Als Hauptort der im Jahre 44 v.Chr. vom römischen Statthalter Lucius Munatius Plancus ins Leben gerufenen Colonia Raurica nahm Augst bereits früh eine wichtige
Stellung in den von den Römern eingerichteten nordalpinen Provinzen ein. Mit der Eroberung Germaniens geriet Augusta Raurica schon bald aus der unruhigen
Grenzzone und konnte sich rasch zu einer beachtlichen antiken Metropole entwickeln. Als solche nahm sie im Netz der Nordprovinzen zunehmend eine oekonomisch
und politisch wichtige Stellung im Römischen Reich ein. Hier spielte sich das religiöse Leben ab, hier wurden Handelsgüter verkauft und Waren für den Export ins
römische Reich verschifft. Magistraten, Händler und Reisende auf dem Weg in die germanischen Provinzen nächtigten in den Rasthäusern (mansiones) von Augst. Anhand der zahlreichen, bemerkenswert erhaltenen Bauwerke, vornehmlich aber dem grosszügig angelegten Forum und dem repräsentativ ausgebauten Theater,
lässt sich die Bedeutung der Stadt ermessen. Gerade die gewaltigen Dimensionen des Theaters, das etwa 10'000 Personen Platz bot, lassen erkennen, dass wir es
hier beileibe nicht mit einem unbedeutenden Provinzstädtchen zu tun haben. Allein schon die Existenz eines Theaters lässt aufhorchen, denn so häufig diese Bauten
in Italien und in den östlichen Provinzen des römischen Imperiums anzutreffen sind, so selten finden sie sich im Gebiet nördlich der Alpen. Innerhalb dieser wenigen
Exemplare sticht das Augster Theater nicht zuletzt auch seiner bemerkenswerten Dimensionen wegen ins Auge. Von den «klassischen Theatern» Italiens und der
südlichen Provinzen unterscheidet es sich architektonisch gesehen in etlichen Punkten massiv. In seiner Ausprägung gehört es dem so genannten «gallo-römischen»
Typ an, der in etlichen Punkten massgeblich von den Traditionen der indigenen keltischen Bevölkerung geprägt ist. Der desolate Erhaltungszustand der meisten
dieser «gallo-römischen Theater» verleiht der Bedeutung des Augster Theaters zusätzlichen Gehalt, da es als besterhaltener Bau dieses Typs noch viele der Fragen
zu beantworten vermag, über die andernorts keinerlei Aufschlüsse mehr zu gewinnen sind. Die Tatsache, dass das Theater von Augusta Raurica um so vieles besser erhalten ist als die übrigen Theaterbauten nördlich der Alpen, ist u.a. auch den seriösen
und damals recht kostspieligen Konsolidierungsarbeiten Karl Stehlins zu verdanken. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben Stehlin und seine Zeitgenossen die
Bedeutung des Bauwerks und die damit verbundene Notwendigkeit seiner Erhaltung erkannt. Nach zum Teil über hundert Jahren haben diese frühen Sanierungen
ihren Zweck erfüllt und bedürfen dringend einer Erneuerung. Aufgrund der bemerkenswert umfangreich erhaltenen Originalsubstanz und der Bedeutung für die römische Geschichte nicht nur der Schweiz, sondern des ganzen
gallo-römischen Gebietes, stellt die Sanierung des Theaters eine gesamteuropäische Verpflichtung dar. Zu dieser kulturhistorischen Verantwortung, die das Augster Theater als ein Monument unserer Geschichte und somit auch unserer Identität ausweist, gesellt sich die
Bedeutung des Bauwerks als "Vermittler" zwischen vergangener und gegenwärtiger Kultur. Nicht nur Jazz- und Rockkonzerte, sondern auch Aufführungen antiker
Bühnenstücke in originalem Ambiente haben in Augst bereits Tradition. Und zweifellos bewirkt die "Vermittlung" von antiker Literatur innerhalb der ursprünglich dafür
geschaffenen Mauern ein tieferes Verständnis für die Vielfalt des kulturellen Erbes als die Lektüre im nüchternen Klassenzimmer.
