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Thomas Hufschmid (mit Beiträgen von Philippe Rentzel, Noémie Frésard und Michel Fuchs), Amphitheatrum in Provincia et Italia. Architektur und Nutzung römischer Amphitheater von Augusta Raurica bis Puteoli. Forschungen in Augst 43, 2009:



Zusammenfassung

Die vorliegende Publikation teilt sich primär in drei unterschiedlich grosse Abschnitte, welche sich zunächst mit der architektonischen Fachnomenklatur der Amphitheater (S. 21 ff. Abb. 6-7), danach mit den in Augusta Raurica/Augst erhaltenen Befunden zu diesem Bautyp (S. 57 ff. Abb. 8-166) und zum Schluss mit allgemeinen Überlegungen zur Nutzungsmöglichkeit und Funktionalität der römischen Amphitheater (S. 197 ff. Abb. 175-290; 294) auseinandersetzt. Die Ausführungen werden durch zwei Exkurse ergänzt, die sich zum einen mit der Bedeutung des Monumentalkomplexes von Augst-Schönbühl (S. 175 ff. Abb. 167-174), zum anderen mit der Interpretation der Malereien an der Podiumsmauer des Amphitheaters von Pompeji (S. 259 ff. Abb. 291-293) befassen. Als Annex sind der Arbeit zwei wissenschaftliche Spezialuntersuchungen beigefügt. Noémie Frésard und Michel Fuchs äussern sich zu den bemalten Verputzfragmenten an den Podiumsmauern der Augster Amphitheater ([Band 43/2] Abb. 295-314; Taf. 9-16), während Philippe Rentzel die gut erhaltenen Sandschichten des Arenabodens vom Amphitheater Augst-Neun Türme aus geoarchäologischer Sicht ([Band 43/2] Abb. 315-325) beurteilt.



Begriffsgeschichte

Die Untersuchung von 43 für die verschiedenen Bauteile der Amphitheater geläufigen architektonischen Fachbegriffen (S. 21 ff. Abb. 6; 7) und deren Überlieferung in literarischen und epigraphischen Quellen hat gezeigt, dass in römischer Zeit nicht alle diese Spezialausdrücke so konsequent verwendet wurden, wie es die moderne Fachliteratur evoziert. Einzelne Begriffe wie beispielsweise die in der einschlägigen Fachliteratur oft anzutreffenden Bezeichnungen «porta pompae» oder «porta triumphalis» haben sich gar als Neuschöpfungen oder unzutreffende Übertragungen durch moderne Autoren erwiesen. Grundsätzlich zeigt sich, dass in antiker Zeit eine klar festgelegte Bezeichnung der Bauteile nicht wirklich existierte. Einzelne Begriffe, so etwa das vom römischen Censor C. Maenius abgeleitete Wort maeniana für die hölzernen Sitztribünen und die Sitzränge der Steintheater (S. 36 f.), scheinen jedoch tatsächlich als allgemein etablierte und regelmässig verwendete Bezeichnungen existiert zu haben.

Andere (Fach-)Wörter entsprangen dagegen rein sprachlicher Pragmatik, welche die Bildassoziation, die sich beim Betrachten der Architektur ergab, in Worte fasste. So etwa die Bezeichnungen «Umgürtung» (praecinctio) oder «Gurt» (balteus) für den Umgang in der Sitzstufenzone (S. 25; 46 f.), «Holzbühne» (pulpitum) für die bühnenartig aus der Sitzstufenarchitektur herausgehobene Ehrentribüne (S. 47 f.), «Keil» (cuneus) für die keilförmig ansteigenden Sitzplatzzonen (S. 30 f.), «Tücher» (vela) für die Sonnensegel aus Stoff (S. 52 f.) oder das schlichte Wort «Sand» ([h]arena) für den Kampfplatz im Zentrum des Bauwerks (S. 24 f.). Eine ähnliche Pragmatik betrifft auch den scheinbar so klar definierten, ab augusteischer Zeit gebräuchlichen Fachausdruck für den Gebäudetyp selbst. War vor Augustus das Amphitheater noch als «Ort, der (visuellen) Veranstaltungen» (spectacula) definiert (S. 49 f.), so erhielt der Bautyp ab Beginn unserer Zeitrechnung einen eigens kreierten Namen, der aber wiederum der römischen Bildsprache verhaftet blieb (S. 22 f.). Bildlich gesprochen war mit dem neuen Bautyp ja lediglich das bereits bekannte theatron/theatrum verdoppelt worden, weshalb man daher pragmatisch von einem «beidseitigen Theater» oder «allseitigen Theater» sprach (amphi-theatron/-theatrum). Die antiken Menschen verstanden das Wort allerdings nicht als bautypologisch definierten Begriff, sondern hielten an dessen semantischer Grundbedeutung fest, weshalb im Osten des römischen Reiches auch das antike Stadion oft als «beidseitiges Theater» (amphitheatron) bezeichnet wurde. Ebenfalls einen echten, von schon fast entlarvender Bildsprache geprägten Terminus technicus stellt der einzig aus einer Textstelle des frühen 5. Jahrhunderts bekannte «Ausspeier» (vomitorium) dar (S. 55). Gemäss dem Schriftsteller Macrobius scheint der Begriff damals für die Zugangskorridore der Theaterbauten gebräuchlich gewesen zu sein. Vermutlich war der Ausdruck erst in der Spätantike geläufig, während Vitruv sowie auch Inschriften des 2. Jahrhunderts n. Chr. noch den allgemeineren Begriff «Zugang» (ascensus, aditus, ianua) verwenden. Als eher problematisch hat sich der Begriff carcer herausgestellt (S. 26 f.), der von einigen modernen Fachautoren in sehr einschränkender Form als «Tierkäfig» verstanden werden will. Grundsätzlich bezeichnet das Wort jedoch jegliche Art von «abgesperrtem Bereich», ohne spezifisch einen Tierkäfig, der in seiner mobilen Form «Höhlung/Umhüllung» (cavea) genannt wurde (S. 27 ff.), zu meinen. Antik ist der Begriff in Verbindung mit Amphitheatern überhaupt nicht überliefert.

