Debora Schmid (mit einem Beitrag von Gisela Thierrin-Michael und Giulio Galetti):
Die ältere Töpferei an der Venusstrasse-Ost in Augusta Raurica. Untersuchungen zur lokal hergestellten Gebrauchskeramik und zum regionalen Keramikhandel
2008. 472 Seiten, 126 Abbildungen (wovon 34 in Farbe), 12 Tabellen und 90 Tafeln. Gebunden.
(Forschungen in Augst 41)
Inhalt
Im Zentrum der vorliegenden Arbeit steht die ältere Töpferei an der Venusstrasse-Ost von Augusta Raurica, die in den Jahren 1968 und 1969 archäologisch untersucht wurde. Sie liegt im Südosten der antiken Stadt, in der östlichsten Insula an der römischen Venusstrasse, in der
Region 7C, einem Stadtrandquartier (Abb. 1). Durch die Nähe zur südlich verlaufenden Osttorstrasse ist die Töpferei an einer der wichtigsten Ein- und Ausfallstrassen von Augusta Raurica angesiedelt. Ihr Standort war offenbar für diesen Gewerbezweig beliebt, denn sie befindet sich
inmitten eines ausgedehnten Töpferquartiers, in dem vom 1. bis ins 3. Jahrhundert Keramik hergestellt wurde (Abb. 16).
Neben der Töpferei an der Venusstrasse-Ost werden aber auch die weiteren Töpfereien und die Ziegeleien von Augusta Raurica behandelt: Im ganzen Stadtgebiet sind bis heute 48 Töpferöfen nachgewiesen, die sich zu 22 kleineren Handwerksbetrieben zusammenfassen lassen (Abb.
8). Sie verteilen sich auf die Randgebiete der Stadt und konzentrieren sich zum einen in der Augster Oberstadt auf das Südwest- und das Südostquartier, d. h. auf die Handwerks- und Wohnhäuser entlang den beiden südlichen Ein- und Ausfallstrassen zwischen dem West- und dem
Osttor. Ein zweiter Schwerpunkt liegt in den Quartieren der Kaiseraugster Unterstadt, die sich im Norden der antiken Stadt in der Nähe des Rheins befinden. Die meisten Töpfereien von Augusta Raurica liegen an oder in der Nähe einer Ein- und Ausfallstrasse und lassen sich ins 1. bis
spätere 3. Jahrhundert datieren. Auch im 4. Jahrhundert ist lokal gefertigte Ware belegt, die zugehörige Töpferei wurde bis heute aber nicht gefunden. Die Produkte der Töpfereien von Augusta Raurica lassen sich als einfaches, graues und oranges Alltagsgeschirr umschreiben; es
wurde kein Luxusgeschirr hergestellt. Die Fabrikation sowohl von Terra-Sigillata-Imitation als auch von Glanzton-, Grob- und Schwerkeramik war in Augusta Raurica die Ausnahme. Die am häufigsten hergestellten Gefässformen sind Schüsseln, Krüge und Töpfe.
Generell sind in der Koloniestadt Augusta Raurica zwei verschiedene Typen von Töpfereien zu beobachten. Bei beiden handelt es sich um kleinere Betriebe, wie sie für die römische Zeit durchaus üblich sind. Beim ersten Typ, zu dem auch die ältere Töpferei an der Venusstrasse-Ost
gehört, war der Handwerksbetrieb auf einer bis dahin ungenutzten langschmalen Parzelle eingerichtet, die zu einem Streifenhaus gehörte. Die Töpferöfen und weitere töpfereispezifische Strukturen befanden sich im hinteren Teil der Parzelle. Die Betriebe verfügten über viel Platz und
wiesen grosse Freiflächen auf. Die Beispiele dieses Typs in Augusta Raurica können ins 1. und in die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts datiert werden. Bei diesem Typ fehlen sowohl Belege für Lehmabbau und Tonaufbereitung in grossem Stil als auch Keramiklager und Verkaufsladen.
Der zweite Typ in Augusta Raurica ist die Töpferei auf kleinem Raum. Sie war auf einer kleinen Fläche installiert, meist in bereits bestehenden Gebäuden eingebaut, direkt in den Räumlichkeiten hinter der strassenseitigen Portikus. Aufgrund des knappen Raumangebots waren in
diesen Betrieben nur gerade die Töpferöfen und vielleicht ein Arbeitsraum vorhanden, weitere Strukturen fehlen. Dieser Typ datiert in Augusta Raurica ins 2. und 3. Jahrhundert. Töpfereien auf kleinem Raum sind hier somit jünger als jene auf den langschmalen Parzellen. Es ist
anzunehmen, dass der Wechsel von grossflächigen Handwerksbetrieben zu kleinräumigen Töpfereien im Verlauf des 2. Jahrhunderts eine Folge des Platzmangels aufgrund des Wachstums und der zunehmenden Verdichtung der Stadt war.
