Home Augusta Raurica || Publikationen || "Forschungen in Augst"
Zusammenfassungen / Summaries / Résumées
 

Andreas Fischer, Vorsicht Glas! Die römischen Glasmanufakturen von Kaiseraugst. Forschungen in Augst 37, Augst 2009:



Zusammenfassung und Ausblick

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Erforschung von zwei römischen Glaswerkstätten in der Unterstadt von Augusta Raurica. Ausgangspunkt ist die Auswertung der Ausgrabungen in den Jahren 1974 (Grabung 1974.003) und 1978 (Grabung 1978.004) in der Flur «Äussere Reben» im heutigen Dorf Kaiseraugst. Die Ausgrabungsflächen lagen beidseits einer Nord-Süd verlaufenden Quartierstrasse, südwestlich einer Strassenkreuzung. Die beiden römischen Strassen bezeichnen wir heute als Glasstrasse und als Unterstadtstrasse. Die an die Strassen angrenzenden Areale werden Region 17B (Grabung 1978.004) und Region 17C (Grabung 1974.003) genannt.

In beiden Arealen kam jeweils die Ecke eines über die Grabungsflächen hinausreichenden Gebäudes zum Vorschein. In beiden Gebäuden konnte je eine Werkhalle mit Ofenstrukturen nachgewiesen werden. Aufgrund der zahlreichen Ofenüberreste mit teilweise anhaftenden Glasresten sowie der unzähligen Funde von Glashäfen kann die Glasverarbeitung in beiden Gebäuden als gesichert gelten. Es handelt sich um die Überreste von zwei Glashütten.

Der gewählte Standort der Glasateliers innerhalb der Unterstadt von Augusta Raurica zeichnet sich durch seine Randlage und die Nähe zu den beiden Fliessgewässern Ergolz und Rhein aus. Die Wahl des Standorts dürfte auch wegen des postulierten nahe gelegenen Hafens und der verkehrsgünstigen Situation in der Nähe von Überlandstrassen erfolgt sein.

Der Schwerpunkt dieses Buches liegt auf der Untersuchung der technologischen Aspekte der römerzeitlichen Glasverarbeitung respektive der Interpretation und Rekonstruktion der vorgefundenen Glasöfen.



Grundlagen

Die Arbeit beinhaltet zunächst die Auswertung der Ausgrabungen von 1974 und 1978 (S. 13 ff.). Die Befunde wurden gemäss dem «Manual für die Auswertung und Publikation von Ausgrabungen in Augst und Kaiseraugst» bearbeitet und vorgelegt. Dieses schreibt eine Kodifizierung der Befunde sowie einen Befundkatalog vor.

Der Identifikationscode setzt sich zusammen aus den folgenden Elementen:
Befundbezeichnung (Fdm = Fundament, G = Grube, Gr = Graben, Gsch = Grubenfüllschicht, Fst = Feuerstelle, Of = Ofen [hier Glasofen], MR = Mauer, Pf = Pfostenloch, Sch = Schicht, So = sonstige Strukturen),
Bezeichnung der Grossstruktur (ARE = Areal, GEB = Gebäude, LAG = [Militär-]Lager, POR = Portikus, UNT = Unterstadtstrasse, GLA = Glasstrasse),
Verortung innerhalb der Fläche (Ortsbezeichnungen 17B und 17C),
Verortung innerhalb der Grossstruktur (definierter Raum 01, 02, 03 usw.),
Zeitstufe bzw. Bauzustand (A, B, C, D, E),
Bauphase (a, b, c usw.),
Umbauphase (1, 2, 3 usw.),
Nummer der Befundbezeichnung (1, 2, 3 usw.).



Die Ausgrabungsbefunde

Die Befunde lassen sich in drei gut unterscheidbare Bebauungsphasen unterteilen, die im Befundteil detailliert vorgelegt werden (S. 13 ff.). Die erste Phase (Bauzustände A und B) umfasst die Zeit von zwei Militärlagern (nach 40 n. Chr. bis um 50/60 n. Chr.). Diese Befunde werden im vorliegenden Band nicht besprochen351. Die zweite Phase (Bauzustand C) entspricht der Zeit, in der das Gelände nach Abbruch des zweiten Militärlagers brach lag (um 50/60 bis um 100 n. Chr.; S. 18 ff.). In der dritten Phase (Bauzustände D und E) wird das Strassennetz angelegt und das Gelände mit Gebäuden aus Stein überbaut (Bauzustand D: ab ca. 100 n. Chr.; S. 19 ff.). In dieser Zeit installieren sich die Glaswerkstätten, zunächst im Gebiet von Region 17B (S. 20 ff.), später in Region 17C (S. 30 ff.). In Bauzustand E werden die Gebäude abgebrochen bzw. umgebaut (nach 220 n. Chr.; S. 34 ff.; eine tabellarische Übersicht über die Befunde findet sich auf S. 44 f.).



