiche Punktbohrungen in den Zwischenräumen, am äusseren Rand sowie am
Stengel an Plastizität gewinnt und deren Blätter sich teilweise um die Blüten legen, ist lockerer und organischer skulptiert.
Ähnlich gearbeitet ist bei beiden Friesen das Scherenkymation; der Perlstab von Fries 51 wirkt hingegen etwas plumper und wird von Leisten eingefasst. Teilweise scheint das
Relief nicht ganz ausgearbeitet zu sein, doch mag dieser Eindruck auch durch den Erhaltungszustand bedingt sein. Jedenfalls sind die Vögel im Vergleich zu denen des Frieses aus
der Grienmatt 50, wo verschiedene, exotisch anmutende, sitzende, pickende und ausruhende Vögel nebeneinander vorkommen, unbeholfener und weniger abwechslungsreich
gestaltet. Gesamthaft gesehen ist der Fries aus der Grienmatt von besserer Qualität; der Reliefdekor wirkt bis auf die Ranke organischer und abwechslungsreicher als der des
Tempels vom Schönbühl.
Wie im Katalog ausgeführt, dürften die beiden Friese in frühflavischer Zeit entstanden sein. Es zeigen sich zwar handwerkliche Unterschiede zwischen beiden, doch stehen sie in
Aufbau und Dekor einander sehr nahe. Eine Entstehung in derselben Werkstatt erscheint möglich. Die Unterschiede in Aufbau und Motiven sprechen eher für verschiedene
handwerkliche Fertigkeiten und Temperamente als für einen zeitlichen Unterschied. Wegen der guten Qualität des Bauschmucks und auch sonst festzustellenden
Übereinstimmungen dürfte eine grössere Werkstatt, in der fremde Bildhauer und ortansässige Handwerker tätig waren, die komplexen Anlagen geschaffen haben.
Dem lesbischen Bügelkymation mit dreilappiger Bügelfüllung, das auf südgallische Formen augusteischer Zeit zurückgeht, hat M. Trunk ein Fragment in Orange gegenübergestellt,
dass unserem verblüffend ähnlich ist und Einflüsse aus dem südgallischen Raum vermuten lässt. Die auf dem claudischen Forum in Kempten und dem Forum in Bregenz
entdeckten Skulpturabfälle und Instrumente lassen auf umherziehende Handwerker schliessen.
Von einheimischen Bildhauern hergestellte Rundskulpturen und Reliefs
Die beiden fragmentierten pinakes 56 und 57 (Tafel 42) belegen, dass italische Ausstattungsgegenstände von lokalen Handwerkern nachgeahmt wurden: Die flachen Darstellungen,
die ein wenig Plastizität durch Umrisslinie und Ritzungen erhalten, wirken volkskunsthaft. Der Pan ist in den Reliefgrund eingeritzt; dem Handwerker gelang es nicht, den Gott
perspektivisch darzustellen. Von einem einheimischen Handwerker, der durch römische Bildhauer geschult und italische Vorlagen inspiriert wurde, dürfte der Tischfuss 58 (Tafel
44-45) gearbeitet worden sein; er weist stark provinzielle Züge auf.
Neue Erkenntnisse, Angaben über Bedeutung der Koloniestadt und Einflüsse lassen sich erst gewinnen, wenn der Architekturschmuck von Augst und das Skulpturmaterial in den
übrigen Museen der Schweiz systematisch aufgearbeitet sind. Von besonderem Interesse sind dabei die Abklärung von Werkstattfragen und Beeinflussungen aus Oberitalien, den
Rheinlanden und der Gallia Narbonnensis.
Die sonst in Gallien und am Rhein stark verbreitete Schicht vermögender Grossgrundbesitzer scheint sich in Augst nicht herausgebildet zu haben. Der Wohlstand der Bewohner
war, gemessen an gallischen und rheinischen Verhältnissen, bescheiden. Dies verhinderte offenbar eine reichere eigenständige Entfaltung der regionalen Bildhauerkunst.