Im Gegensatz zu den zahlreich belegten Töpfereien sind in Augusta Raurica nur gerade acht Ziegelbrennöfen nachgewiesen, die den Bedarf an Ziegeln in einer Stadt von der Grösse von Augusta Raurica niemals gedeckt haben können. Ausser der spätrömischen Ziegelei aus
Kaiseraugst-Liebrüti sind diese Anlagen nicht genau zu datieren. Die wenigen Belege von Ziegeleien befinden sich alle am östlichen Stadtrand, ausserhalb der Stadtmauer (Abb. 8). Die im Vergleich zu den Töpfereien peripherere Lage ausserhalb der Siedlung im Bereich der Ein- und
Ausfallstrassen und auch die auffällig geringe Anzahl legen nahe, dass die vorhandenen Belege die stadtnächsten Betriebe sind. Die weiteren Ziegeleien waren offenbar weiter entfernt installiert, am ehesten südlich und nördlich der Vindonissastrasse, d. h. im östlichen Vorgelände der
Stadt, und wurden bis heute nicht gefunden. Die Lage ausserhalb des Pomeriums dürfte damit zusammenhängen, dass die Herstellung von Ziegeln wie auch der Abbau von Lehm, im Gegensatz zur Keramikproduktion, in den landwirtschaftlichen Bereich gehörten und damit für
Angehörige der sozialen Oberschicht und somit auch für Gutshofbesitzer durchaus standesgemäss waren.
Die ältere Töpferei an der Venusstrasse-Ost in der Region 7C ist mit neun Öfen und weiteren, für die Interpretation und den Arbeitsablauf eines Töpferbetriebs interessanten Strukturen die bisher grösste bekannte Töpferei von Augusta Raurica. Es lassen sich zwei Bauzustände
unterscheiden: Bauzustand A mit sechs Töpferöfen (Areal ARE7C01.A) und Bauzustand B mit drei Öfen (Gebäude 7C01.B). Die Töpferöfen entsprechen alle dem gallo-römischen stehenden Typ (Abb. 23).
Die Töpferei von Bauzustand A in der Region 7C wurde auf vorher unbesiedeltem Gelände errichtet (Beil. 1). Hier entstand in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts ein neues Töpferquartier, das sich mit seinen baulichen Strukturen nach dem städtischen Insularaster richtete. Der
Schwerpunkt der handwerklichen Aktivitäten und damit die Blüte dieses Betriebs dürften in spätflavischer Zeit gelegen haben.
Alle Öfen und töpfereispezifischen Strukturen von Bauzustand A waren bis an dessen Ende in Betrieb und wurden dann gleichzeitig durch ein Feuer zerstört. Der Brand, der aufgrund der Münzfunde um 100 n. Chr. zu datieren ist, hatte so massive Auswirkungen, dass der Betrieb
danach vollständig eingestellt und das Gelände grossräumig planiert werden mussten. Dabei wurden die aufgelassenen Strukturen über die Parzellengrenzen hinaus verfüllt.
Unter den Befunden von Bauzustand A waren keine eindeutigen Gebäudegrundrisse rekonstruierbar, aufgrund der Einteilung in langschmale Parzellen ist aber mit einer Bebauung in Streifenhäusern zu rechnen. Die leichte Bauweise in Holz und Lehmfachwerk lässt ein zeitliches
-Nebeneinander von Pfosten- und Ständerbauten erkennen.
Die Öfen und weiteren töpfereispezifischen Strukturen waren auf drei langschmalen, direkt aneinanderstossenden und durch Bretterwände oder Holzzäune getrennten Parzellen von etwa zehn Metern Breite installiert (Abb. 64). In der nicht ausgegrabenen Westhälfte der Insula sind zwei
weitere Parzellen denkbar. Die Parzellen lagen rechtwinklig zur Venusstrasse und waren auf sie ausgerichtet. Die Töpfereiinstallationen befanden sich im rückwärtigen Teil der Parzellen, in den im Freien gelegenen Hinterhöfen, in ca. 30-40 m Entfernung von der Venusstrasse. Zur
Strasse hin lagen die Wohnhäuser mit dem Hauptzugang zur Parzelle. Pro Parzelle dürfte ein Klein- oder Familienbetrieb installiert gewesen sein, der Wohnen und Arbeiten vereinte. Ob jeder dieser Betriebe für sich arbeitete oder ob sie zu einem gemeinsamen Handwerksbetrieb
zusammengeschlossen waren, muss offen bleiben.