Einen echten, mit der Architektur der Amphitheater verknüpften Fachbegriff stellt dagegen das Wort porta postic(i)a dar (S. 43 ff.). Gemäss den Schriftbelegen scheinen damit die randlich zur arena gelegenen, in die Podiumsmauer eingelassenen Pforten bezeichnet worden zu sein, durch welche Tiere auf den Kampfplatz entlassen wurden und Personal die arena betreten und verlassen konnte. In Bezug auf den Kampfplatz stellten diese am Rand gelegenen Pforten «Hintertüren» (postica/portae posticae) für den Auftritt und Abgang dar. Ausschliesslich in Verbindung mit dem Amphitheater tauchen in den Quellen selten auch die Bezeichnungen «Todestor» (porta libitinensis) und «Lebenstor» (porta sanavivaria) auf, die bei diesen Bauwerken auf einen starken Symbolcharakter der Architektur hinweisen (S. 42 f.; 45). Die leider nur schlecht belegten Begriffe stammen aus zwei unterschiedlichen literarischen Quellen, von denen die eine das «Tor des Lebens», die andere das «Tor des Todes» nennt. Im Sinne des beabsichtigten Antagonismus setzt allerdings die Erwähnung des einen Begriffs die Existenz des anderen voraus, weshalb wir den Hinweis auf diese Tordisposition und die damit verknüpfte Symbolik als durch zwei unabhängige Quellen bestätigt betrachten. Die Begriffe bezeichneten vermutlich die beiden einander gegenüberliegenden, 3,5-4,5 m breiten Haupttore auf der Arena-Längsachse, welche in der Regel auch mit Wagen befahrbar waren.



Die Augster Amphitheater - Befunde und Rekonstruktionen

Der zweite Teil der Arbeit stellt die beiden Amphitheater von Augusta Raurica ins Zentrum. Einleitend wird in einer kurzen Ausführung die Ausgrabungs- und Forschungsgeschichte resümiert, die für die beiden Bauten sehr unterschiedlich ist (S. 57 ff. Abb. 8-12). Im Anschluss erfolgt für das jüngere Amphitheater von Augst-Sichelengraben eine detaillierte Befundvorlage (S. 61 ff. Abb. 13-128; Beilage 1; 2; 21-35), die speziell die baulichen Strukturen und deren Interpretation in den Vordergrund stellt. Ziel der Vorlage ist keine Grabungsauswertung, sondern eine Rekonstruktion und Beurteilung des Amphitheaters in seiner Architektur und Nutzung. Geologische und bauliche Strukturen aus der Zeit vor dem Amphitheater werden daher nur summarisch vorgestellt; ebenso die Ereignisse nach der Zerstörung des Bauwerks (S. 61 f.). Die Vorlage der Befunde und deren Diskussion respektive Interpretation ist nach architektonischen Teilbereichen gegliedert, die alle einen identischen inneren Aufbau besitzen. Diese Gliederung umfasst die Zonen arena und Podiumsmauer (S. 62 ff. Abb. 13-25), Caveabereich und Umfassung (S. 69 ff. Abb. 26-38), Arenazugang-Ost (S. 82 ff. Abb. 39-63), Arenazugang-West (S. 97 ff. Abb. 64-93), Nordcarcer (S. 110 ff. Abb. 94-116), Südcarcer (S. 116 ff. Abb. 117-123) und Westcarcer (sacellum? S. 119 ff. Abb. 124-128). Die Auswertung dieser baulichen Einheiten hat ergeben, dass in verschiedenen Zonen Hinweise auf kleinere bauliche Veränderungen vorliegen, die am ehesten mit einer Umbauphase in Verbindung stehen dürften (S. 139 f. Abb. 141). In diesem Zusammenhang erfolgte im Nord- und Südcarcer, die urprünglich mit Doppelpforten ausgestattet waren, jeweils die Zumauerung einer Carcerpforte, was auf eine nicht genauer definierbare Nutzungsänderung hinweisen könnte (S. 112; 116 Abb. 112; 117-123). Umbauten fanden auch bei den Eingangsschwellen zu den vomitoria 1 und 2 des Westeingangs statt (S. 104 Abb. 92). Wohl zur gleichen Zeit erfolgten zudem Reparaturarbeiten beim östlichen Arenazugang, wo die arenaseitige Schwelle von Bedienungsgang 2 ausgetauscht wurde (S. 89 Abb. 53; 56) und vermutlich Teile der Gewölbekonstruktion über Bedienungsgang 1 und dem nördlich anschliessenden vomitorium 3 ersetzt werden mussten (S. 88 Beilage 24). Im Nordcarcer und im Bereich der arena kam es ausserdem zur Erneuerung respektive Aufplanierung der Bodenniveaus (Beilage 21; 22).

