Sylvia Fünfschilling (mit Beiträgen von Markus Schaub und Vincent Serneels), Das Quartier «Kurzenbettli» im Süden von Augusta Raurica. Forschungen
in Augst 35, 2006:
Zusammenfassung
Diese Publikation beschäftigt sich mit dem Areal des «Kurzenbettli» (Region 5,C), das im Süden von Augusta Raurica liegt, einer römischen, provinziellen
Koloniestadt im Nordwesten der Schweiz (Kanton Basel-Landschaft). Das Gebiet befindet sich innerhalb der - nie vollendeten - Stadtmauer, weicht aber von der
Ausrichtung der regelmässig angelegten Insulae der Oberstadt ab. Der Bau der Autobahn machte umfangreiche, durch Zeitdruck geprägte Grabungen in den Jahren
1963-1968 nötig. Die Baubefunde wurden vom Ausgräber Helmut Bender im Jahre 1975 als Dissertation vorgelegt, die Funde blieben unpubliziert.
Mit Geldern, die die Archäologische Zentralstelle für den Nationalstrassenbau zur Dokumentation der Grabungen bewilligte, wurden die Daten aller Grabungen, u. a.
des Kurzenbettli 1963-1968, auf der Streckenführung der Autobahn EDV-gerecht zur Weiterbearbeitung aufbereitet. Diesem Projekt entsprangen fünf vom Kanton
Basel-Landschaft finanzierte Auswertungen, wovon die vorliegende eine ist.
Zur Vorlage der Funde aus dem Gebiet des Kurzenbettli wurde eine neuerliche Beschäftigung mit dem Befund unumgänglich. Diese orientiert sich am bereits
publizierten Bericht von 1975.
Die Grabungen umfassen nahezu den gesamten Bereich des Insula-ähnlichen Häuserblocks, mit Ausnahme des nordwestlichen Teils. Die Entwicklung des Areals
gliederte der Ausgräber in elf Perioden. Diese Perioden wurden mit Hilfe einiger Schlüsselkomplexe, die Helmut Bender erwähnte, aber nicht abbildete, datiert.
Helmut Bender hat damals von den Verantwortlichen der Römerstadt kaum Unterstützung für die Fundauswertung erfahren, daher konnte er die Funde nur am Rande
behandeln. Die Datierungen dieser Fundkomplexe konnten die aus dem Baubefund gewonnenen, relativchronologischen Erkenntnisse meist bestätigen.
Der erste Teil der vorliegenden Arbeit versucht anhand der Schichten wichtiger, sich teilweise kreuzender Profile die Gliederung und Datierung dieser Perioden
nachzuvollziehen. Die aus diesen Profilen stammenden, für die zeitliche Einordnung wichtigen Fundkomplexe werden vorgestellt und abgebildet.
Der zweite Teil beleuchtet die Periodeneinteilungen und Interpretationen des Ausgräbers zur Deutung des Gebäudes kritisch. Wiederum bot sich ein Vorgehen an,
das sich an der bestehenden Befundpublikation orientierte, gelegentliche Wiederholungen liessen sich nicht vermeiden. Es wurde jedoch versucht, die
Interpretationen des Ausgräbers von eigenen Kommentaren und Ergänzungen abzugrenzen.
Das Areal des Kurzenbettli war in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts von Töpfereien belegt, die um die Mitte des 1. Jahrhunderts aufgegeben wurden (Perioden I
und II). Nach kurzem Brachliegen wurde das gesamte Areal mit einer stark eisenschlackenhaltigen Schicht bedeckt und einplaniert. Von woher die Schlacken kamen,
ist unklar. Auf dieser vom Ausgräber «Werkstattschicht» genannten Planie werden gegen Ende des 1. Jahrhunderts in rascher Folge mehrere Häuser gebaut. Diese
standen anfänglich nur im südwestlichen und im nordöstlichen Bereich des Areals, die übrigen Flächen blieben unbebaut. Die Flur Kurzenbettli wurde periodisch vom
Rauschenbächlein überschwemmt und Teile des Gebietes scheinen zumindest anfänglich noch recht feucht und damit zum Bauen ungeeignet gewesen zu sein. In
römischer Zeit wurde dieses Bächlein gebändigt, wohl gerade wegen der Bauvorhaben im Südwestquartier. Gegen Ende des 1. Jahrhunderts standen im Westen der
«Insula» zwei Häuser, die unmittelbar benachbart sind. Es dürfte sich dabei um Wohnhäuser handeln, denen möglicherweise Geschäfte angeschlossen waren. Zur
Mansiostrasse hin verliefen Portiken. Wegen späteren Umbauten und Veränderungen ist die innere Unterteilung der Häuser unklar. Das nördliche der beiden Häuser
wird in rascher Folge umgebaut und erweitert (Räume 21-42, 74). Es verfügte u. a. über eine unterkellerte Portikus, die wohl als Lagerraum genutzt wurde. Östlich
dieses Hauses erstreckte sich ein Hof oder Garten (Raum 44). Nördlich dieses Hauses gelegene Mauerreste deuten auf ein weiteres Gebäude hin, das jedoch zeitlich
nicht eingeordnet werden kann.
