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Ludwig Berger (mit Beiträgen von Bruno W. Häuptli, Thomas Hufschmid, Franziska Lengsfeld, Urs Müller, Kurt Paulus und Verena Vogel Müller)
Der Menora-Ring von Kaiseraugst. Jüdische Zeugnisse römischer Zeit zwischen Britannien und Pannonien
Forschungen in Augst 36 (Augst 2005)
Inhalt
Ausgangspunkt der Studie ist ein römischer Fingerring aus Messing, der 2001 bei Ausgrabungen in Kaiseraugst (AG) gefunden worden ist. Auf der Ringplatte ist in eingepunzter
Darstellung das jüdische Symbol des siebenarmigen Leuchters wiedergegeben, der links vom Etrog und rechts vom Lulav flankiert wird. Der Etrog, eine Zitrusfrucht mit
wohlriechendem Aroma, und der Lulav, ein Feststrauss, sind Symbole des jüdischen Laubhüttenfests, die bis heute verwendet werden. Die Darstellung der Menora geht zurück auf
den goldenen siebenarmigen Leuchter, den die Römer im Jahr 70 n. Chr. bei der Eroberung und Zerstörung Jerusalems aus dem Zweiten Tempel geraubt hatten und der am
Titusbogen in Rom dargestellt ist. Mit dem 4. Jahrhundert n. Chr. wird die Menora zum wichtigsten und am häufigsten dargestellten jüdischen Symbol. Der Kaiseraugster Ring kann
zwar weder durch seine Fundsituation noch durch die Begleitfunde zuverlässig datiert werden, es ist jedoch anzunehmen, dass er in der ersten Hälfte oder in der Mitte des 4.
Jahrhunderts verloren gegangen ist.
Auf die Frage, ob der Kaiseraugster Ring für den Norden des römischen Reiches ein singuläres jüdisches Zeugnis ist, oder ob ihm weitere Dokumente für die Anwesenheit von
Juden zur Seite zu stellen sind, antwortet ein detaillierter Katalog mit den römerzeitlichen Judaica aus der Grenzzone zwischen Britannien und Pannonien. Zum ersten Mal werden
alle bisher bekannten Judaica aus dem Norden des römischen Reiches in Wort und Bild präsentiert, eingehend diskutiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es handelt sich
um ein Bleiamulett mit Menora aus Pannonien, fünf Bleiplomben mit Menora, davon vier aus Trier (Deutschland), drei Gewichte aus Trier und ein in Essen zum Vorschein
gekommenes Graffito IVDAEA(E) auf der Unterseite eines Gefässfragments aus Bronze, das als Besitzermarke einer wohl im linksrheinischen Gebiet, vielleicht in Köln ansässigen
Jüdin interpretiert werden kann. Der Katalog der Fingerringe und Gemmen greift über das umschriebene Arbeitsgebiet hinaus und erfasst die ganze Diaspora und das Heilige Land.
Sieht man von einer Grabtafel aus Trier mit der ungesicherten Darstellung der Menora ab, so ist Pannonien die einzige Region des Arbeitsgebiets, die sowohl archäologische als
auch epigraphische Funde geliefert hat. Zu den Inschriften, deren jüdischer Charakter gesichert ist, gehören zwei Grabsteine aus Ungarn mit der Darstellung der Menora.
Unbekannt ist der Fundort eines verschollenen Grabsteins der Jüdin Septimia Maria. Aus Mursa, heute Osijek (Kroatien), stammt eine Inschrift, die vom Neuaufbau einer
Synagoge berichtet. Bei einer anderen Inschrift aus Intercisa (Ungarn) steht die Frage offen, ob die dort genannte Synagoge das jüdische Bethaus bezeichnet oder ob der Begriff in
seinem ursprünglichen Sinne für Versammlung oder Gemeinde verwendet wird, was sich auf die nachgewiesene Gemeinschaft der Syrer beziehen könnte. Von vier bekannten
Öllampen zeigen drei die Menora und stammen aus Nordafrika oder allenfalls auch aus genau kopierenden Werkstätten Europas. Insgesamt 29 Münzen palästinensischer Herkunft,
vor allem aus der Zeit der beiden Jüdischen Aufstände von 66-70 und 132-135 n. Chr. konnten im Arbeitsgebiet namhaft gemacht werden; sie sind entweder als Mitbringsel
jüdischer Personen zu deuten - freier Zivilisten oder von den Römern bei der Niederschlagung der Jüdischen Aufstände gemachter, als Sklaven verkaufter Gefangener - oder aber
sie wurden von römischen Soldaten mitgebracht, die bei der Bekämpfung der Aufstände eingesetzt worden waren. Zwei vermutete Synagogengrundrisse stammen aus der Colonia
Agrippina (Köln) und aus Aquincum (Budapest). Da Funde jüdischer Symbole fehlen, besteht in der Deutung keine Sicherheit. Aber durch die Elemente der Kontinuität zwischen der
spätantiken Anlage und der nachweislichen karolingischen Synagoge in Köln und auffälligen Übereinstimmungen des Grundrisses von Aquincum mit der Synagoge von Ostia
Antica (Italien) wirken die Erklärungsversuche in beiden Fällen sehr plausibel. Im letzten Teil des Kataloges werden die Testimonien behandelt, die amtlichen und literarischen
Texte, anhand derer die Anwesenheit von Juden in den Nordwestprovinzen zu diskutieren ist.