Die stratigraphischen Befunde in den Kiesschichten des Nordabhangs des Sichelengrabens erlauben mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Rekonstruktion der cavea mit Sitzstufen aus (Buntsand-)Stein (S. 79 ff. Abb. 38; Beilage 5). Einzelne Mauerzüge und Einschnitte im Verlauf der Kiesschichten geben zudem Auskunft über die wahrscheinliche Lage von praecinctiones, welche den Zuschauerraum horizontal gliederten (S. 72 ff. Abb. 31-36; Beilage 5). Hinweise auf eine bekrönende porticus liegen nirgends vor, weshalb von einer einfachen Umfassungsmauer mit vorgelagertem Umgang ausgegangen wird. Bemerkenswert ist die Existenz einer wallartig aufgeschütteten Kiesplanie, die über den älteren, aus der Zeit vor dem Amphitheater stammenden Baustrukturen liegt (S. 74 ff. Abb. 37; Beilage 5; 22; 23). Die Kiesaufschüttung scheint römischen Ursprungs zu sein und zur baulichen Konstruktion der Umfassungsmauer gehört zu haben. Die Umfassung bestand demzufolge aus einer ca. 2 m hohen Wallkonstruktion, über der sich eine einfache, nur schwach fundierte ca. 3 m hohe Bekrönungsmauer erhob (Beilage 5). Die obersten Zweidrittel des Kieswalls sind in nachrömischer Zeit erodiert, zum Teil wohl auch künstlich ausplaniert worden, was erklärt, weshalb bei den Ausgrabungen der 1960er und 1980er Jahre keine gemauerten Strukturen einer Umfassung gefasst werden konnten. Im Bereich der Querachse des Bauwerks waren in der Zone des podiums oberhalb des Nordcarcers (dort nachgewiesen) und des Südcarcers (dort aufgrund von Vergleichsbeispielen vermutet) Ehrentribünen, sogenannte pulpita, platziert (S. 113 f.; 117 f. Abb. 112-114; 121-123). Anschliessend an die pulpita und das podium befand sich die ca. 3 m hohe Podiumsmauer, welche die arena vom Publikumsbereich trennte. Zur Steigerung des Erscheinungsbilds ist dieser Mauerzug in der Antike mit einem bunten Dekor bemalt gewesen, der sich allerdings nicht mehr rekonstruieren liess (S. 64 ff. Abb. 17-23; Beitrag Frésard/Fuchs [Band 43/2]). Mit Sicherheit ist einzig nachweisbar, dass einzelne Teile als Imitation von Buntmarmor ausgeführt waren. Mit der arena in Verbindung standen gesamthaft drei «Serviceräume», zwei auf der Schmalachse im Norden und Süden (Nord- und Südcarcer) und einer beim westlichen Arenazugang im Bereich der Längsachse (Westcarcer), bei dem es sich vermutlich um ein Arenaheiligtum (sacellum) gehandelt hat (S. 121 f. Abb. 127; 128).

Die architektonische Wertung der Baureste erlaubt eine Rekonstruktion des Bauwerks, die zeigt, dass das Amphitheater zu gut Dreivierteln seiner Höhenausdehnung in die Geländesenke des Sichelengrabens eingetieft gewesen sein muss (S. 143 Abb. 142; Beilage 16-18). Vom Sichelenplateau aus waren die baulichen Strukturen, die hier lediglich aus dem Umfassungswall und der bekrönenden Mauer bestanden, nicht sonderlich imposant. Anders war die Situation im Osten und Westen, innerhalb des Taleinschnitts. Dort waren tragende, statisch durchdachte Gewölbekonstruktionen nötig, die von 12 bis 17 m hohen, von Pfeilern abgestützten Fassaden begrenzt wurden (S. 93 ff.; 106 ff.; 144 f. Abb. 142; 143; Beilage 9; 14; 16; 17). Überwölbte Gänge führten von dort ins Gebäudeinnere und Gewölbebögen gaben den Fassaden ein repräsentatives Aussehen. Speziell die westliche, zur Ebene der Grienmatt hin orientierte und dadurch im Gelände von weither sichtbare Fassade bestach durch ihre Monumentalität und eine gewisse repräsentative Ausgestaltung. In der Materialwahl und ihrer Formensprache stellte diese Fassade eine lokale Interpretation von «klassisch römischer» Monumentalarchitektur dar (S. 145).

Bautypologisch gehört das Amphitheater von Augst-Sichelengraben zu den Monumenten in Massivbauweise mit einfacher Böschung (sogenannte «structure pleine supportée par des remblais continus» nach J.-C. Golvin). Allerdings mit der Einschränkung, dass es im Bereich des Taleinschnitts, wo die cavea von Gewölbesubstruktionen getragen wurde, zu einer Vermischung mit der «Hohlbauweise» (so genannte «structure creuse» nach J.-C. Golvin) kam (S. 146 Abb. 148).

