Parallel zu den Restaurierungsarbeiten erfolgt eine umfassende Erforschung der sich überlagernden Theaterbauten. Mittels kleiner, gezielter Sondiergrabungen und
einer konsequenten zeichnerischen und fotografischen Dokumentation der gesamten, heute noch erhaltenen antiken Baustrukturen soll die Baugeschichte der
Monumente untersucht werden. In einer ersten Etappe, die begleitend zur Sanierung erfolgt, stehen die umfangreichen Dokumentationsarbeiten im Vordergrund.
Nach Abschluss der Bauarbeiten ist in einer zweiten Etappe eine Aufarbeitung und Publikation der vielfältigen Befunde vorgesehen. Baudetails und Reparaturen am jüngeren szenischen Theater Erste Auswertungsansätze machen bereits deutlich, dass die Baugeschichte der Augster Theater, im Speziellen diejenige des Jüngeren Szenischen Theaters (3.
Bauperiode), sehr komplex ist. Mancherorts, vor allem in den Fundamentpartien, wurden nicht vollständig abgebrochene Mauerteile der älteren Bauten in die
Bausubstanz des nachfolgenden Theaterbaus integriert. In anderen Fällen haben die römischen Baumeister die älteren Mauerzüge lediglich bis knapp unter das
geplante Gehniveau abgebrochen und die Mauern des nachfolgenden Baus direkt auf diese Abbruchkrone gestellt. Dabei kam es stellenweise zu baustatisch
zweifelhaften Lösungen, wie eine Situation in Keil 4 demonstriert. Hier hat man einen massiven Stützpfeiler des jüngeren Szenischen Theaters auf die im Verhältnis
schwache Umfassungsmauer des Älteren Szenischen Theaters (1. Bauperiode) abgestellt. Die Peripheriemauer ist bereits zur Zeit des Älteren Szenischen Theaters
durch eine nachträglich angebaute Stützmauer (rechts im Bild) verstärkt worden. Bei der Kraftableitung innerhalb des erwähnten Stützpfeilers wirkten dadurch
unterschiedliche Druckverhältnisse, was zu Rissbildungen und sogar zu Absenkungen führen konnte. An verschiedenen Stellen des Mauerwerks des Jüngeren Szenischen Theaters finden sich Hinweise auf eine, evtl. sogar mehrere antike Reparaturphasen. Eine
solche Reparatur liess sich im südlichen aditus maximus besonders deutlich fassen. Grosse Teile der westlichen Mauerschale wurden zu einem bis jetzt nicht genauer
bekannten Zeitpunkt ersetzt. Die Reparatur griff ca. 60 cm tief ins Kernmauerwerk der Bühnenmauer ein und muss sich einst über mehrere Meter Höhe erstreckt
haben! Die antik ersetzte Vormauerung setzte sich vom älteren Mauerkörper durch einen mehrere Zentimeter breiten, tief hinabreichenden Spalt ab und unterschied
sich auch im Mörtel deutlich von den älteren Bereichen. Während für die ursprünglichen Partien der Mauer ein gelblich-beiger Kalkmörtel Verwendung fand, bestand
die ersetzte Mauerschale durchwegs aus einem kompakten, deutlich rot gefärbten Ziegelschrotmörtel. Auf der Höhe von 286,40 m ü.M. wies die reparierte
Vormauerung Reste eines zweilagigen Ziegelbands auf, das sich ursprünglich wohl über die Breite der gesamten Flickstelle zog. Die Architektur der nördlichen Eingangshalle des jüngeren szenischen Theaters - ein Rekonstruktionsversuch In der Nordwest-Ecke des Theaters befand sich in antiker Zeit eine monumentale, von einem Tonnengewölbe überspannte Eingangshalle. Diese Halle ist bereits in
antiker Zeit, um die Mitte des 3. Jh. n.Chr., eingestürzt, so dass heute nur noch die massiven Fundamente aus Buntsandsteinquadern erhalten geblieben sind. Die
Spuren auf den Steinblöcken liefern allerdings zahlreiche Hinweise zur Rekonstruktion des Eingangs. Auf den Sandsteinfundamenten fanden sich unter anderem
deutlich eingemeisselte Linien. Es handelt sich dabei um Baurisse, mittels denen die römischen Bauleute den Grundriss der Konstruktion auf den Fundamenten
markiert haben. Erkennbar ist ein System von zwei Reihen vorspringender Pfeiler, sogenannter «Gurtpfeiler», auf denen massive Sandsteinbögen ruhten (1). Die Bögen bildeten
zusammen mit den Pfeilern stabile Rippen, die ein grosses Tonnengewölbe (2) zu tragen hatten, das den Bereich des modernen Besucherkiosks in Längsrichtung
überspannte. Der Druck und das Gewicht, die auf diese Gurtpfeiler wirkten, wurden durch eine Serie von mächtigen Strebepfeilern (3), die im Westen an die
Sandsteinfundamente anschlossen, in den Boden abgeleitet. Nebst der statischen Funktion dienten diese Strebepfeiler auch zur Gliederung der westlichen Theaterfassade. Zwischen ihnen führten drei überwölbte Durchgänge (4)
in die von dem grossen Tonnengewölbe überspannte Eingangshalle. Die Bögen dieser Durchgänge bestanden aus je elf bis dreizehn gewaltigen, rund 2 Tonnen
schweren Sandsteinquadern von 2,30 m Länge.
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Das römische Theater von Augst - Archäologie und Bauforschung