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Home Augusta Raurica || Übersicht Theatersanierung
Das römische Theater von Augst - eine Abfolge von drei verschiedenen Bauten

Sanierungsarbeiten im Südaditus unter der Leitung von K. Stehlin im Jahre 1934: Erste Versuche mit Zementinjektionen durch die Firma Fehlmann aus Bern

Sanierungsarbeiten an der nördlichen Caveaabschlussmauer unter der Leitung von R. Laur-Belart im Jahre 1938
| - | Drei zu verschiedenen Zeiten übereinander gebaute Theater, davon eines ein Amphitheater. |
| - | Heutiger Zustand geht auf Steinraub in der Spätantike und der frühen Neuzeit zurück. |
| - | Erste Ausgrabungen bereits im späten 16. Jh. durch Basler Humanisten. |
| - | Umfassende Ausgrabungen und Konservierungsmassnahmen fanden zu Beginn des 20. Jh. statt; letztere bedürfen - nach rund 100 Jahren - dringend einer Erneuerung. |
Erstes wissenschaftliches Interesse erfährt die Theaterruine bereits in der Renaissance, als sie in den Jahren 1582-1585 Schauplatz der ersten methodischen Grabungen nördlich der Alpen wird. Basilius Amerbach, ein Basler Gelehrter, vermisst die freigelegten Mauerpartien und erkennt alsbald, dass es sich dabei um die Überreste eines antiken Theaterbaus handeln muss. Seine Originalpläne werden noch heute von der Universitätsbibliothek in Basel als kostbare Dokumente verwahrt.
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| Erster Grundrissplan des Augster Theaters aus dem Jahre 1590, angefertigt von Basilius Amerbach und dem Kunstmaler Hans Bock d. Älteren |
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| Phantasievoller Rekonstruktionsversuch des Theaters aus dem späten 17. Jahrhundert. Erschienen 1674 in den «Relations historiques» von Charles Patin |
Im Jahre 1884 erhält die heutige Besitzerin, die Historische und Antiquarische Gesellschaft zu Basel (HAGB), das Theatergrundstück als Schenkung. Hiermit fällt der Startschuss für die moderne Erforschung des Bauwerks, das im Verlaufe der folgenden Jahrzehnte vollständig freigelegt wird. Noch während den Ausgrabungen erfolgen umfassende Konservierungsmassnahmen durch den Basler Juristen und Altertumsforscher K. Stehlin. Ab den 1930er Jahren werden die Arbeiten durch R. Laur-Belart weitergeführt.
Chronologischer Abriss zu den drei Augster Theatern:
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| Phasenplan des Augster Theaters (Stand 1999) |
| 1. Hälfte 1. Jh. n.Chr. | - Zivile Wohn- und Gewerbebauten - Noch kein Theater in Augusta Raurica |
| um 70/80 n.Chr. | - Flavischer Ausbau von Augusta Raurica - Bau des Älteren Szenischen Theaters (1. Bauperiode) |
| um 100/110 n.Chr. | - Bau des älteren Amphitheaters (2. Bauperiode), entstanden nach Abbruch des Älteren Szenischen Theaters |
| um 170/200 n.Chr. | - Zweiter «Bauboom» in Augusta Raurica - Bau des Jüngeren szenisches Theaters (3. Bauperiode), entstanden nach Abbruch des Amphitheaters. Platz für ca. 10'000 Personen |
| um 250 n.Chr.? | - Zerstörung des Jüngeren Szenischen Theaters durch ein Erdbeben(?) und anschliessenden Steinraub |
| nach 250 n.Chr. | - Wiederaufbau zerstörter Teile des Jüngeren Szenischen Theaters |
| frühes 4. Jh. n.Chr. | - Endgültige Zerstörung des Jüngeren Szenischen Theaters und Steinraub zum Bau des am Rhein gelegenen Kastells Kaiseraugst |