Wie die metrologische Untersuchung des Bauwerks zeigt, lag der Konstruktion des Amphitheaters von Augst-Sichelengraben eine durchgestaltete Architektenplanung zu Grunde, die als Masseinheit ein Planungsmodul (mod.) von 4 pedes drusiani (pD) beinhaltete (S. 129 ff. Beilage 36; 37). Die Masse der arena lassen sich mit 38 mod. × 25 mod. (152 pD × 100 pD = 50,66 m × 33,33 m) veranschlagen, diejenigen des gesamten Bauwerks mit 75 mod. × 62 mod. (300 pD × 248 pD = 99,99 m × 82,65 m).

Gemäss Berechnungen mit einer Sitzplatzbreite von 40 cm pro Person ergibt sich für das gesamte Bauwerk auf der Basis der vorgeschlagenen Rekonstruktion ein Fassungsvermögen von rund 13 000 Sitzplätzen (S. 149 f.). Erschlossen waren diese Plätze primär vom Sichelenplateau her, indem Treppenläufe (scalaria) in regelmässigen Abständen durch den Trichter der cavea führten und so eine Verbindung zwischen dem podium und den in der bekrönenden Umfassungsmauer liegenden Eingängen herstellten (S. 151 f. Abb. 153; 154). Einzig das podium und die beiden angegliederten pulpita waren zusätzlich auch über vier vomitoria vom Taleinschnitt her erreichbar. Um eine optimale Verteilung zu gewährleisten, waren zudem die Mündungszonen dieser vomitoria platzartig erweitert, so dass in der den Honoratioren vorbehaltenen Zone des Bauwerks ausreichend Verkehrsfläche entstand (S. 147; Abb. 145). Möglicherweise dienten diese Plattformen zusätzlich auch zum Aufstellen von Götter- und Kaiserstandbildern, die in der den Spielen vorausgehenden feierlichen Prozession (pompa) mitgetragen wurden.

Da eine detaillierte Befundauswertung des älteren Amphitheaters von Augst-Neun Türme in anderem Zusammenhang erfolgt, wird an dieser Stelle lediglich der aktuelle, von den jüngsten Auswertungsarbeiten beeinflusste Forschungsstand zusammengefasst, um bei der nachfolgenden chronologischen und historischen Wertung die beiden Augster Amphitheater miteinander vergleichen zu können (S. 157 ff.). Im Wesentlichen lässt sich der ältere der beiden Augster Bauten heute als sogenanntes «Semi-Amphitheater» rekonstruieren, dessen Arenamasse 148 pD × 108 pD (49,33 m × 36,00 m) betrugen, während sich die Gesamtausdehung auf 300 pD × 212 pD (99,99 m × 70,66 m) erstreckte. Wie die jüngsten Grabungen gezeigt haben, beass das Bauwerk in einer ersten Phase eine Holzcavea, die im Verlauf der Benützung in Stein umgebaut worden ist; Reste von Sitzstufen aus Buntsandstein haben sich denn auch bis in heutige Zeit in der Osthälfte des Bauwerks erhalten. Ein hinsichtlich von Nutzungsfragen bemerkenswertes Element dieses Amphitheaters sind die dreifachen Verbindungspforten zwischen den «carceres» im Osten, respektive Westen und der arena (Abb. 189-191). Ein weiterer, im Süden an die arena anschliessender Raum dürfte in Anbetracht seiner einst qualitätvollen Malereiausstattung als sacellum gedient haben. Malereien liessen sich auch für die Podiumsmauer nachweisen. Im vorliegenden Fall erlaubten die aufgefundenen Fragmente sogar einen Rekonstruktionsvorschlag für zumindest einen Mauerabschnitt, der zeigt, dass über einer Sockelzone aus Marmorimitation ein kassettenartiger Dekor mit floralen Motiven auf weissem Grund aufgemalt gewesen war (S. 158; Beitrag Frésard/Fuchs [Band 43/2]). Der Rekonstruktionsvorschlag für die Architektur des Bauwerks zeigt eine Reihe von vomitoria, die über einen parallel zur Umfassung verlaufenden Umgang erschlossen waren (Beilage 43; 44). Wiederum liegen wie schon beim Amphitheater von Augst-Sichelengraben für den Zugang zum podium eigene vomitoria vor, die bei den Zugangswegen für eine soziale Entflechtung sorgten. Da die Westhälfte der cavea auf die Breite des podiums reduziert war, entstand im Norden und Süden des Sitzstufenbereichs eine gegen Westen orientierte Fassade, die mit grösster Wahrscheinlichkeit als Blendbogenarchitektur ausgestaltet gewesen ist (Beilage 44).

Eine Untersuchung der Chronologie der beiden Bauten liefert trotz der wenigen gut stratifizierten und zeitlich eng eingrenzbaren Funde den Hinweis, dass sich die beiden Amphitheater in ihrer Baugeschichte abgelöst haben dürften. Vermutlich erfolgte der Neubau des Amphitheaters von Augst-Sichelengraben um 170 n. Chr. sogar ein paar Jahre vor dem Abbruch des älteren Monuments von Augst-Neun Türme, wodurch sich ein Zeitraum, in dem die Stadt ohne Theaterbau auskommen musste, vermeiden liess (S. 162 ff.). Die Aufgabe des Bauwerks erfolgte rund 100 Jahre später um 270/280 n. Chr., wobei das Monument vermutlich als Baumateriallieferant für die Befestigung von Augst-Kastelen gedient hat (S. 165).