In der ganz im Osten gelegenen Parzelle 1 waren drei Öfen in Betrieb (Abb. 64,1). In der westlichen Hälfte befand sich Ofen ARE7C01.A.2008 mit seiner Bedienungsgrube, die mit einem von vier Pfosten getragenen Holzdach vor Regen geschützt und wahrscheinlich über eine
Holzleiter betretbar war. Die Anlage konnte über einen Kiesweg von Norden her erreicht werden, der seitlich mit einem Holzzaun begrenzt war. Im Süden der Parzelle lag hinter dem Ofen ein aus vier Tonaufbereitungsgruben bestehendes, zusammenhängendes Schlämmgrubensystem,
eine sogenannte Schlämmkette.
In der Osthälfte von Parzelle 1 waren zwei Öfen hintereinander auf einer Linie installiert: die Öfen ARE7C01.A.2007 und ARE7C01.A.2005. Der Ofen ARE7C01.A.2007 war gegen die (nicht erhaltene) Bedienungsgrube mit je einem seitlichen Stützmäuerchen befestigt. In das östliche
Stützmäuerchen war ein Ziegelkanal integriert. Er belieferte eine Grube von Süden her mit Wasser, die wahrscheinlich zu einer sich nach Norden fortsetzenden Schlämmkette gehörte. Wie bei allen Kanälen in der älteren Töpferei an der Venusstrasse-Ost ist auch hier unklar, woher das
Wasser floss. Südlich davon lag schliesslich der Ofen ARE7C01.A.2005 mit seiner Bedienungsgrube.
In der westlich anschliessenden Parzelle 2 sind drei Öfen nachgewiesen (Abb. 64,2): Am weitesten im Norden lag der einzige nicht nach der Bebauung des Quartiers ausgerichtete Ofen ARE7C01.A.2001. Seine Bedienungsgrube war im Nordosten, von wo er beheizt wurde.
Nordwestlich des Ofens befand sich eine Grube, wahrscheinlich zum Schlämmen des Tons. Weiter im Süden der Parzelle waren nebeneinander die beiden Öfen ARE7C01.A.2003 und ARE7C01.A.2004 als Batterie installiert; sie wurden wie die restlichen Öfen von Bauzustand A von
Norden befeuert. Ihre (nicht erhaltene) Bedienungsgrube war mit Stützmäuerchen befestigt. Diese Ofenbatterie und der kleine Ofen im Norden, Ofen ARE7C01.A.2001, waren durch auf die Querachse der Parzelle gesetzte Zäune getrennt, vielleicht mit einem zusätzlichen Gatter oder
Durchgang auf die Nachbarparzelle im Osten oder im Westen.
Im Norden von Parzelle 2 war ein mit dem Holzschuppen auf der Nachbarparzelle vergleichbarer Bau installiert, der auf zwei Seiten offen war und einen Kiesboden aufwies. Auf der Mittelachse der Parzelle versorgte ein Ziegelkanal die Parzelle mit Wasser aus südlicher Richtung,
später als Ersatz oder Ergänzung ein Steinkanal.
Zur ungefähr in der Mitte der Insula gelegenen und nur angeschnittenen Parzelle 3 (Abb. 64,3) gehörte eine mit Holzbrettern verschalte, wahrscheinlich überdachte Tonlagergrube. Etwa in der Mitte der Parzelle stand ein auf zwei Seiten offener Holzschuppen für Brennholz oder für das
Trocknen ungebrannter Keramik. Ganz im Süden von Parzelle 3 befand sich vielleicht ein Holzgestell zum Trocknen von Gefässen. Töpferöfen sind auf dieser Parzelle nicht nachgewiesen, sie dürften im nicht ausgegrabenen Gelände im Westen oder Süden zu suchen sein; dass hier
sicher Töpferei betrieben wurde, belegt die Tonlagergrube.
Die Planierungsarbeiten nach dem Brand um 100 n. Chr. gingen dem Gebäude 7C01.B von Bauzustand B voraus. Die Aufgabe der Parzellengrenzen und eine neue Organisation der Bebauung sprechen für neue Besitzverhältnisse in der Töpferei von Bauzustand B (Beil. 2). Sie dürfte
kurz nach 100 n. Chr. erbaut worden sein und war offenbar nicht lange in Betrieb, denn ihr Ende ist bereits um die Mitte des 2. Jahrhunderts oder kurz danach anzusetzen.