Der nordöstliche Teil des Kurzenbettli ist damals ebenfalls mit zwei Häusern bebaut worden, von denen das nördliche eindeutig gewerbliche Einrichtungen
beherbergte. Die Gewerbe können nicht näher gedeutet werden, doch spricht die Form des Hauses (Hallenhaus; spätere Räume 68-69) für gewerbliche Nutzung. Eine
Räucherei im Raum 68 ist zeitlich leider nicht einzugrenzen und könnte auch erst viel später eingerichtet worden sein. Westlich des Hallenhauses befinden sich
grössere Hofbereiche, nördlich davon liegen Streifenhäuser. Diese Bebauung entspricht den Perioden III-VI, die sich um das Ende des 1. Jahrhunderts herum rasch
ablösten.
In Periode VII wird das südwestliche Haus abgerissen. An dessen Stelle entsteht in unmittelbarer Nachbarschaft zum nördlich davon gelegenen Gebäude ein
geräumiges Haus (im Bereich der Räume 5-16, 73) mit vorgelagerter Portikus (5a), die gegen Süden ausgerichtet ist, wo sich vielleicht ein Garten befand (Raum 1).
Nach der Mitte des 2. Jahrhunderts wird dieses Haus nach Osten erweitert (Räume 5b, 17-18, 102) und der Hof 44 östlich des Hauses mit der unterkellerten Portikus
34 vom Nordteil der «Insula» durch eine Mauer getrennt (Periode VIII). Durch die Erweiterung entsteht eine weitere unterkellerte Portikus 19. Verschiedene
Umbauten fanden statt, wobei mehrere Räume im Südhaus und ein Raum im Westhaus mit Hypokausten ausgestattet wurden (Räume 10-11, 15-16, 102). In der
nördlichen «Insula»-Hälfte wird westlich neben dem Hof 59 Wohnraum gewonnen (im Bereich des späteren Apsisraumes 55 und benachbarter Räume).
Gegen Ende des 2. Jahrhunderts finden Umbauten statt und der Hof 1 südlich des Südhauses wird ummauert (Periode IX).
Im 3. Jahrhundert werden nur noch im nördlichen Teil der «Insula» Umbauten vorgenommen (Periode X). Die Dreiteilung der «Insula» wird durch den Einbau eines
Apsisraums 55, der die nördliche Hofmauer von Hof 44 durchschlägt, unterbrochen. Der Apsisraum und der vorgelagerte Raum 54 sind hypokaustiert. Im
nordöstlichen Teil der «Insula» wird das südlich des Hallenhauses gelegene Haus abgerissen und durch einen an das Hallenhaus angebauten Hausteil ersetzt, der im
Folgenden mehrfach umgebaut und erweitert wurde (Räume 60-67; Periode XI).
Um die Mitte des 3. Jahrhunderts oder kurz danach dürfte das Areal zerstört oder aufgelassen worden sein, es gibt kaum Funde der zweiten Hälfte des 3.
Jahrhunderts. Einige wenige Fundstücke - vor allem Münzen - des 4. Jahrhunderts müssen bei Begehungen, z. B. bei der Gewinnung von Baumaterial verloren
worden sein.