Die Bauzeit des älteren Amphitheaters von Augst-Neun Türme lässt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit in den Zeitraum um 110 n. Chr. datieren, was im Vergleich mit den übrigen Bauten auf Schweizer Boden, aber auch mit Amphitheatern in Germanien und der Gallia Belgica auf einen bemerkenswert einheitlichen Zeithorizont hinweist (S. 165 f. Abb. 163; 164). Die auffällige Konzentration von trajanisch datierenden Amphitheatern in diesem geographischen Raum wird versuchsweise mit den auf die Eroberung Dakiens folgenden Siegesfeiern Trajans in den Jahren 107-110 n. Chr. in Verbindung gebracht. Die Hypothese geht davon aus, dass die Präsenz Trajans als Statthalter und militärischer Oberbefehlshaber in Germanien unmittelbar vor seiner Erhebung zum princeps zu einer gewissen Verbundenheit mit dieser Gegend geführt haben könnte und dass dies den Anlass gab, zu Ehren des Dakersiegs Spiele abzuhalten, für die zuerst die notwendigen Bauwerke errichtet werden mussten (S. 169). Unterstützen lässt sich diese Hypothese durch die wahrscheinliche Dedikationsinschrift des Amphitheaters von Iulia Equestris/Nyon, die ins Jahr 111 n. Chr. datiert. Für den Umbau des Amphitheaters von Augst-Neun Türme lässt sich aufgrund des Malereidekors ein Zeitansatz um 130/140 n. Chr. ermitteln (S. 165; Beitrag Frésard/Fuchs [Band 43/2]).

Der urbanistische Kontext zeigt, dass beide Amphitheater nicht als unabhängige Vergnügungsbauten zu betrachten sind, sondern in engem Zusammenhang mit benachbarten Heiligtümern stehen (S. 171 ff. Abb. 165; 166). Während das Amphitheater von Augst-Neun Türme als axial angegliederter Annex zum bedeutenden Monumentalkomplex von Augst-Schönbühl entstand, bildete dasjenige von Augst-Sichelengraben ein zusätzliches Element in der grossen Sakralzone am Südwestrand der Stadt. Die Lage in der Geländesenke des Sichelengrabens gab dem Bauwerk zudem eine wichtige städtebauliche Bedeutung, indem es aufgrund seiner Architektur als Scharnier zwischen den bis dahin voneinander separierten Sakralzonen von Augst-Grienmatt und Augst-Sichelen fungierte (S. 174 Abb. 166,6).

Aufgrund von Vergleichen lassen sich die Baukosten für die beiden Augster Amphitheater vermutlich mit etwa 400'000 bis 500'000 Sesterzen (HS) pro Bauwerk beziffern, wobei die Finanzierung wohl auf euergetischem Weg, sei es durch einzelne Stifter oder wahrscheinlicher durch kleine Gruppen von Wohltätern, erfolgte (S. 191 ff.).

Im Exkurs über den Architekturkomplex von Augst-Schönbühl wird das architektonische Verhältnis zwischen dem Sakralkomplex auf dem Schönbühl und den gegenüber liegenden Theaterbauten genauer untersucht (S. 175 ff.). Alle drei sich chronologisch ablösenden Theaterbauten entsprachen gallo-römischen Bautypen und besassen zum Tempel hin eine tendenziell offene Architektur. Die physische Verbindung zwischen Theater und Tempel erfolgte über eine fast 20 m breite Monumentaltreppe, die den Abhang hinauf zum Heiligtum führte. Wie die Wahl der Baumaterialien zeigt, bildete der zum Teil mit importierten Marmi gebaute Tempel mit seiner umgebenden Portikus das Zentrum des Sakralbezirks, während die ausschliesslich aus lokalen Bausteinen errichteten Theaterbauten als Annex zum Heiligtum zu betrachten sind (S. 176 f. Abb. 168-170). Überlegungen zur Bedeutung des Monumentalkomplexes weisen am ehesten in Richtung Kaiserkult, möglicherweise unter Einbezug der gesamten civitas (S. 177 ff.), während für den Forumtempel von Augst ein Kult für Jupiter Optimus Maximus wahrscheinlich ist (S. 185 ff. Abb. 171-174).



Funktionalität

Im dritten Teil des Werks wird versucht, zunächst die bei den Augster Amphitheatern beobachteten baulichen Elemente in einen allgemeinen Kontext zu stellen und auf ihre funktionalen Aspekte hin zu beurteilen (S. 197 ff.). In einem zweiten Schritt erfolgt dann eine Loslösung von Augst, und die Frage der Funktionalität wird am Beispiel von Bauten aus dem gesamten römischen Imperium diskutiert (S. 239 ff.). Der Begriff der Funktionalität wird dabei über das rein Architektonische hinaus ausgeweitet und auch auf politische und religiöse Aspekte bezogen.