Die Glaswerkstätten und die Glasöfen

Teil II befasst sich mit den Glasmanufakturen bzw. mit der Glasverarbeitung im Gebiet von Kaiseraugst-Äussere Reben (S. 47 ff.).

Ein Kapitel behandelt ausführlich die ausgegrabenen Glasöfen (S. 47 ff.).

In der Werkstatt in Region 17B (Grabung 1978.004) konnten die Überreste von 14 Öfen herausgearbeitet werden, die sich teilweise überlagerten oder Umbauten aufwiesen (S. 47 ff.). Es lassen sich drei verschiedene Ofentypen unterscheiden:

- Rundöfen, die als Hafenöfen für das Einschmelzen von Roh- und Altglas interpretiert werden: Glasofen 1, Glasofen 2, Glasofen 4, Glasofen 5, Glasofen 6, Glasofen 7, Glasofen 9 und Glasofen 10,
- Rechteckige Öfen mit Apsis als Kühlöfen für das Auskühlen der fertigen Produkte: Glasofen 8, Glasofen 11 und Glasofen 13 und
- Rechtecköfen mit Wanneneinbauten als Wannenöfen, deren Funktion nicht eindeutig zu eruieren ist: Glasofen 3, Glasofen 12 und Glasofen 14.

Insbesondere der Nachweis der bisher selten zutage getretenen Wannenöfen ist hervorzuheben. Da dieser Ofentyp zur Römerzeit vorwiegend zur Herstellung von Rohglas, d. h. zum Einschmelzen von Glas aus Quarzsand verwendet wurde, stellt sich die Frage, ob dies auch in Augusta Raurica der Fall war. Zwar gibt es dafür keine eindeutigen Hinweise, eine Rohglasproduktion kann aber auch nicht mit absoluter Sicherheit ausgeschlossen werden (zur Interpretation der Glasöfen vgl. S. 72 ff., zur Rekonstruktion S. 80 ff.).

Relativchronologisch gibt es Indizien für die Abfolge von einem Wannenofen zu zwei Rundöfen kombiniert mit einem Kühlofen. Die 14 Ofenstrukturen können nach diesem Schema fünf Perioden zugerechnet werden. Bei einer Lebensdauer von sechs Jahren pro Ofen kann man davon ausgehen, dass das Atelier in Region 17B rund 25 Jahre während des zweiten Viertels bis um die Mitte des 2. Jahrhunderts (um 130 bis um 160 n. Chr.) in Betrieb war (S. 88 ff.).

Im Unterschied zum Atelier in Region 17B mit 14 Glasöfen wies die Werkstatt in Region 17C (Grabung 1974.003) nur einen gesicherten Ofenbefund auf (S. 71):
- einen Rundofen: Glasofen 15.

Das Atelier scheint später in Betrieb gewesen zu sein als dasjenige auf der anderen Strassenseite in Region 17B. Es dürfte bis ins erste Viertel des 3. Jahrhunderts gearbeitet haben.

Im Kapitel über die Werkzeuge werden ausführlich die Glashafenfunde besprochen (S. 91 ff.). Bei den Glashäfen, d. h. den Gefässen, in welchen das Glas geschmolzen wurde, konnten vier Typen unterschieden werden (S. 92 ff., Abb. 103):

- Typ 1: Glashafen mit nach aussen umgelegtem Rand,
- Typ 2: Glashafen mit verdicktem Steilrand,
- Typ 3: Glashafen mit Steilrand (ohne spezielle Randbildung) und
- Typ 4: Glashafen mit keulenförmigem Rand.