Die Frage nach der Funktion des Gebäudekomplexes ist nicht leicht zu beantworten. Der Ausgräber Helmut Bender deutete ihn 1975 als mansio. Nun ist einerseits
mit diesem Begriff bereits in der Antike Unterschiedlichstes verknüpft, andererseits gibt es für mansiones keine verbindlichen «Standard»-Grundrisse. Von den in der
Literatur als Vergleichsbeispielen genannten mansiones ist keine einzige sicher als solche identifiziert. Die Deutung als mansio beruht u. a. auf den grossen Höfen,
die im Osten und Süden der Anlage liegen, sowie auf der Annahme, dass es sich bei dem Gebäudekomplex um eine Einheit handelt. Da die Höfe zu wenig untersucht
sind, es sich vielleicht auch um Gärten mit angeschlossenen Höfen handelt und keine Gebäudeeinheit vorliegt, können für die Deutung als mansio keine positiven
Argumente dargelegt werden. Die vom Ausgräber zusammengefassten Wohneinheiten und «Appartements», die auf ein «gut ausgestattetes Rasthaus» hinweisen,
sind als solche nicht zu belegen. Unter den Funden konnten z. B. keine erhöhten Anteile von Pferdegeschirr oder Wagenteilen ausgemacht werden, wie es in einem
von Zugtieren frequentierten Hof eigentlich zu erwarten gewesen wäre (allerdings wurden die Höfe nur kursorisch untersucht). Der Nordteil des Gevierts ist während
der gesamten Besiedlungsdauer von Wohn- und Gewerbebauten bebaut gewesen.
Das Kurzenbettli ist ein sukzessiv gewachsenes Quartier, in dem Menschen gewohnt, gearbeitet und Handel getrieben haben.
Die von Markus Schaub vorgestellten Überlegungen und Darstellungen zur baulichen Rekonstruktion des Quartiers lassen die dritte Dimension erfahren.
Ein weiterer Teil der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich mit den Funden der Grabungen im Kurzenbettli. Zahlreiche Objekte sind in Augster Monografien bereits
behandelt und beschrieben worden, z. B. die Gläser, der Schmuck etc.
Es galt nun, die einzelnen Fundgattungen nach Perioden getrennt zu untersuchen und die noch unpublizierten Stücke vorzulegen. Die bereits publizierten
Fundgattungen wurden deshalb nur zusammenfassend, auf das Areal Kurzenbettli bezogen, besprochen.
Neben der bei den Fundkomplexen abgebildeten Keramik wurden einzelne Gattungen wie z. B. Arretina vollständig vorgelegt, aber auch Teile der Reliefsigillata,
verschiedene bisher in Augst wenig beachtete Gruppen oder Sonderfälle. So wurden z. B. die zahlreichen Gefässe, die mit Goldglimmerüberzug versehen sind,
formal zusammengestellt. Diese sind optisch auf Tafeln nicht von der übrigen Keramik abzusetzen. Es handelt sich dabei um Nachahmungen von Metallgefässen
sowie um Geschirr, dem ein wertvolleres - metallenes - Erscheinungsbild gegeben werden sollte. Die Kleinfunde wurden, unabhängig von ihrem Werkstoff, nach
funktionalen Aspekten wie Beleuchtung, Möbel, Pferdegeschirr und Militaria etc. zusammengestellt. Verbreitungspläne auf der Grundlage der Periodeneinteilung
wurden erstellt.
Die Funde des 1. Jahrhunderts sind am häufigsten, das 2. Jahrhundert ist seltener, das 3. Jahrhundert spärlich vertreten. Dies hat u. a. mit der damaligen
Grabungstechnik zu tun, bei der die obersten Schichten nur kursorisch und zum Teil maschinell abgetragen worden sind, aber auch mit Überschwemmungen, die das
Gebiet des Kurzenbettli regelmässig heimsuchten und späte Schichten fortschwemmten. Erschwerend für die Interpretation war zudem die in römischer Zeit intensive
Bautätigkeit. Die Funde stammen hauptsächlich aus Planien.
Neben den römischen Funden werden auch wenige vorrömische sowie nachrömische Objekte vorgestellt.
Die Funktion des Gebäudekomplexes konnte als Gewerbe- und Wohnraum bestimmt werden, die Kleinfunde und die Keramik konnten diese Deutung nicht
präzisieren.