Die Überlegungen beginnen mit der wichtigsten Zone eines jeden Amphitheaters, der arena, deren Form optimal an die geforderten Nutzungsansprüche angepasst war. Die ovale Form ermöglichte die Entwicklung von einer gewissen Bewegungsdynamik und bot gleichzeitig optimale Sichtbedingungen für das Publikum auf den Sitzrängen (S. 198 f. Abb. 177-181). Der Sandboden bildete einen geeigneten Gehbelag für Mensch und Tier und liess sich auf einfachste Weise wieder instandstellen, wenn für die Veranstaltungen benötigte Installationen auf- und abgebaut werden mussten (S. 200 ff. Abb. 182-184; Beitrag Rentzel [Band 43/2]). Ein genaueres Studium der an die arena anschliessenden Annex-Bauten, im Allgemeinen als «carceres» bezeichnet, zeigt, dass es sich dabei um hochgradig multifunktionale Zonen eines Amphitheaters gehandelt hat, die nie ausschliesslich für einen einzelnen Zweck verwendet worden sind (S. 202 ff. Abb. 185-195). Je nach Zeitpunkt im Programmablauf eines munus befanden sich unterschiedliche Akteure in den «carceres». In Verbindung mit den munera dienten sie den Gladiatoren und ihren Helfern (ministri) als Aufenthaltsort vor dem Kampfauftritt (S. 203; 214), in Zusammenhang mit venationes konnte man von hier Tiere in die arena entlassen, die vorgängig in Käfigen (caveae) im «carcer» deponiert worden waren (S. 204; 214); zudem konnten von wilden Tieren verfolgte venatores und anderes Personal in den Räumen Zuflucht suchen und Tierkämpfer von dort aus überraschend in die arena stürmen, um dem Jagdspiel eine neue Wendung zu geben. Einzelne Amphitheater, so beispielsweise diejenigen von Maktar/Tunesien und Lepcis Magna/Libyen, besassen zudem speziell für die kurzfristige Haltung von Tieren eingerichtete Räume oder Käfigboxen mit vertikal laufenden Schiebetüren als Verbindung zur arena (S. 215 Abb. 217-220). Viele der «carceres» waren mit zwei oder sogar drei Verbindungstüren zur arena ausgestattet, um optimale Nutzungsmöglichkeiten zu bieten, die auch einen gleichzeitigen, «choreographierten» Auftritt mehrerer Personen zuliessen (S. 206 ff. Abb. 189-196). Verbindungstreppen zwischen den «carceres» und dem podium, manchmal auch direkt zwischen der arena und dem podium, erlaubten in den meisten Fällen eine direkte Kommunikation zwischen Kampfplatz und pulpitum (S. 209 f. Abb. 198-200). Dadurch konnte der siegreiche Gladiator rasch auf die Tribüne gelangen, um seinen Preis in Empfang zu nehmen, oder ein Bediensteter des editors konnte das Preisgeld in die arena hinunter bringen (S. 210 Abb. 294). Grundsätzlich lässt sich an der Architektur ein Bestreben ablesen, die Verbindungswege zur und um die arena möglichst optimal anzulegen, damit ein hoher Grad an Kommunikation gewährleistet war. Ein wichtiges bauliches Element bildeten in diesem Zusammenhang unmittelbar hinter der Podiumsmauer angelegte Arenaumgänge (S. 210 ff.), radial von der Peripherie zur arena führende Servicegänge (S. 208 f. Abb. 197) sowie seitlich der Arena-Hauptzugänge gelegene Bedienungsgänge (S. 212 ff. Abb. 201-214). Letztere ermöglichten zusammen mit entsprechend platzierten portae posticae eine Türdisposition, die zum kontrollierten Hereintreiben von Jagdtieren hervorragend geeignet war (S. 212 f.; 248 f. Abb. 283-285). Überhaupt kam den portae posticae beim Spielablauf vermutlich eine wichtige Bedeutung zu. Wie einzelne Bildquellen zeigen, waren diese zumeist mit Gucklöchern versehenen Pforten innerhalb des Dekors der Podiumsmauern auch speziell ausgezeichnet (S. 214 ff. Abb. 216-223).

Die Beispiele von Cividate Camuno/I und Carnuntum/A belegen zudem, dass bei einigen Amphitheatern in den seitlichen Bedienungsgängen hintereinander gestaffelte Tierboxen eingebaut gewesen sind, die mit horizontal verschiebbaren Balken verschlossen werden konnten (S. 213 f. Abb. 206-213). Aufgrund der Dimensionen und der Ähnlichkeit mit diesbezüglichen Holztunneln bei modernen «Plazas de Toro» ist zu vermuten, dass es sich bei diesen Boxen um Installationen zum Einsperren von Stieren gehandelt hat (S. 213 Abb. 204; 205).

