RÖMERSTADT AUGUSTA RAURICA |
Sabine Deschler-Erb:
Römische Beinartefakte aus Augusta Raurica
(Forschungen in Augst 27)
Zusammenfassung und Ausblick
Die vorliegende Arbeit stellt den Versuch dar, anhand einer unter verschiedenen Aspekten durchgeführten Untersuchung der 5902 Beinartefakte (Objekte aus Knochen, Geweih,
Zahn und im speziellen Elfenbein) aus Augusta Raurica zu kulturhistorischen Aussagen über eine römische Provinzstadt und deren Bewohner zu gelangen. Im folgenden sollen die
Ergebnisse der untersuchten Aspekte Rohmaterial, Technologie, Verzierung, Typologie, Chronologie und Verteilung innerhalb der Stadt sowohl resumiert als auch auf ihre
möglichen Konsequenzen für die zukünftige Forschung diskutiert werden.
Rohmaterialbestimmung: Den 5902 in dieser Arbeit behandelten Kleinfunden gemeinsam ist das Rohmaterial Bein, also Knochen, Geweih, Zahn und im speziellen Elfenbein. Die
häufig starke bis vollständige Überarbeitung römischer Beinartefakte führt zur Notwendigkeit der Entwicklung einer zerstörungsfreien Methode zur Rohmaterialbestimmung, welche
bis anhin noch nicht zur Verfügung stand. Ohne Probenentnahme und Anschliffe kommen nur radiologische Untersuchungen oder eine Bestimmung mittels Auflichtmikroskop in
Frage. Mit letzterem Hilfsmittel können - kombiniert mit der in der Archäozoologie üblicherweise praktizierten makroskopischen Bestimmungsmethode - immerhin zwei Drittel der
Augster Beinartefakte mit Sicherheit einem der besagten Rohmaterialien zugeordnet werden. Während sich naturwissenschaftliche Keramik- oder Metallanalysen in der Archäologie
mittlerweile eingebürgert haben, wurden bis anhin römische Beinartefakte nie systematisch auf ihr Rohmaterial hin untersucht. Die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit zeigen
meiner Meinung nach aber deutlich, wie wichtig solche Untersuchungen wären.
Die hier vorgestellte Bestimmungsmethode könnte nach der einmaligen Investition für ein Auflichtmikroskop, das auch für andere Zwecke eingesetzt werden kann, ohne grössere
Schwierigkeiten von anderen archäologischen FundbearbeiterInnen durchgeführt werden. Der Zugang zu einer osteologischen Vergleichssammlung und einige Erfahrung in der
Bestimmung von Tierknochenfunden wären allerdings von Vorteil.
Rohmaterial: Weitaus der grösste Teil der Augster Beinartefakte ist aus Knochen hergestellt. Das Rohmaterial Geweih erreicht durchschnittlich nur einen Anteil von 3,2%. Auch in
den Blütezeiten der Geweihnutzung liegen die Werte unter 10%. Zahn- (0,2%) und Elfenbeinartefakte (0,5%) werden nur selten gefunden.
Unter den Knochenartefakten dominieren klar Rinderknochen als Rohmaterial. Selten wurden Equidenknochen verarbeitet. Anhand von Messreihen kann nachgewiesen werden,
dass Knochenscharniere, die hauptsächlich eine typologische Erscheinung des 1. Jahrhunderts sind, nicht in Augst produziert werden konnten. In der frühen Kaiserzeit war nämlich
die lokale Viehzucht, die die benötigten dickwandigen Knochen geliefert hätte, noch nicht soweit gediehen. Entsprechend grosswüchsige Rinder gab es damals erst im
Mittelmeergebiet.
