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Silberschatz - Silver treasure - Trésor d'argenterie
 
 
VERSTECKT - VERGESSEN - WIEDERENTDECKT

Das Schicksal des weltweit bedeutendsten spätantiken Silberschatzes könnte spannender nicht sein!
In römischer Zeit war das kostbare Silber von Offizieren über lange Jahre hinweg gehortet worden. Zusammengetragen aus kaiserlichen Geschenken und aus Erbschaften, stellte der Schatz ein beträchtliches Sparkapital dar. Doch in einem Moment grosser Gefahr, vor dem Überfall der Alamannen auf das Kastell in Kaiseraugst, musste das wertvolle Gut in höchster Eile innerhalb der Kastellmauer vergraben werden. Vermutlich kamen die Besitzer danach ums Leben, der Schatz geriet in Vergessenheit. Bis ihn an einem kalten Wintertag im Jahre 1961 ein Bagger aus seinem Dornröschenschlaf riss und eine abenteuerliche Entdeckungsgeschichte begann.
 

 
Die Entdeckung

Im Dezember 1961 planiert ein Bagger das Areal neben dem Schulhaus in Kaiseraugst. Dabei reisst die Schaufel unbemerkt den Schatz aus dem Boden: Ein Teil landet auf dem Feld, ein Teil auf einem Erdhaufen.

Abbildung: Diese Schüssel ist von der Baumaschine bei der unabsichtlichen Bergung in mehrere Stücke zerfetzt worden. Ineinander verschlungene Füllmotive, wie auf dem Mittelmedaillon, waren in der Spätantike beliebte Dekorationselemente.
Durchmesser 42,8 cm;
Gewicht (ohne Restaurierungen): 1570 g.


 
Erst zwei Monate später werden die Archäologen an den Ort gerufen. Bei dieser ersten Begehung bringt die Wirtin des nahegelegenen Restaurants den beiden Fachleuten fünf Platten mit der Frage, ob sie damit etwas anfangen könnten. Bei einer Familie, die beim Sammeln beobachtet worden ist, wird eine weitere Platte gefunden, und ein letztes Stück lässt sich aus der Abfallgrube des Schulhauses retten.

Abbildung: Marie Schmid-Leuenberger, die gleich neben dem Schulplatz wohnte, präsentiert mehrere Platten, die sie aus der Abräumhalde eingesammelt hatte.
 
Schon bald wird klar, dass ein Teil des Schatzes fehlt. Das Gewicht des Baggers hatte einige der Gefässe auf andere, tieferliegende Objekte gepresst, wo sie Abdrücke der Standringe und Kanten hinterlassen hatten.
Im Jahr 1995 wurden 18 weitere Silbergefässe aus einer anonymen Erbschaft den Behörden des Kantons Aargau übergeben. Die Stücke gehören eindeutig zum Schatz, da sich unter ihnen Fragmente der nur in Bruchstücken gefundenen Objekte von 1962 befanden. Das Gefäss, das seinen Abdruck auf der Achillesplatte hinterlassen hat, fehlt aber bis heute: Der Schatz ist noch immer nicht vollständig.

Abbildung: Der Silberschatz von Kaiseraugst vereint 270 Objekte aus reinem Silber und wiegt insgesamt 58 Kilo.
 

 
Die Restaurierungen

Die Art und Weise einer Restaurierung ist immer ein Zeitdokument. Beim ersten Teil des Silberschatzes standen noch die Bemühungen im Vordergrund, die kostbaren Gefässe in ihrem einstigen Glanz der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die einzelnen Stücke wurden gereinigt und - wo nötig - zurückgeformt. Dreissig Jahre später stellte sich bei den Objekten, die erst 1995 an die Öffentlichkeit zurückgegangen waren, die Frage, wie sie restauriert werden sollten. Denn heute steht nicht mehr das Bestreben im Vordergrund, die Stücke "fabrikneu" zu präsentieren. Vielmehr trägt man der Geschichte der Objekte Rechnung. Für das Kaiseraugster Silber heisst das konkret: Die Stücke sind in römischer Zeit in Heu eingepackt und vergraben worden; und sie sind im 20. Jahrhundert von einer Baumaschine aus der Erde gerissen worden. Um diese "Lebensphasen" zu zeigen, hat eine eigens dafür eingesetzte Restaurierungskommission beschlossen, die Stücke des zweiten Teils in erster Linie vor einem weiteren Verfall zu bewahren, nicht aber in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Das Resultat ist ein Ensemble, das aus den auf Hochglanz gebrachten Stücken des ersten Teils besteht und einen unmittelbaren Eindruck des spätantiken Prunkes vermittelt. Der zweite Teil dokumentiert durch die Spuren des Heupolsters die Sorgfalt, mit der der Schatz einst vergraben worden ist, aber auch die unsanfte Art, mit der die Objekte durch den Bagger wieder ans Tageslicht befördert worden sind.