| Mittelalter/frühe Neuzeit | - Zeitweise Ruine als Steinbruch verwendet |
| - | Bereits seit den 1980er Jahren sind gravierende Schäden feststellbar, die sich bis zum Zeitpunkt der Sanierung (ab 1992) stetig verschärft haben. |
| - | Die Zunahme der schadhaften Stellen und der damit verbundene Zerfall der Ruine gingen in erschreckend raschem Tempo vonstatten. |
| - | Risse im Mauerwerk und abgelöste Mauerschalen zeigten sich vielerorts als Vorboten drohender Einstürze. |
| - | Die geschwächten Mauerpartien führten zu einer allmählichen statischen Destabilisierung des gesamten Bauwerks. |
| - | Der Grossteil der Ruine wurde vor gut hundert Jahren saniert; diese alten Konsolidierungsmassnahmen verlangten dringend eine Erneuerung. |
Bereits um 1985 waren gravierende Schäden an der Theaterruine feststellbar. Betroffen waren zumeist alte Restaurierungen aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts, in sehr vielen Fällen aber auch die antike Originalsubstanz!
Die bei den frühesten Konservierungen, vor rund hundert Jahren, grossflächig angebrachten Zementabdeckungen auf den Bruchsteinmauern waren im Laufe der Jahrzehnte rissig geworden und liessen Regenwasser in die Mauerkerne eindringen. Dieses konnte durch die mit Portlandzement verstrichenen Mauerfugen nicht mehr austreten. Einem Schwamm gleich sogen sich die Mauern allmählich mit Wasser voll. Gefror das Wasser im Winter, kam es zu Frostsprengungen im Bereich der Mauerschalen und zu deren allmählichen Ablösung vom Mauerkern. Die Folgen waren Risse im Mauerwerk und ausbauchende oder sogar abstürzende Mauerschalen, die zu einer zunehmenden statischen Destabilisierung des gesamten Bauwerks geführt haben.
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| Südaditus, Aussenfassade, Zustand im Jahre 1992, vor Beginn der Restaurierungsarbeiten |
Durch Salzauswaschungen aus dem bei früheren Restaurierungen verwendeten Portlandzement kam es bei verschiedenen originalen Sandstein- und Mauerteilen zu massiven Ausblühungen schädigender Salze. In der Folge begann der Sandstein langsam zu zerfallen, und der originale Kalkmörtel löste sich allmählich auf.
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| Südostvomitorium, antikes Mauerwerk mit originalem, rot bemaltem Fugenstrich und Salzausblühungen aus dem Zement älterer Restaurierungen |
Auch die unkontrolliert wuchernde Vegetation hat durch ihr Wurzelwachstum an vielen Stellen zur Zerstörung von Mauerwerk beigetragen.
Ein grosses Sicherheitsrisiko bot die noch aus dem Jahre 1898 stammende Betonunterfangung der so genannten «Diazomamauer». Die Tragfähigkeit dieser Betonkonstruktion war auf Dauer nicht mehr gewährleistet! Der Einsturz der Mauer hätte eine Zerstörung der gesamten oberen Sitzstufenränge mit sich gezogen.
Bereits im Mai 1988 befanden sich gewisse Partien der Ruine in so schlechtem Zustand, dass sie für die Öffentlichkeit geschlossen werden mussten. Regelmässige Begehungen und Kontrollen während der ersten Sanierungsetappe (1992-1994) zeigten schliesslich, dass der Zerfall in einem unerwartet raschen Tempo vor sich ging. Ohne die laufende Gesamtsanierung hätte in kurzer Zeit der Einsturz einzelner Mauerpartien zu irreparablen Schäden und zu unwiederbringlichen archäologischen Verlusten geführt, wobei dann die gestörte Statik der Ruine einem weiteren Zerfall Vorschub leistete.