Die Bebauung der Töpferei von Bauzustand B war - wie diejenige von Bauzustand A - gekennzeichnet durch ein gleichzeitiges Nebeneinander von Ständerbauten mit Lehmfachwerkwänden und Steinbauten. Das neu errichtete Gebäude 7C01.B, das mit seinen Raumfluchten weiterhin
Bezug auf die Ausrichtung des Quartiers nimmt, wurde bei der Ausgrabung nicht als Ganzes gefasst (Beil. 2). Die Töpferei von Bauzustand B war wiederum auf einer langschmalen Parzelle, nun von etwa 15 Metern Breite, installiert (Abb. 69). Neben geänderten Besitzverhältnissen, die
die ehemaligen Parzellengrenzen ignorieren, zeigt sich nun auch eine andere Organisation des Geländes: Um -einen Innenhof mit dem Töpferofen gruppieren sich überdachte Innenräume, die als Wohn- und Arbeitsräume dienten. Grundsätzlich dürfte es sich aber wiederum um einen
Klein- oder Familienbetrieb handeln.
Im Zentrum der erhaltenen Strukturen von Gebäude 7C01.B lag der Hof 7C01.B.02, in dem sich drei Öfen 7C01.B.02.1-3 an der gleichen Stelle ablösten (Beil. 2). Der Raumabschluss im Nordosten ist unklar; östlich des Ofens stieg das Gelände stark gegen Osten an. Diese Kante
konnte südlich des Ofens über eine Treppe überwunden werden. Eine Feuerstelle im Nordosten lässt eine Überdachung des Raums vermuten. Möglicherweise war die Osthälfte des Hofes durch eine nicht mehr vorhandene Mauer oder Wand vom Hof mit Ofen abgetrennt und als
überdachter Innenraum konzipiert oder Ofen und Feuerstelle waren nicht zur gleichen Zeit in Betrieb. Betreten wurde der Hof durch einen gassenartigen Durchgang 7C01.B.07 von Nordwesten. Hier befand sich eine Grube, die vielleicht zur Tonaufbereitung diente.
Nördlich des Hofs schloss sich der Raum 7C01.B.01 an, der als einziger Raum als Ganzes gefasst werden konnte. Er war ca. 4,5 m 3 6,0 m gross und hatte im Osten einen Eingang. Drei wahrscheinlich gleichzeitig verwendete Feuerstellen weisen auf einen Innenraum hin. Die Funde
zweier Spurpfannen belegen, dass hier die Töpferscheibe stand. In diesem Raum wurden auch zwei Tonscheiben gefunden, die üblicherweise für temporäre Stapeleinbauten in Terra-Sigillata-Öfen gebraucht wurden. Als weitere Arbeitsgeräte des Töpfers oder Brennmeisters sind hier
Ofenverschlusskappen zu nennen, von denen ebenfalls zwei in diesem Raum gefunden wurden. Nordwestlich des Raums lag im Freien eine wohl überdachte Tonlagergrube mit Bretterinnenauskleidung und Eckpfosten, aus der sich die in Raum 7C01.B.01 arbeitenden Handwerker mit
Töpferton versorgten.
Raum 7C01.B.03, der südlich an den Hof 7C01.B.02 anschloss, dürfte mit der grossen, nur 0,3 m tiefen Tontret- oder Einsumpfgrube als Aussenraum anzusprechen sein. In sekundärer Verwendung diente die Grube zur Abfallentsorgung.
Die angeschnittenen Räume 7C01.B.05-06 im Nordosten mit je einer Feuerstelle sind als Innenräume zu betrachten. Ein Ziegelkanal versorgte den Raum 7C01.B.05 mit Wasser.
Der mit einem Mörtelboden versehene Wohnraum 7C01.Ba.04 wurde im Verlauf der Nutzung von Gebäude 7C01.B unterteilt und die vorhandene Feuerstelle durch eine neue ersetzt. Der Fund einer Spurpfanne in diesem Raum lässt vermuten, dass auch hier zu einer bestimmten Zeit
eine Töpferscheibe stand.