Jüngeres Szenisches Theater. Peripherie in Keil 4 mit den in Jahren 1946/47 zum Teil rekonstruierten Stützpfeilern.
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Die in den Sondagen angetroffenen Baubefunde zeigen, dass das jüngste Theater
vielerorts auf den Überresten älterer Bauten aufsitzt. Ausserdem bezeugen
verschiedentlich angetroffene Baufugen, dass das Jüngere Szenische Theater
bereits in antiker Zeit mindestens eine umfassende Reparaturphase erlebt hat.
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Aufgrund von Risslinien, die von den antiken Handwerkern auf den Fundamenten
eingemeisselt worden sind, lässt sich eine ehemals in der Nordwest-Ecke des
jüngsten Theaters gelegene Eingangshalle rekonstruieren, die von einem
monumentalen Tonnengewölbe überspannt war.

Von den römischen Bauhandwerkern auf den Fundamenten eingeritzte Risslinien, welche die Form und Position der «Gurtpfeiler» markieren
Der Abwasserkanal im Vorfeld des Augster Theaters
| - | Ein im Bereich der Westfront des Theaters verlaufender Abwasserkanal zeigt in seinem Baubefund mehrere Phasen. Sein Ursprung reicht bis in die Bauzeit des Amphitheaters zurück. |
Der längste bekannte Abwasserkanal von Augusta Raurica verläuft schräg durch den Bühnenbereich des Theaters und ist auf einer Länge von ca. 130 m heute noch begehbar. Wie die jüngsten Untersuchungen zeigen, muss der Kanal bereits zur Zeit des Amphitheaters (2. Bauperiode) zur Ableitung des anfallenden Meteorwassers angelegt worden sein.
Aufgrund seiner beachtlichen Dimensionen (Querschnitt rund 0,90 x 1,40 m) scheinen allerdings bereits von Anfang an weiter im Süden liegende Gebäude (evtl. die so genannten Frauenthermen und das Südforum) an dieses Kanalisationsnetz angeschlossen gewesen zu sein. Wie die Baubefunde an den Wangenmauern und der Kanalüberwölbung vermuten lassen, war der Kanal zur Benutzungszeit des Amphitheaters im Abschnitt der Arena mit einer flachen Abdeckung (aus Sandsteinplatten oder Holz) versehen, während er im Bereich nördlich der Arena ein Gewölbe aus in Mörtel gesetzten Sandsteinplatten aufwies. Die mächtigen Buntsandsteinquader des Kanalbodens dienten gleichzeitig als Fundament für die aus Kalkstein und Mörtel aufgemauerten Wangenmauern.
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| Nördlicher Abschnitt (Bereich ausserhalb der Arena) des Abwasserkanals mit Gewölbe aus plattigen Sandsteinschroppen. Ältester Teil aus der Zeit des Amphitheaters. |
Mit dem Bau des jüngeren szenischen Theaters (3. Bauperiode) erfolgte auch ein Umbau des Abwasserkanals. Der flach eingedeckte Abschnitt im Bereich der ehemaligen Arena wurde nun ebenfalls mit einem Gewölbe versehen, das aber im Gegensatz zum älteren Gewölbeabschnitt aus Kalkgussmauerwerk bestand. Der Kalkmörtel wurde dabei auf eine hölzerne Gewölbeschalung gegossen, so dass sich die Negativabdrücke der Schalungsbretter bis in heutige Zeit deutlich erhalten haben.
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| Zentraler Abschnitt des Abwasserkanals. Die auf eine Bretterschalung gegossene Überwölbung aus Kalkmörtel und Kalkbruchsteinen stammt aus der Zeit des jüngeren szenischen Theaters |
Eine letzte Umbauphase, die in die Benutzungszeit des zweiten szenischen Theaters (3. Bauperiode) fällt, betrifft lediglich einen Kanalabschnitt im Südaditus. Aus bis jetzt noch unbekannten Gründen wurde die direkte, unter der westlichen Aditusmauer verlaufende Linienführung aufgegeben. Statt dessen errichtete man einen «Umleitungskanal» aus gewaltigen, bis 2,5 m langen Sandsteinquadern, der in der Mittelachse des Südaditus verläuft und im Bereich der Orchestra in einem sanften Bogen in den älteren Kanalabschnitt mündete.
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| Kanalabschnitt im Südaditus. Baufuge zwischen dem älteren Kanalabschnitt aus Kalkstein-Handquadern und dem jüngeren «Umleitungskanal» aus grossen Buntsandsteinquadern |
Der Abwasserkanal ist aus Sicherheitsgründen für Besucherinnen und Besucher nicht zugänglich.
Die Bauhorizonte des jüngeren szenischen Theaters - Spuren einer antiken Grossbaustelle