| - | Ziel der Arbeiten ist eine umfassende Sanierung der gesamten Theateranlage, ohne dass dabei der Gesamteindruck der Ruine zerstört wird. |
| - | Nach Beendigung der Sanierungsarbeiten benötigt der Bau permanenten Unterhalt. |
Ziel der Arbeiten ist eine umfassende Sanierung der gesamten Theateranlage, womit wieder sämtliche Bereiche der Ruine sicher, für die Öffentlichkeit zugänglich und auch nutzbar gemacht werden. Dabei stehen aber Schutz und Erhaltung des Originals an erster Stelle. Sämtliche Eingriffe am Bau werden auf ihre Verträglichkeit für die Ruine hin überprüft. Im Interesse einer dauerhaften Sanierung richtet sich die Wahl der Materialien in erster Linie nach den Bedürfnissen des Monumentes. Der Zustand des Mauerwerks ist an vielen Stellen bereits derart bedrohlich, dass mit Sicherungsmassnahmen in Form von einfachen Abstützungen der Situation nicht mehr beizukommen ist. Wo aus statischen Gründen Sicherungen, Abstützungen oder Ergänzungen nötig sind, werden diese daher so gestaltet, dass sie den Gesamteindruck der Ruine nicht zerstören.
Nach Beendigung der Sanierungsarbeiten muss der Bau permanent unterhalten werden. Durch eine sowohl personell wie auch finanziell gesicherte Dauerpflege durch den Augster Ruinendienst lassen sich zukünftige, kostspielige Gesamtsanierungen vermeiden.
| - | Die ursprüngliche Bestimmung des Theaters soll erhalten bleiben; d.h. das Theater soll als Veranstaltungsort für Bühnenaufführungen, Konzerte etc. wieder attrativ werden (unter entsprechender Rücksichtnahme auf die antike Originalsubstanz). |
Anstelle von 1:1-Rekonstruktionen an der Ruine selbst wird eine umfassende Präsentation der Forschungsergebnisse mittels Modellen und Rekonstruktionszeichnungen vorgezogen. In Erwägung zu ziehen ist eine kleine permanente Ausstellung, die in einem Informationspavillon vor Ort untergebracht werden soll. Gleichzeitig übernimmt auch die geplante Abschlusspublikation Präsentationsaufgaben.
Seit jeher dient die Theaterruine als Austragungsort einer breiten Palette kultureller und gesellschaftlicher Veranstaltungen und besitzt somit eine Nutzungskontinuität seit der Antike. Als attraktiver und bei der Bevölkerung beliebter Veranstaltungsort darf das Theater daher nicht einfach zu einem «Museumsobjekt» degradiert werden, sondern soll seine in der Antike definierte Bestimmung als «Kulturforum» weiterhin behalten. Wo immer möglich und für die Ruine tragbar, wird daher die Infrastruktur für eine verbesserte Nutzung geschaffen. Nebst den Augusta Konzerten und dem aus den 1980er Jahren bekannten Jazzfestival könnten dann vermehrt wieder Theateraufführungen und weitere Konzerte stattfinden. Durch die Wiederherstellung des unteren Zuschauerranges wird nicht nur die Akkustik verbessert, sondern auch die Sitzplatzkapazität erweitert, so dass im Endeffekt ca. 3500 Personen in der sanierten Theaterruine Platz finden. Daher muss auch für eine optimale Beleuchtung sowohl der Zugänge als auch des Bühnenbereichs gesorgt werden.
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| Antike Maskenspiele im Augster Theater |
Durch die Wiederherstellung einiger weniger, in römischer Zeit einmal vorhandener Zugänge (z.B. des südl. Treppenhauses und der «Cavea-Treppen») entsteht ein verbessertes Zirkulationssystem, das gleichzeitig auch didaktischen Wert besitzt.
Thomas Hufschmid und Alex R. Furger
siehe auch:
- Das römische Theater von Augst - Archäologie und Bauforschung
- Das römische Theater von Augst - Sanierungsprojekt