Obwohl solche bei den Augster Amphitheatern nicht vorkommen, wird einer Untersuchung der Untergeschosse ausreichend Platz eingeräumt (S. 219 ff. Abb. 227-269). Die Bauten mit Untergeschossen machen im Gesamtkorpus der bekannten Amphitheater nur einen kleinen Teil aus, bilden aber einen interessanten Kontrast zu den Monumenten, die nicht mit einem derartigen Luxus ausgestattet waren. Qualitätvolle Inszenierungen waren auch ohne Untergeschosse möglich. Ab einer bestimmten Arenagrösse war es aber mit Sicherheit bequemer, einen Teil der Tiere auf dem direktesten Weg ins Zentrum der arena zu transportieren. Der oft zitierte Effekt von unvermittelt aus dem Boden auftauchendem (oder verschwindendem) grossartigem Landschaftsdekor war ein Veranstaltungselement, das nur bei ganz wenigen Bauten in Italien und Südfrankreich, vielleicht in reduziertem Mass noch in Spanien und Nordafrika, überhaupt möglich war (S. 220 Abb. 236; 237). Die hierfür benötigten Installationen waren technisch komplexe Einrichtungen mit hohen Anschaffungskosten und entsprechendem Betriebs- und Unterhaltsaufwand (S. 222 ff. Abb. 244-246; 252-262). Dementsprechend kamen sie nur bei kostspieligen Spitzenveranstaltungen zum Einsatz. Ähnliches galt vermutlich auch für die Aufzugssysteme bei den grossen Bauten von Rom, Pozzuoli und Capua/I. Bei bis zu 100 Austrittsluken, wie sie für das grosse Amphitheater von Capua durch den Baubefund belegt sind, ist es nicht wahrscheinlich, dass sämtliche Öffnungen gleichzeitig benutzt worden sind (S. 221 Abb. 233; 237). Man muss sich sogar fragen, ob überhaupt alle mit Liftsystemen bestückt waren, oder ob nicht viel eher die Aufzüge erst installiert wurden, nachdem die «Choreographie» des munus festgelegt worden war und klar war, welche Austrittsluken für die Veranstaltung benötigt würden.

Auf der Basis der Baubefunde des Amphitheaters von Pozzuoli/I werden für die mögliche Funktionsweise der Lifteinrichtungen neue Hypothesen vorgestellt, die zeigen, dass sich der Betrieb der mehrheitlich für den Tiertransport verwendeten Aufzüge mittels Seilwinden gewährleisten liess (S. 228 ff. Abb. 265-269). Die technischen Systeme der Lifte basierten auf ausgeklügelten Seilzugkonstruktionen, die durch eine spezielle Verschachtelung des Antriebsmechanismus ein Hochschieben der Käfige ermöglichten. Bei diesem Hochfahren wurde gleichzeitig auch der Lukendeckel mit abgehoben, so dass ein Ausfahren des Käfigs jederzeit und ohne vorgängige Vorbereitung in der arena möglich war (S. 230 Abb. 265,12). Ebenso funktionierte auch das Einfahren des Käfigs.

Ebenfalls erhebliche technische Installationen waren für die auf der Längsachse der arena angelegten «Bühnengräben» nötig, die in dieser Form allerdings vorwiegend bei den monumentalen Amphitheatern Italiens zu finden sind (S. 223 Abb. 252-259). Die Hinweise durch die Baubefunde ermöglichten die Erarbeitung von zwei unterschiedlichen Rekonstruktionsvorschlägen, wie sich der Boden öffnen liess, um die Plattformen mit den Dekorelementen in Position bringen zu können. Für das Amphitheatrum Flavium in Rom vermuten wir, in Anlehnung an die Untersuchungen von Heinz-Jürgen Beste, ein System von schräg verlaufenden Rampen, mit deren Hilfe die Plattformen mit dem Arenadekor über die abgekippten hölzernen Schachtabdeckungen geschoben werden konnten (S. 223 f. Abb. 252-254). Beim flavischen Amphitheater von Pozzuoli liegen dagegen Hinweise vor, dass sich die Holzabdeckung des «Bühnengrabens» im Bereich der Längsachse auseinanderschieben liess und die Holzplattformen mit dem darauf befestigten Landschaftsdekor auf vertikalem Weg in die arena gehoben wurden (S. 225 Abb. 255-258).

Ein wesentliches Ausstattungselement vieler Amphitheater bildete das sacellum, ein direkt mit der arena in Verbindung stehendes Heiligtum mit Altären, Götterstatuen und Reliefdarstellungen der verehrten Gottheiten (S. 233 ff. Abb. 270-272). Ganz im Sinne der den Arenabereich prägenden Multifunktionalität waren die sacella keine ausschliesslich dem Kult und Opfer geweihten Kapellen, sondern zumeist eigentliche «carceres», die zusätzlich mit Altären und anderen Einrichtungen zur Ausübung von Kultaktivitäten ausgestattet waren (S. 234 Abb. 270). Verehrt wurden in diesen Arenaheiligtümern oft die Göttinnen Nemesis und Diana, daneben findet sich aber noch eine ganze Reihe weiterer Gottheiten, die von Hercules bis hin zu diversen Unterweltsdämonen reicht (S. 235 Abb. 271). In jedem Fall lassen sich ausschliesslich Kulte von Gottheiten mit deutlich chthonischen Aspekten fassen, wie überhaupt die gesamte arena offenbar eine Zone umfasste, die eng mit der Unterwelt in Verbindung stand (S. 236). In diesem Sinne stellte die arena vermutlich einen Ort dar, der zwischen der Welt der Lebenden und dem Reich der Toten anzusiedeln war, was sich letztlich auch in der Symbolik von porta libitinensis und porta sanavivaria zeigt (S. 266).