Die «Insula», in der der Töpferbetrieb von Bauzustand B angesiedelt war, wurde um die Mitte des 2. Jahrhunderts oder kurz danach vollständig verlassen und nicht mehr weiter genutzt. Befunde - ähnlich dem Brand am Ende von Bauzustand A -, die auf einen konkreten Auslöser für die
Aufgabe schliessen lassen oder eine Weiternutzung bezeugen würden, sind nicht belegt. Das fast vollständige und auffällige Fehlen von Töpfereiwerkzeug ist als Indiz zu deuten, dass das Gelände geräumt und erst danach verlassen wurde; die Töpfer haben ihr Arbeitsgerät
mitgenommen. Möglicherweise wurde das Gelände nach Aufgabe der Töpferei nicht wieder überbaut und weiter genutzt, weil es durch den Bedeutungsverlust der südlich gelegenen Kellermattstrasse um 80 n. Chr. zugunsten der Osttorstrasse und die Aufhebung dieses Strassenzugs
-völlig ins Abseits geraten war (Abb. 15). Die nördliche Begrenzung dieser «Insula», die Venusstrasse, war von je her eine Sackgasse, die hier endete. Ebenso war die die «Insula» nach Osten begrenzende Tobelstrasse nie eine Strasse von Bedeutung. Nun lag die «Insula» auch in
ihrer südlichen Hälfte nicht mehr direkt an einer Durchgangsstrasse und war deshalb unattraktiv geworden.
Die Münzkurve der Region 7C bestätigt diesen Befund (Abb. 79): Sie zeigt, dass sich nach der Regierungszeit Hadrians ein Rückgang der Münzen vor der Mitte des 2. Jahrhunderts abzeichnet. Auch in den benachbarten Insulae 50-52 ist zu beobachten, dass die Münzfunde des späten
2. Jahrhunderts zurückgehen und solche nach dem frühen 3. Jahrhundert fehlen (Abb. 80). Auch Münzen des 4. Jahrhunderts sind nicht belegt. Im Vergleich zum Durchschnitt von Augusta Raurica fallen diese Quartiere damit völlig aus dem Rahmen: Die Aktivitäten in diesen Quartieren
gehen in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts stark zurück und kommen im frühen 3. Jahrhundert ganz zum Erliegen. Diese Viertel werden aufgegeben oder aufgelassen in einer Zeit, in der in anderen Regionen der Stadt eine rege Bautätigkeit fassbar ist. Die Münzkurven von
Quartieren im Südwestquartier der Stadt an der Westtorstrasse entsprechen viel stärker dem Durchschnitt von Augusta Raurica. Im Gegensatz zum Südostquartier an der Venusstrasse (Insulae 50-52 und Region 7C) lassen sich an der Westtorstrasse bis in die Spätzeit der Stadt
Aktivitäten nachweisen (Abb. 82).
Die Überreste der Töpferei an der Venusstrasse-Ost in Augst umfassen vielfältige Funde und Befunde, die bestimmte Abschnitte des Produktionsablaufs der Keramikherstellung bezeugen: Tonaufbereitung im kleinen Umfang, Tonlagerung, Drehen auf der Töpferscheibe, Trocknen und
Brennen des Geschirrs. Archäologisch nicht belegt sind hingegen Lehmabbau, Tonverarbeitung in grossem Stil, Keramiklagerung und Verkauf. Diese Vorgänge und Tätigkeiten haben demnach andernorts stattgefunden: Lehmabbau und Tonverarbeitung am Ort der Lehmvorkommen
und die anderen Aktivitäten vielleicht in den Häusern am Kopfende der Parzellen, an der Venusstrasse.
Die Funde der älteren Töpferei an der Venusstrasse-Ost, die sich beinahe ausschliesslich aus Töpfereiabfall zusammensetzen, stammen zu einem grossen Teil aus den Verfüllungen der Öfen und Bedienungsgruben und zu einem kleinen Teil aus Siedlungsschichten und
Gehhorizonten. Alle diese Verfüllungen zusammen sind durch Passscherben miteinander verbunden und können deshalb als ein einziges grosses Ensemble interpretiert werden. Dieses umfasst eine enorme Fundmenge: 30906 Objekte mit einem Gesamtgewicht von 1832 kg
Keramikscherben. Es zeigt das für Töpfereiabfall charakteristische Bild: ein begrenztes Gefässspektrum, grosse Serien von gleichen Gefässformen, einheitliche Waren, viele durch Fehlbrände oder Produktionsfehler belegte Gefässformen, viele Scherben mit Brandspuren, viele
Passscherben, viele Scherben des gleichen Gefässes, grosse Scherben und viele beinahe ganz erhaltene Gefässe. Die grossen Scherben und das Vorkommen von vielen fast ganz erhaltenen Gefässen sprechen für eine Entsorgung des Abfalls an Ort. Da das Gefässspektrum zeitlich
recht einheitlich ist, muss der Abfall von mehreren gleichzeitig arbeitenden Betrieben oder von einer einzigen Töpferwerkstatt stammen.