Bei der Untersuchung der chronologischen Entwicklung der Geweihanteile kann beobachtet werden, dass dieses Rohmaterial in der Früh- und Spätkaiserzeit wesentlich
bedeutender war als in der Mittelkaiserzeit. Während für die Frühkaiserzeit die noch nachwirkende keltische Tradition für den erhöhten Geweihanteil mitverantwortlich gewesen sein
dürfte, könnten in der Spätzeit germanische Einflüsse vergleichbare Auswirkungen gehabt haben. Das nach italisch-römischer Tradition arbeitende Beinhandwerk verwendete
nämlich hauptsächlich Knochen.
Neben diesen kulturellen Fakoren muss aber auch das sich mit der Siedlungsgeschichte wandelnde Bild der Augster Region eine Rolle für das Rohmaterialangebot gespielt haben:
Während der Blütezeit dürften aufgrund der starken wirtschaftlichen Nutzung des Umlandes von Augusta Raurica kaum mehr gute Lebensbedingungen für Rothirsche geherrscht
haben. Diese haben sich erst mit der Zerstörung der Oberstadt und der im folgenden verringerten Siedlungsfläche wieder geändert. In Bezug auf die Umwelt der Region in
römischer Zeit ist in Zukunft eine systematische paläokologische Bearbeitung keltischer, römischer und frühmittelalterlicher Fundstellen der Region anzustreben.
Technologie: In dieser Arbeit wird zum ersten Mal versucht, die bei Beinartefakten zu beobachtenden Herstellungsspuren systematisch zu erfassen und somit den
Herstellungsvorgang der verschiedenen Beinartefakttypen zu rekonstruieren. Denn noch nie wurden in einer römischen Beinwerkstatt die mit Sicherheit zugehörigen
Bearbeitungswerkzeuge gefunden. Für dieses Kapitel erweisen sich die anlässlich eines Kurses für experimentelle Archäologie gesammelten Erfahrungen als sehr nützlich. Eine
Weiterführung dieser Experimente in Bezug auf das Augster Beinartefaktmaterial wäre wünschenswert, ist aber leider im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht möglich. Eine
praktische Beschäftigung mit den entsprechenden Rohmaterialien wäre für die BearbeiterInnen jeglicher archäologischer Fundgattungen eine Bereicherung und müsste vermehrt
bereits in die Ausbildung miteinbezogen werden.
Anhand statistischer Auswertungen der beobachteten Spuren kann nachgewiesen werden, dass die Häufigkeit und Art der Bearbeitungsspuren bei den Augster Beinartefakten
rohmaterialabhängig ist, d. h. die Eigenschaften der verschiedenen Rohmaterialien und die optimalen Werkzeuge zu deren Bearbeitung waren den römischen Beinhandwerkern -
wie zu erwarten war - bekannt. Militaria weichen mit den hohen Anteilen bei den Messerspuren von den übrigen Funktionsgruppen ab. Es ist somit anzunehmen, dass Handwerker
für militärische Objekte andere Herstellungstechniken bevorzugten als zivile. In chronologischer Hinsicht ist vor allem das Resultat bemerkenswert, dass Objekte des 1.
Jahrhunderts noch relativ häufig überdrechselt sind. Diese Überarbeitungstechnik verliert dann aber allmählich an Bedeutung. Im Gegensatz dazu wird die Feiltechnik im 2. und 3.
Jahrhundert immer wichtiger. Das 4. Jahrhundert zeigt aufgrund einer veränderten Typologie auch andere Häufigkeiten bei den Technikspuren.