Zusammenfassende Kapitel sind den hauptsächlichen Veranstaltungen in der arena, den Gladiatorenkämpfen (munera) und den Tier- und Jagdspielen (venationes), gewidmet. Für die venationes schlagen wir eine Einteilung in sieben Kategorien vor, die von der relativ harmlosen Zurschaustellung von seltenen und exotischen Tieren über mythisch verbrämte Hinrichtungen bis zu veritablen Jagveranstaltungen in natürlich gestaltetem Landschaftsdekor reicht (S. 239 ff. Abb. 281-289). Bei den munera wird in einem kurzen Abriss der Ablauf eines Kampfes skizziert, der von Schiedsrichtern begleitet klaren Regeln folgte, welche beiden Gladiatoren äquivalente Siegeschancen garantierten. Der von Showelementen geprägte Zweikampf kumulierte im Entscheid um die missio (Entlassung) oder iugulatio (Tötung) des unterlegenen Gladiators und zelebrierte ein für die römische Gesellschaft grundlegendes Werteprogramm, das sich in der Demonstration von virtus, exercitatio und disciplina manifestierte (S. 252 Abb. 290; 293).

In Zusammenhang mit der in weiterem Sinne verstandenen Funktionalität wird auch auf die primär politische Bedeutung der Amphitheaterveranstaltungen eingegangen (S. 266 ff.). Was vordergründig als reine Unterhaltungsmaschinerie erscheint, war in Tat und Wahrheit ein potentes Machtinstrument, das durch die Demonstration von römischen Tugend- und Wertvorstellungen und die fortwäherende Zelebration einer Siegesideologie den imperialen Machtanspruch des römischen Volkes und seines Kaisers unterstrich (S. 269). Die arena spiegelte eine römische Welt wider, in der die Feinde Roms unablässig besiegt und getötet wurden, bei demonstrierter virtus jedoch überleben und sogar die Anerkennung der Römer gewinnen konnten (S. 267 ff). Die cavea war dagegen ein Abbild des römischen Volkes, das streng gegliedert nach sozialem Status zusammen mit den Göttern dem Geschehen in der arena beiwohnte (S. 267).

Dieser Ansatz bestätigt sich auch im Malereidekor von der Podiumsmauer des Amphitheaters von Pompeji, der den Inhalt des zweiten Exkurses darstellt (S. 259 ff. Abb. 291-293; Beilage 50). Der bemerkenswerte Freskenzyklus, der heute vollständig verloren und nur durch eine Reihe von Aquarellen bekannt ist, stellte weit mehr als blosse Dekorationsmalerei dar. Die von allen Zuschauern gut sichtbare, zur arena hin orientierte Mauer war zum einen mit illustrativen Tierkampf- und Gladiatorenszenen bemalt, zum anderen aber auch mit sich wiederholenden, auf den ersten Blick eher unprätentiösen Dekorelementen wie Hermen, Victorien und Kandelabern mit Schildbüsten (S. 262 ff. Abb. 293; Beilage 50). Bei genauerem Betrachten zeigt sich jedoch, dass die Malerei primär eine Zelebration des Sieges darstellt, indem alle diese Dekorelemente auch als gängige Motive römischer Siegessymbolik bekannt sind (S. 266). Gleichzeitig beinhaltete aber jedes der Dekorelemente sozusagen als Kehrseite auch eine Anspielung auf den Tod, so dass sich der durch die Arenatore bereits bekannte Antagonismus zwischen Sieg und Niederlage, was in der arena letztlich dem Gegensatz von Leben und Tod entsprach, erneut deutlich abzeichnet.

Die im Anhang beigelegte Untersuchung von Noémie Frésard und Michel Fuchs zu den bemalten Verputzfragmenten der Podiumsmauern der Augster Amphitheater hat ergeben, dass dieser Mauerzug bei beiden Monumenten durch einen speziellen Dekor ausgezeichnet war (Beitrag Frésard/Fuchs [Band 43/2]). Der Rekonstruktionsvorschlag für einen Abschnitt der Podiumsmauer des Amphitheaters von Augst-Neun Türme bildet zudem eines der wenigen Beispiele für die Art und Weise, wie eine derartige Mauer dekoriert gewesen sein konnte. Waren bis anhin Dekore mit Gladiatoren-, Tierkampfszenen und Marmorimitation bereits bekannt, so liefert das Beispiel aus Augst erstmals auch den Nachweis für einen ornamentalen Dekor mit teppichartigem Muster (Tapetenmuster/Netzdekor).

Der zweite Beitrag im Anhang stammt von Philippe Rentzel und fasst die Resultate der geoarchäologischen Untersuchung des zum Amphitheater von Augst-Neun Türme gehörenden Arenabodens zusammen (Beitrag Rentzel [Band 43/2]). Auf der Basis von in Kunstharz getränkten Profilauszügen und daraus angefertigten Dünnschliffen liessen sich Charakter und Zusammensetzung der sandigen Arenasedimente im Detail untersuchen. Die deutlich sichbaren Phosphatausblühungen im Arenasand stammen von eingesickerten Fäkalien und Urin, wie auch Reste von Koprolithen in derselben Schicht von der Präsenz der in der arena verendeten Tiere zeugen. Verschiedene Indizien wie beispielsweise Kompaktionsspuren an der Schichtoberkante weisen auf eine Krustenbildung hin, wie sie für ungeschützte sandig-lehmige Oberflächen im Aussenbereich charakteristisch ist. Umlagerungsspuren in der sandig-kiesigen Arenaschicht belegen zudem, dass wie auch in literarischen Quellen zuweilen erwähnt der Sandboden regelmässig geharkt wurde.


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