Die Randformen der Häfen gleichen stark denjenigen von zeitgleichen grobkeramischen Töpfen aus Augusta Raurica. Sehr oft weisen die Häfen aussen eine Lehmbeschichtung auf, die ihre Lebensdauer verlängern sollte. Im Innern der Häfen fanden sich grüne Glasreste in allen Farbvariationen von Hellgrün bis Dunkelgrün. In einem Rundofen konnten zwei bis drei Häfen platziert werden. Es ist davon auszugehen, dass die Gefässe nicht in die Öfen eingebaut waren, sich aber mit der Zeit teilweise mit diesen verbanden.

Mögliche Überreste von Hefteisen und eine Waage aus dem ausgegrabenen Areal können in Zusammenhang mit der Glasverarbeitung gestellt werden (S. 106 f.). Dass keine Glasmacherpfeife oder ganze Hefteisen gefunden wurden, wird mit der sorgfältigen Behandlung der Werkzeuge und einer geordneten Aufgabe der Werkstatt erklärt. Der Gebrauch von Zangen ist anhand von entsprechenden Abdrücken an Glasresten ersichtlich.

Bei den Glasfunden aus den Werkstätten (S. 107 ff.) kann zwischen Rohmaterial, Fabrikationsabfällen, Produktionsabfällen, d. h. missratenen Stücken, und Altglas unterschieden werden. Alle Arten sind im Material vorhanden. Eine Trennung zwischen Produktionsabfällen und Altglas ist meist nicht möglich. Abgesehen von zwei andersfarbigen Rohglasbrocken kommt auch bei diesen Resten nur grünes Glas vor.

Während für die Werkstatt in Region 17B - mit 14 Öfen - die Produktion von grünen Vierkantflaschen (Form AR 156/Isings 50), verschiedenen Gefässformen von dicht dunkelgrüner, schwarz erscheinender Farbe (evtl. Töpfe AR 104.3/

Trier 37, Aryballoi AR 151.3/Variante Isings 61, konische Becher AR 70/Isings 109a/b und steilwandige Becher AR 98.1/Isings 85b) und Mosaiktesserae postuliert werden kann (S. 114 ff.), ist das Produktionsspektrum für die Werkstatt in Region 17C - mit nur einem Ofen - mangels aussagekräftigen Fundmaterials nicht zu eruieren. Der Ausstoss der Produktion in den Glashütten (S. 118 ff.) überstieg wohl den Bedarf der Koloniestadt und reichte auch für den Verkauf ins umliegende Hinterland.



Synthese

Das Kapitel Synthese verbindet die beiden Teile der Arbeit mit Betrachtungen zur Lage der Glaswerkstätten (S. 123 f.) und Überlegungen zu deren Grösse und Ausgestaltung (S. 124 f.) sowie zur Organisation (S. 125 ff.).

Die Kaiseraugster Glashütten lagen an verkehrsgünstiger Stelle in der Unterstadt von Augusta Raurica in unmittelbarer Nähe des Rheins und der Ergolz sowie der Fernstrasse von Basel nach Vindonissa. Die Lage am Fluss gewährleistete eine optimale Versorgung mit Rohstoffen. Vor allem der Bedarf an Holz war sehr gross. Flüsse waren aber auch wichtig für den Transport von Glasprodukten.

Die Werkstatt in Region 17B - mit 14 Glasöfen - besass zunächst eine Grundfläche von rund 162 m2, bevor sie auf 145 m2 verkleinert wurde. Im Vergleich mit anderen Werkräumen aus Augusta Raurica handelte es sich um eine ausserordentlich grosse Werkhalle. Das Dach wurde möglicherweise von Holzpfosten gestützt. Die ältesten Glasöfen lagen entlang der Westmauer. Im Laufe der Zeit verlagerte man die Öfen in die Hallenmitte. Ein Grund dafür könnte die angestrebte Verkürzung der Arbeitswege zwischen Schmelz- und Kühlöfen sein. Asche und Bruchstücke von abgerissenen Öfen wurden scheinbar innerhalb der Halle in einer Grube deponiert. Ob heisse Asche zum weiteren Auskühlen von Glasprodukten verwendet wurde, nachdem diese aus dem Kühlofen gekommen waren, ist denkbar, lässt sich aber nicht belegen.