Verzierungen: 28,4% der Beinartefakte weisen eine Verzierung auf. Dieser geringe Anteil dürfte damit zu erklären sein, dass ein Grossteil der Beinartefakte Objekte des alltäglichen
Gebrauches waren, denen häufig keine besondere Bedeutung zukam. Der Anteil der verschiedenen Verzierungsarten ist abhängig davon, ob die Verzierung geschnitzt oder
gedrechselt wurde. Sie steht somit im Zusammenhang mit der Herstellungstechnik und diese wiederum mit dem Rohmaterial. Profilierungen und plastisch-figürliche Verzierungen
kommen relativ am häufigsten beim Elfenbein vor, gefolgt von Geweih. Die einfach auszuführenden Kerbverzierungen lassen sich am zahlreichsten beobachten. Dies ist damit zu
erklären, dass bei weitem der grösste Teil der Beinartefakte aus dem schwer zu bearbeitenden Knochen besteht. Zwischen Häufigkeit und Art der Verzierung besteht ein klarer
Zusammenhang: Einfache Kerbverzierungen lassen sich zahlreich auf alltäglichen Gegenständen antreffen. Seltenere und wertvollere Objekte weisen hingegen vermehrt technisch
anspruchvollere Profilierungen oder plastisch-figürlichen Verzierungen auf. Ein leichter Trend von eher einfachen, geritzten oder gekerbten Mustern im 1. Jahrhundert zu
plastischen Verzierungen im 3. und 4. Jahrhundert lässt sich erkennen.
Typologie und Chronologie: In diesem Kapitel werden die einzelnen Formen aufgrund der Vergleichsliteratur typologisch und - falls möglich - chronologisch eingeordnet. Dazu wird
das Material in die neun Funktionsgruppen «Gebrauchsgegenstände», «Spielutensilien/Tesseren», «Toilett- und medizinisches Gerät», «Schmuck und Amulette», «Militaria»,
«Gefässe und Kästchen», «Möbelteile und Einrichtungsgegenstände», «Unbestimmbare Objekte» und «Manufakturüberreste» gegliedert. Diese Funktionsgruppen umfassen die
Typen und deren Untertypen.
Es kann festgestellt werden, dass die Augster Beinartefaktsammlung sich im Vergleich etwa zu derjenigen von Avenches (CH) nicht durch ihre Qualität sondern vielmehr durch ihre
Quantität auszeichnet. Dies ist in erster Linie mit der intensiveren Grabungstätigkeit in Augst zu erklären.
Viele Beinartefakttypen können nun neu aufgrund der Augster Fundkomplexdatierungen zwischen dem 1. und dem 4. Jahrhundert genauer eingeordnet werden. Allerdings
relativieren methodische Überlegungen zu diesen Keramikdatierungen deren Aussagefähigkeit. Folgende Haupttendenzen können trotzdem festgestellt werden: Bei den
«Gebrauchsgegenständen» liegt der Höhepunkt klar im 1. Jahrhundert. Vom 2. bis ins 4. Jahrhundert verlieren sie allmählich ihre Bedeutung. Die gleiche Entwicklung ist auch bei
den «Möbelteilen und Einrichtungsgegenständen» und - mit einer stärkeren Vertretung im 2. Jahrhundert - bei den Gefässen zu erkennen. Bei den «Toilett- und medizinisches
Gerät» liegt im 1. Jahrhundert ein anderes, typisch römisches Spektrum vor, als im 4. Jahrhundert, in dem die wohl germanisch beeinflussten Kämme dominieren. Die
Funktionsgruppe «Schmuck und Amulette» - darunter vorwiegend die Haarnadeln - nimmt ab dem 2. Jahrhundert stark an Bedeutung zu. «Spielutensilien/Tesseren» kommen mit
vergleichbaren Anteilen vom 1. bis ins 3. Jahrhundert vor. Im 4. Jahrhundert reduziert sich das Typenspektrum markant: Neben Haarnadeln, Kämmen und
Textilverarbeitungsgeräten spielen die übrigen Typen praktisch keine Rolle mehr.
In einem weiteren Unterkapitel wird die Herkunft der einzelnen Objekte diskutiert: Die Mehrheit der verschiedenen Typen stammt nicht - dies gilt besonders für das 1. Jahrhundert -
aus lokaler Augster Produktion. Bei diesem Ergebnis dürfte auch der aktuelle Forschungsstand von gewisser Bedeutung sein. Ab dem 2. Jahrhundert ist ein allmählicher Rückgang
des Importes feststellbar. Die wenigen Typen, die in Augst selber produziert wurden, machen jedoch den grössten Teil der Beinartefaktfunde aus.