Anhand des präsentierten Materials zieht der Autor ein Fazit über die Präsenz von Juden zwischen Britannien und Pannonien: Aufgrund der jüdischen Gewichte aus Trier und
vielleicht auch aufgrund von palästinensischen Münzen des 1. Jahrhunderts scheint es erwiesen, dass sich schon vor der Spätantike Juden in den Nordwestprovinzen aufhielten.
Eine jüdische Gemeinde bestand in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts mit grösster Wahrscheinlichkeit in Köln. Dafür spricht ein an die Kölner gerichtetes Edikt Konstantins des
Grossen von 321 n. Chr., das die Aufnahme von Juden in den Dekurionenrat regelt. Dafür liesse sich, wenn die Interpretation zutrifft, ein mutmassliche Synagogengrundriss
anführen, der an prominenter Stelle des antiken Köln neben dem Praetorium aufgedeckt wurde. Auch in Trier darf man für die Spätantike eine Synagogengemeinde annehmen.
Nicht nur gibt es eine ganze Anzahl Funde jüdischen Charakters, sondern es dürfte auch ein Edikt Kaiser Valentinians von 368, 370 oder 373 n. Chr., das die Einquartierung von
Militär in Synagogen verbietet, mit Trier im Zusammenhang zu stehen. Am kaiserlichen Hof in Trier hielt sich als junger Mann der Kirchenvater Hieronymus auf, der in seinen
späteren polemischen commentarii auch die Juden des Nordwestens ins Visier nimmt. Der Fingerring von Kaiseraugst, eine Öllampe von Augsburg und eine Bleiplombe von
Burghöfe (Deutschland) belegen, dass auch in der Zone zwischen den beiden Zentren Rheinland mit Köln und Trier einerseits und Pannonien anderseits mindestens mit der
Anwesenheit einzelner Juden zu rechnen ist. Das Kastell Burghöfe und Augsburg, die Hauptstadt der Provinz Raetia Secunda, liegen nur 40 km auseinander; vielleicht sind die
beiden Funde die ersten Zeugen einer grösseren Gruppe von Juden, die sich in der Provinzhauptstadt niedergelassen haben. In Pannonien stehen wie im Nordwesten in Palästina
geprägte Münzen zeitlich am Anfang. Erhöhte Wahrscheinlichkeit besteht bei in der Nähe von Truppenlagern gefundenen Münzen, dass sie durch römische Militärpersonen
mitgebracht worden sind, die gegen die jüdischen Erhebungen von 66-70 und 132-135 n. Chr. eingesetzt worden waren. Auch für die Zivilstadt des nordpannonischen Carnuntum
(Österreich) möchte man die Anwesenheit von Juden im 2. Jahrhundert nicht ausschliessen, zumal aus einer im südpannonischen Mursa (Osijek, Kroation) gefundenen Inschrift
das dortige Bestehen einer Synagogengemeinde mindestens für das späte 2. Jahrhundert hervorgeht. Mit der severischen Zeit (193-235 n. Chr.) scheint sich die Präsenz von Juden
in Pannonien zu intensivieren, was gut zur allgemein feststellbaren Zuwanderung von Orientalen, insbesondere von Syrern, passt. Je zwei Inschriften gehören ins 3. bzw. ins 4.
Jahrhundert, und aus dem 4. Jahrhundert stammt eine Anzahl von Kleinfunden. Ein Grabstein stand ursprünglich höchst wahrscheinlich in Aquincum, wo auch eine Synagoge
vermutet werden kann.