| - | Die teilweise freigelegten Überreste der Bauhorizonte des zweiten szenischen Theaters werfen ein Streiflicht auf die Bauplatzinstallation eines mittelkaiserzeitlichen Grossbauprojektes in der römischen Provinz. Mit Hilfe der Stratigraphie (Schichtenabfolge) lassen sich gängige Bautätigkeiten wie Steinbearbeitung, Schmieden, Steinsägen und Mörtelmischen in Relation zum Baufortschritt am Monument setzen. |
Bei Sondiergrabungen im Jahre 1994 konnten innerhalb der Arena des Amphitheaters (2. Bauperiode) Teile des antiken Bauplatzes des Jüngeren Szenischen
Theaters (3. Bauperiode) freigelegt werden. Bei den gefassten Strukturen handelt es sich primär um eine 50-60 cm mächtige Abfolge von verschiedenen
Bauhorizonten, die parallel mit der Errichtung des Theaters abgelagert worden sind. Vorgängig zur Einrichtung des Bauplatzes erfolgte allerdings ein Teilabbruch des
Amphitheaters. Zwar blieb die ehemals zur Begrenzung der Arena errichtete Podiumsmauer in neuer Funktion als Hangstützmauer bestehen, der sogenannte
Westcarcer wurde hingegen fast vollständig abgebrochen, wohl um eine Zufahrtsrampe zum Bauplatz zu schaffen. Aus dem Abbruchschutt des Carcers konnte u.a.
eine Emailfibel aus dem 2. Jahrhundert geborgen werden. Die Ausgestaltung als Amphore stellt eine Besonderheit dar.
Die ersten Ablagerungen, die mit einer Bautätigkeit am Jüngeren Szenischen Theater in Verbindung zu bringen sind, befinden sich über dem erwähnten Abbruchschutt
des Amphitheaters. Es handelt sich zunächst um ausgedehnte Niveaus von Buntsandsteinsplittern. Zweifellos sind dies die Abfälle, die beim Zurichten der massiven
Sandsteinfundamente des Theaters angefallen sind. Erst nach dem Versetzen der Quaderfundamente im Norden und Süden erfolgte der Aufbau der
Umfassungsmauern des Theaters aus kleinen Kalksteinquäderchen und Kalkmörtel. Diese «Hauptbauphase» manifestiert sich in den Bauhorizonten sehr deutlich.
Zum Einen liessen sich verschiedene, lagig aufgebaute Mörtelmischplätze fassen, zum Anderen Spuren von Schmiedeeinrichtungen, die vor allem zum Nachschärfen
und Härten des beim Zurichten der Kalksteinquäderchen benötigten Steinhauerwerkzeugs im Einsatz standen. Vereinzelt angetroffene Pfostenlöcher und
Balkengräben zeigen, dass diese Einrichtungen teilweise in Hütten lagen oder mit Dachkonstruktionen überdeckt gewesen sind, um Schutz vor der Witterung zu
bieten. Der grösste, stellenweise bis 20 cm mächtige Mörtelmischplatz wurde von einem aus Kalksteinen gefügten Kanälchen durchschnitten, dessen
Verwendungszweck noch unklar ist; möglicherweise handelt es sich um eine Drainage zum Abführen des überschüssigen «Anmachwassers». Bemerkenswert sind auch die auf Schmiedetätigkeit hinweisenden Überreste. Nebst den üblichen Eisenschlackenvorkommen belegen beim Schmieden weggespickte
Eisenflitterchen (sogenannter «Hammerschlag») und Lehmbruchstücke einer ausplanierten Schmiede-Esse, dass die Bau-Schmiede in unmittelbarer Nähe gelegen
haben muss. Interessant ist in diesem Zusammenhang der Fund mehrerer Düsenziegel. Es handelt sich dabei um vorgeformte und vorgängig gebrannte «Bausteine»
aus Lehm, die in die Wandung der Esse eingesetzt wurden. Diese Lehmziegel waren im Zentrum mit einem kreisrunden, schräg von oben verlaufenden Loch, der
sogenannten «Windform», versehen und dienten als Ansatzstellen für die Blasebälge. In einem Bereich des Bauplatzes konnte eine rund 50 cm mächtige Schichtabfolge gefasst werden, die deutlich macht, dass der Platz in rascher Abfolge
unterschiedlich genutzt wurde. Dabei sind die verschiedenen Nutzungsphasen deutlich durch lehmig-kiesige Planieschichten voneinander getrennt. Der Platz war
mittels einer Balkenkonstruktion vom angrenzenden Mörtelmischplatz abgetrennt und diente abwechslungsweise als Lagerplatz für feingestampften Ziegelbruch
(sogenannten «Ziegelschrot») und als Werkplatz zum Zusägen von Kalktuffsteinen für die Tonnengewölbe der Eingangskorridore. Der Ziegelschrot fand vor allem als
Zuschlag im Mörtel Verwendung, da er die Abbindeeigenschaften des einfachen Kalkmörtels verbesserte. Während im einfachen Kalksteinmauerwerk des Theaters,
abgesehen von Reparaturen, kein ziegelschrothaltiger Mörtel feststellbar ist, fand er beim Aufbau der Tuffsteingewölbe durchwegs Verwendung, wohl um eine solide
Bauweise der Gewölbekonstruktionen zu gewährleisten.