Beim Vergleich mit dem Beinmaterial anderer Fundstellen erweist sich vor allem die Tatsache hinderlich, dass die Kleinfunde häufig nicht vollständig, geschweige denn tabellarisch
aufgeführt werden. Während diese Darstellungsform in der Archäozoologie mittlerweile die übliche ist, wäre es im Zeitalter der Datenverarbeitung angebracht, dass auch die
Bearbeiter anderer Fundgattungen neben dem «klassischen» Katalog, der seine Berechtigung nie verlieren wird, vermehrt die Darstellungsmöglichkeiten der neuen Methoden zu
verwenden.
Horizontal- und Vertikalverteilung: Die Aussagemöglichkeiten der Beinartefaktverteilung innerhalb von Augst werden durch die Tatsache, dass der Befund aus zeitlichen Gründen
nur zu einzelnen Funden überprüft werden kann, eingeschränkt. Trotzdem wird dadurch einer Untersuchung nach Materialgruppen die Berechtigung nicht abgesprochen, wie die in
dieser Arbeit vorgelegten Ergebnisse zeigen.
Die Verteilung der Beinartefakte innerhalb von Augst hängt in erster Linie mit der bereits bekannten Siedlungsgeschichte zusammen: Früh- und mittelkaiserzeitliche Typen finden
sich vorwiegend in der Oberstadt. In der Unterstadt sind die Typen des 1. Jahrhunderts relativ schlecht vertreten. Im Castrum sind vor allem Typen des 4. Jahrhunderts wie auch
das Rohmaterial Geweih überdurchschnittlich gut belegt. Beinerne Grabfunde sind sehr selten. Soziale Unterschiede lassen sich aufgrund der Verteilung der Beinartefakte kaum
herausarbeiten. Es werden eher funktionale Gründe für unterschiedliche Verteilungsschwerpunkte vermutet.
In einem letzten Unterkapitel werden die Beinartefakte ausgewählter städtetopographischer Einheiten untersucht. Erwähnt sei der Nachweis von Schränken mit
Knochenscharnierkonstruktionen in den Insulae 24 und 50. Grössere Ansammlungen von Tesseren, die wahrscheinlich zum gleichen Spielsatz gehörten, fanden sich in Insula 42
und Region 5,B.
In vier Quartieren können Überreste von Knochenmanufakturen nachgewiesen werden: Zwei ältere Betriebe, die etwa zwischen 50 und 120 n. Chr. datieren, fanden sich in den
Regionen 5,G und 7,C. Für die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts kann in Insula 50, die an der gleichen Strasse liegt, eine Manufaktur identifiziert werden, die wahrscheinlich Militaria
reparierte. Die jüngste knochenverarbeitende Werkstatt war etwa zwischen 150 und 250 n. Chr. in Insula 31 tätig. In Region 5,F fanden sich die hier entsorgten Überreste einer
mittelkaiserzeitlichen Manufaktur von Geweihamuletten. Eine spätkaiserzeitliche Geweihmanufaktur konnte hingegen noch nicht lokalisiert werden.
Im Zusammenhang mit der Untersuchung der Beinartefakte werden verschiedene Sachgebiete wie Textilverarbeitung, Schreib- und Messgeräte, Spielgeräte oder Innenausstattung
von Wohnbauten angesprochen. Eine umfassende Stellungsnahme dazu wird erst nach der Aufarbeitung der entsprechenden Objekte aus anderen Materialien wie Metall, Ton oder
Glas möglich sein.
Die vorliegende Arbeit kann somit nicht als eine abgeschlossene Untersuchung zu einer archäologischen Fundgattung gelten, sondern möchte neben einigen Ergebnissen Wege für
die zukünftige Forschung aufzeigen.