Die ältere Töpferei an der Venusstrasse-Ost war mit ihrem Produktionsprogramm auf die Herstellung von scheibengedrehter Gebrauchskeramik spezialisiert. Es wurden zur Hauptsache Schüsseln und Krüge hergestellt, daneben Teller, Schultertöpfe, offene Lampen und als
Besonderheit Schlangentöpfe (Abb. 75; 76). Abgesehen von den hell-tonigen Krügen, einzelnen Schüsseln und den Lampen ist die Keramik mehrheitlich grautonig. Das Produktionsprogramm wird von Schüsseln mit Kragenrand und Schüsseln mit verdicktem Rand dominiert: Sie
machen zusammen die Hälfte des gesamten Spektrums aus. Die dritthäufigste Gefässform ist der Einhenkelkrug mit Kragenrand, gefolgt vom Schultertopf. Neben dem Einhenkelkrug mit Kragenrand sind verschiedene Ein-, Zwei- und sogar Dreihenkelkrugtypen belegt. Bei den Krügen
fällt zudem auf, dass verschiedene Grössenklassen vorkommen: Die Einhenkelkrüge sind in sieben Grössenklassen vertreten, bei den Zweihenkelkrügen lassen sich drei identifizieren.
Bei der Bearbeitung der lokal gefertigten Keramik wurde ein besonderes Augenmerk auf Produktionsfehler bei der Herstellung gelegt. Sie dokumentieren die Probleme, mit denen die Töpfer und/oder Brennmeister der älteren Töpferei an der Venusstrasse-Ost bei ihrer Arbeit zu
kämpfen hatten (Abb. 89).
Typologisch lässt sich die gesamte Keramikproduktion der älteren Töpferei an der Venusstrasse-Ost in die Zeit von ca. 80-150 n. Chr. datieren, mit einem Schwerpunkt in spätflavischer Zeit (Abb. 78). Ins spätere 1. Jahrhundert fällt die Produktion der Töpferei von Bauzustand A.
Wenige Gefässformen sind an den Beginn und ins frühere 2. Jahrhundert zu setzen und zeigen ein Weiterbestehen der Töpferei über die Jahrhundertwende hinaus an. Die Töpferei von Bauzustand B weist in die Zeit nach 100 n. Chr., in die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts. Jüngstes
Element im Gefässspektrum der Venusstrasse-Ost ist die Schüssel mit Deckelfalzrand (Abb. 75,8), die in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts noch kaum vorkommt. Sie belegt eine Produktion der Töpferei von Bauzustand B bis sicher in die Mitte des 2. Jahrhunderts.
Der Vergleich mit gut datierten Fundensembles aus Augusta Raurica bestätigt diesen zeitlichen Ansatz: Das Produktionsprogramm der älteren Töpferei an der Venusstrasse-Ost lässt sich am besten mit Komplexen des späteren 1. und der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts gleichsetzen.
Der Vergleich mit anderen Töpfereien von Augusta Raurica zeigt, dass sich die Produktion von der Venusstrasse-Ost gut abgrenzen lässt. Sie ist nach der älteren Töpferei vom Osttor anzusetzen, also in die Zeit nach 80 n. Chr. Dass ihr Produktionsende vor der zweiten Hälfte des 2.
Jahrhunderts liegen muss, zeigen die Unterschiede zur jüngeren Produktion in der Region 5B, die in die Zeit von 150-200 n. Chr. datiert und ein zwar kleines, aber für diese Zeit typisches Gefässspektrum mit anderen Teller- und Schüsseltypen aufweist. Die Zusammenstellung der
Produktionsprogramme ausgewählter Töpfereien nach ihrer zeitlichen Abfolge zeigt die Entwicklung der Gefässformen im Verlauf der Zeit (Abb. 99).
Grosse Ähnlichkeit zum Gefässspektrum der älteren Töpferei an der Venusstrasse-Ost hat die Produktion der Töpferei im Gutshof von Laufen-Müschhag aus dem letzten Drittel des 1. Jahrhunderts (Abb. 100; 101): Viele Gefässformen sind an beiden Orten in fast identischer
Ausprägung vorhanden, vor allem die Schüsseln und Krüge. Gewisse Gefässformen zeigen in Augst eine grössere Vielfalt an Randformen, die teilweise jünger wirken. Demgegenüber wurden in Laufen beispielsweise Schüsseln der Form Drack 22 und Dolien hergestellt, die an der
Venusstrasse-Ost in Augst fehlen. Umgekehrt wurden in Augst Gefässformen mit Goldglimmerengoben produziert, die in Laufen nicht belegt sind.