Die Werkstatt in Region 17C - mit nur einem Glasofen - besass eine Fläche von 138 m2 und war damit etwas kleiner als die benachbarte Glashütte in Region 17B. Die Frage, weshalb das Atelier nur einen Glasofen besass - für einen reibungslosen Produktionsablauf wären mindestens zwei Öfen, ein Schmelzofen und ein Kühlofen zu erwarten -, lässt sich nicht beantworten. Denkbar wäre, dass hier ein Kleinbetrieb arbeitete, der Essenzen produzierte, die in an Ort und Stelle geblasene Glasfläschchen abgefüllt worden sind, oder ein Schmuckatelier, das Glasperlen fabrizierte.

Die Glashütte in Region 17B nahm den Betrieb mit zwei Hafenöfen auf. Dabei wurde wohl zunächst Alt- und Rohglas verarbeitet. Später baute man einen Wannenofen. Hier schmolz man vor Ort gesammeltes Altglas oder importiertes Rohglas. Die gewonnenen Glasbrocken wurden in zwei neu errichteten Hafenöfen weiterverarbeitet und wohl zu Glasgefässen geblasen. Abgekühlt wurden die Produkte in einem Kühlofen. Wird die Lebensdauer eines Ofens mit rund sechs Jahren berechnet, ergeben sich nach Abzug von zeitlichen Überschneidungen der verschiedenen Glasöfen etwa 25 Jahre Betriebszeit.

Die Glashütten waren vermutlich Familienbetriebe mit wenigen Angestellten. Den Kern der Belegschaft bildeten ein oder mehrere Glasmacher. Der Werkstattinhaber, ein Glasmacher oder vielleicht eine Glasmacherin, bestimmte nicht nur das Produktionsspektrum und den -umfang, sondern legte auch die Aufgabenverteilung innerhalb des Betriebs fest. Eine Spezialisierung der Aufgaben ist anzunehmen. Der Jahresablauf in der Glashütte war wahrscheinlich zweigeteilt: Von Frühjahr bis Herbst waren die Öfen in Betrieb, im Winter wurden Reparaturarbeiten ausgeführt und neue Öfen gebaut.

Die produzierten Waren dürften in einem Verkaufsraum bei der Glashütte oder direkt aus der Werkstatt verkauft worden sein. Es ist jedoch auch denkbar, dass die Waren über einen Zwischenhändler zur Kundschaft gelangten.



Ausblick

Weiterführende Untersuchungen zu den Glaswerkstätten in Augusta Raurica sollten sich auf die Glasöfen konzentrieren und mit den Kühlöfen und den bislang nur selten entdeckten und publizierten Wannenöfen befassen. Gerade für die Wannenöfen könnten mit naturwissenschaftlichen Untersuchungen der noch vorhandenen Ofenmaterialien die Temperaturen im Ofeninnern genauer eruiert werden, was Rückschlüsse auf ihre Verwendung erlauben würde. Dabei würde die Frage im Zentrum stehen, ob in den Wannenöfen Altglas eingeschmolzen oder Primärglas hergestellt worden ist. Falls in den Kaiseraugster Wannenöfen tatsächlich Primärglas aus den Rohprodukten hergestellt worden wäre, müsste man sich die Frage nach der Herkunft und Verfügbarkeit der Rohstoffe stellen. Woher nahmen die Glasmacher den geeigneten Sand? Wie wurde dieser nach Augusta Raurica transportiert? Warum wurde die Primärglasproduktion wieder eingestellt? Waren die Rohstoffe zu knapp? Konnte nicht genug Natriumkarbonat importiert werden? War die Produktion mit zu grossem Aufwand verbunden?

Ob die in diesem Band vorgeschlagenen Glasofenrekonstruktionen (S. 80 ff.) funktionstüchtig wären, kann nur experimentell eruiert werden. Für die Rundöfen wurde eine mögliche Bau- und Betriebsart durch ein Experiment bestätigt. Für die Kühlöfen und für die Wannenöfen muss dieser Nachweis erst noch erbracht werden.

Für die lokal in Augusta Raurica produzierten Gläser könnte eine vergleichende Untersuchung von Glasfragmenten der Koloniestadt und deren Umland vielleicht Auskunft zum Umfang der Produktion und zu möglichen Handelswegen der Produkte liefern. Ein weiteres Desiderat an die Forschung ist eine umfassende Untersuchung des Gewerbegebiets im Bereich von Region 17 in der Unterstadt von Augusta Raurica.


Back to Top