Abbildungen
Oben: In den 60er Jahren restauriert und möglichst nah wieder an ihren Originalzustand zurückgeformt: Die Meerstadtplatte.
Durchmesser: 59 cm; Gewicht: 4749 g. Teilweise vergoldet und nielliert.

Unten: In den 90er Jahren entschloss man sich für eine Konservierung, nicht aber für eine Restaurierung der Objekte. Die Constansplatte zeigt denn auch überdeutliche Spuren der Baumaschine.
Durchmesser: 55,8 cm; Gewicht: 3976,9 g.








 

 
Die Ausstellungen
Der erste Teil des Silberschatzes, derjenige, der 1961/62 von den Archäologen eingesammelt worden war, konnte 1964 in einer eigens dafür eingebauten Schatzkammer im Römermuseum der Öffentlichkeit präsentiert werden. 1984 fand im Historischen Museum in Basel eine grosse Sonderausstellung statt. 1997 wurde der zweite Teil noch in unkonserviertem Zustand im Aargauer Kunsthaus ausgestellt. Im Anschluss daran wurden die neuen Stücke konserviert und erforscht. Daraus resultiert eine neue, differenzierte Interpretation des Ensembles. Die einzigartige Bedeutung des Schatzes tritt nun noch deutlicher zu Tage.

Ziel der Ausstellung ist es, diese wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Silberschatz zu vermitteln. Nicht nur können die Stücke zum ersten Mal seit ihrer Vergrabung vor 1650 Jahren wieder gemeinsam präsentiert werden. Die prächtigen Schalen und Schüsseln, die kunstvollen Tischgeräte, aber auch die prägefrischen Münzen und Medaillons erhellen auf einzigartige Weise eine turbulente Zeit des Umbruchs am Übergang von der Spätantike ins Frühmittelalter. Wir befinden uns nicht nur in der glücklichen Lage, den grössten Silberschatz der Spätantike an seinem Fundort bewundern zu können. In Kombination mit überlieferten historischen Ereignissen geben die Silberbarren durch ihre Stempel Aufschluss über den Zeitpunkt der Vergrabung des Schatzes. Eingeritzte Inschriften auf einzelnen Objekten lassen die Karriere eines Offiziers der römischen Armee erahnen, Abdrücke von Gräsern erzählen etwas über die Vegetation jener Zeit und Inschriften erlauben eine genaue Datierung des Schenkungsanlasses. Zusammengefasst lässt sich heute mit Sicherheit feststellen, dass der Schatz nicht nur das luxuriöse Tafelgeschirr eines römischen Offiziers gewesen sein kann, sondern dass es sich vielmehr um den über die Jahre gesammelten Reichtum römischer Armeeangehöriger gehandelt hat.
 

 
Die Bilderwelt der spätantiken Aristokratie im Kaiseraugster Silberschatz
 
Achillesplatte (Mittelmedaillon)

Die Reliefbilder der Achillesplatte zeigen die Jugend des griechischen Helden vor seiner Teilnahme am trojanischen Krieg. Der heldenhafte jugendliche Achill entspricht - ebenso wie Alexander der Grosse - dem Ideal der aristokratischen Lebensauffassung von Schönheit und Tugend.

Mittelmedaillon der Achillesplatte: Der listige Odysseus (2.v.r.) überrascht den griechischen Helden Achill (2.v.l.), der sich als Mädchen verkleidet hat, um nicht am trojanischen Krieg teilnehmen zu müssen.
Durchmesser der Platte: 53 cm; Gewicht: 4642 g.
 
MEERSTADTPLATTE (MITTELMEDAILLON)

Das Motiv einer Villa am Meer ist in der Spätantike ein Sinnbild für ein glückliches unbeschwertes Leben - und das in Zeiten schwerster Krisen. Wohl aus diesem Grund spielt dieses Thema in der Selbstdarstellung der aristokratischen Elite eine wichtige Rolle.

Durchmesser der Platte: 59 cm; Gewicht: 4749 g.
Teilweise vergoldet und nielliert.
 
Constansplatte: Mittelmedaillon (oben);
Portraitköpfchen (unten).

Ein Geschenk des Kaisers: Die Inschrift um das Mittelmedaillon besagt, dass die Platte anlässlich des 10-jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers Constans im Jahre 342/343 vergeben worden ist. Die Platte mit ihrem prächtigen Mittelmedaillon zeugt also nicht nur vom handwerklichen Können jener Zeit, sondern ist auch eine wertvolle Quelle für historische Informationen. Das Bildnis eines Jünglings auf dem Gefässrand kann als Abbild der "Jeunesse dorée" der Spätantike betrachtet werden.

Durchmesser der gesamten Platte: 55,8 cm;
Gewicht: 3976,9 g.

 

 
Der Silberschatz-Rundgang "Verschenkt - Vergraben - Vergessen"

Der Silberschatz nach der Schneeschmelze im Januar 1962 (inszenierte Fundlage)

 
Bildbestellungen (Papier oder digital) [PDF; 1 MB]
 

 
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