Die unterschiedlichen Anteile der Teller und Krüge - in Laufen-Müschhag viele Teller und wenige Krüge, in Augusta Raurica umgekehrt - dürften zudem durch den unterschiedlichen Charakter der Siedlung bedingt sein: ländlicher Bereich in Laufen-Müschhag gegenüber städtischem
Milieu in Augusta Raurica. Trotzdem ist die grosse Übereinstimmung in den beiden Keramikrepertoires von Laufen-Müschhag und Augusta Raurica frappant und lässt eine Beziehung zwischen den beiden Töpfereien vermuten. Der Gutshof befindet sich in einer Distanz von 35
Kilometern von Augst. Ob der oder die Töpfer aus dem Gutshof von Laufen-Müschhag ihr Handwerk in Augst gelernt hatten, ob sie Töpfersklaven oder Wandertöpfer aus Augst waren, ob der Gutshofbesitzer von Laufen auch der Besitzer der Töpferei an der Venusstrasse-Ost von
Augusta Raurica war, oder ob eine Augsterin nach Laufen-Müschhag geheiratet und ihren Hausrat mitgebracht hatte oder selber eine Töpferin war - diese Fragen können nicht beantwortet werden.
Die Gegenüberstellung der Produktionsprogramme der Töpfereien von Augusta Raurica mit der Keramik aus gleichzeitigen Siedlungsschichten der Stadt zeigt, dass jede Töpferei mit ihrem Geschirrsortiment auf die Nachfrage und auf das bestehende Angebot auf dem Markt reagierte
(Abb. 102-111). Sie produzierte ein breites Spektrum an Formen, um auf dem Markt bestehen zu können. Eine starke Spezialisierung auf wenige Erzeugnisse ist nicht zu beobachten. Auch Änderungen der Esssitten und Änderungen der Zubereitungs- und Aufbewahrungsarten
spiegelten sich in den Produktionsprogrammen der Töpfereien.
Mit dem Fundmaterial aus der Töpferei Venusstrasse-Ost, bei dem es sich um Abfall mehrerer Töpfer handelt, kann eine neue chemische Referenzgruppe für Augusta Raurica definiert werden, die zwar weniger homogen ist als die bisher bekannten, aber genauso kalkarm wie diese.
Von der in Augusta Raurica hergestellten römischen Gebrauchskeramik sind bereits vier Referenzgruppen aus verschiedenen Töpferateliers durch chemische und mineralogische Analysen definiert worden, die aber bisher noch nicht in einen grösseren Zusammenhang gestellt werden
konnten (Abb. 114; Anhang, Tab. 9). Zum ersten Mal erfolgte in Augst parallel zur archäologischen Auswertung einer ganzen Töpferei die naturwissenschaftliche Untersuchung der Keramik, wodurch die jeweils sich ergebenden Fragestellungen berücksichtigt werden konnten.
Für die Herstellung der Keramik von der Venusstrasse-Ost wurde die gleiche Lehmformation benutzt wie für die bereits bekannten Referenzgruppen für Gebrauchskeramik. Allerdings ist ihre Lokalisierung bis heute unbekannt, obwohl wir eines der Lehmabbaugebiete von Augusta
Raurica kennen: am Ostrand der Stadt, im Gebiet nördlich des Osttors und ausserhalb der Stadtmauer entlang der Vindonissastrasse (Abb. 2). Hier erstrecken sich auf einer Fläche von mehr als 6 ha längliche Abbaugruben. Sie zeugen von einer systematischen Rohstoffgewinnung
vom 1. bis ins 4. Jahrhundert. Die ersten Ergebnisse der Lehmanalysen aus diesen Abbaugruben zeigen, dass dieses Material nicht zur Herstellung unserer Keramik genutzt wurde. Der Lehm für die Keramikherstellung muss demnach von einem anderen, uns unbekannten Ort
stammen.