Emailfibel des 2. Jh. n.Chr. in Form einer Amphore. Gefunden im Abbruchschutt des Amphitheaters. Höhe 3,7 cm

Mörtelmischplatz aus der Bauzeit des jüngeren szenischen Theaters. Die Interpretation des den Mischplatz durchquerenden Kanälchens ist noch unklar

Düsenziegel einer Schmiede-Esse vom Bauplatz des jüngeren szenischen Theaters. Die Ansatzstelle für den Blasebalg, die sogenannte «Windform», ist noch partiell
erhalten

Schematischer Schnitt durch eine einfache Schmiede-Esse.
1 Schutzmauer aus Lehm
2 Düsenziegel
3 verschlackte Stirnseite
4 Windform
5 Kalottenschlacke
6 Holzkohle
7 Blasebalg

Profilschnitt durch die Bauhorizonte des jüngeren szenischen Theaters. Die Abfälle der verschiedenen Bautätigkeiten haben in dieser Zone nur wenige Zentimeter
dicke Schichten hinterlassen
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| Ausschnitt (26 cm hoch) aus der Profilsequenz durch den Bauplatz des jüngeren szenischen Theaters. 1 Ziegelschrot, Reste eines Materialdepots 2 ausplanierte aschehaltige Schicht, an der Oberkante ein Gehniveau 3 Tuffsteinmehl, Werkabfall vom Zusägen der Gewölbesteine 4 ausplanierter Kies, Gehniveau in Zusammenhang mit der Tuffsteinbearbeitung 6 ausplaniertes Aushubmaterial 7 Ziegelschrot, Reste eines Materialdepots |
Thomas Hufschmid
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