An weiteren Ergebnissen der Analysen ist zu erwähnen, dass die Töpferöfen teilweise aus in der direkten Umgebung des Handwerkbetriebs anstehendem Lehm gebaut wurden. Die oxidierende Brandführung mit reduzierender Abkühlphase, die einen Scherben mit rötlichbraunem Kern
und grauschwarzer Oberfläche ergibt, entspricht der einheimischen Töpfertradition und ist in der älteren Töpferei an der Venusstrasse-Ost am häufigsten. Sowohl klassische Über- als auch Unterbrände sind belegt. Die beigeweisse Engobe der Krüge besteht aus Calcit, die rotbraune
Farbe der bemalten Flaschen aus Hämatit. Die Gold- und Silberglimmerengoben bestehen - wie auch an anderen Fundorten - aus Biotit. Die Qualität der Keramik von der Venusstrasse-Ost ist nach dem optischen Eindruck nicht sehr gut: Der Ton, die Oberflächen und die Engoben sind
schlecht erhalten. Dies ist nach Aussage der Analysenergebnisse nicht auf die Bodenlagerung und -beschaffenheit zurückzuführen, sondern auf die Tatsache, dass wir es hier mit Töpfereiabfall zu tun haben, also mit qualitativ schlechter Ausschussware.
Die analysierte handgemachte Kochkeramik sowohl aus Augusta Raurica als auch aus den Gutshöfen weist -eine identische fossilhaltige Magerung auf; sie dürfte in Gruben und nicht in Töpferöfen gebrannt worden sein. Dies erklärt vielleicht, wieso der Brand von handgemachten
Kochtöpfen bisher in keiner Augster Töpferei nachgewiesen ist.
Die Untersuchung des Absatzgebiets für Gebrauchskeramik der Töpfereien von Augusta Raurica hat gezeigt, dass neben der lokalen Bevölkerung der Stadt auch die Bewohnerinnen und Bewohner der Gutshöfe im Umland zur Kundschaft gehörten, auch wenn sie wie im Fall von
Laufen-Müschhag und Vicques daneben eigene Keramik produzierten. Die Leute von den Gutshöfen deckten ihren Bedarf an Geschirr zu einem grossen Teil in Augusta Raurica oder bei Händlern aus der Stadt. Die verhandelte Keramik war von guter Qualität. Sie wurde in Gutshöfe
verkauft, die höchstens eine Tagesreise, d. h. 20-30 Kilometer von der Stadt Augusta Raurica entfernt waren, ausser im Fall von Laufen-Müschhag und Vicques, die sogar darüber hinaus 35 bzw. 50 Kilometer weit weg lagen (Abb. 124).
Die Grenze des regionalen Handels mit Augster Gebrauchskeramik lässt sich mithilfe der Verbreitung von zwei in den Töpfereien von Augusta Raurica nachgewiesenen Gefässformen (Schüssel mit verdicktem Rand und Schlangentopf), mithilfe der Verbreitung der für Augst typischen
Kochtöpfe und in Kombination mit den Ergebnissen der naturwissenschaftlichen Analysen von Scherben aus den umliegenden Gutshöfen gut fassen (Abb. 125): Im Süden und im Südosten bildet der Jura die Grenze, östlichster Fundort ist Vindonissa. Im süddeutschen Gebiet bilden die
südlichsten Ausläufer des Schwarzwalds eine natürliche Barriere. Die Grenze im östlichen Hochrheintal ist im Gebiet östlich des Gutshofs von Laufenburg (D) und westlich der Aaremündung zu suchen. Flussabwärts Richtung Strasbourg liegt sie im Elsass nördlich von Dambach und
scheint gegen Nordwesten nicht weit über die Ill hinausgegangen zu sein. Im Südwesten liegt sie im Delsberger Becken, in der Nähe von Courroux. Die Schlangentöpfe reichen sowohl im Südwesten (bis in die Ajoie und nach Mandeure) als auch im Nordosten (ins Neckar- und ins
westlichste Donaugebiet) über die Grenzen dieser Gegend hinaus (Abb. 125; 126). Dies dürfte mit der besonderen Bedeutung dieser Kultgefässe zusammenhängen, die eine stärkere Ausstrahlungskraft und damit eine grössere Verbreitung hatten als die einfache Augster
Gebrauchskeramik wie die Kochtöpfe mit gerilltem Horizontalrand und die Schüsseln mit verdicktem Rand.
Damit deckt sich die Grenze des regionalen Handels mit Gebrauchskeramik aus Augusta Raurica mit der bislang postulierten Ausdehnung des Raurikergebiets. Die wirtschaftliche und kulturelle Zentrumsfunktion von Augusta Raurica als Mittelpunkt der Siedlungslandschaft im Gebiet
des südlichen Oberrheins wird durch die Verbreitung lokaler Keramikformen bestätigt. Die Bevölkerung dieses Siedlungsraums gehörte zum gleichen Kulturkreis. Die formale Gleichheit der Keramik bezeugt enge Kontakte untereinander und einheitliche Vorstellungen vom Aussehen
eines Gefässes, die sich beispielsweise von jenen im Gebiet der civitas Helvetiorum deutlich unterscheiden.