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Das römische Theater von Augst - Sanierungsprojekt
 
 

Planung und Arbeitsvoraussetzungen

Restaurieren ist immer eine Aufgabe mit vielen Unbekannten, die sich oft erst während der laufenden Arbeiten zu erkennen geben. Für einen erfolgreichen Abschluss jeglicher Restaurierungsarbeiten ist daher die Flexibilität des mit der Ausführung beauftragten Teams von grösster Wichtigkeit. Da die Sanierung des Augster Theaters gleichermassen ein archäologisches wie auch ein Bauprojekt darstellt, ist eine enge Zusammenarbeit von Spezialisten verschiedener Bereiche unbedingte Voraussetzung. Ohne eine koordinierte Vernetzung von Bauhandwerk, Archäologie, Bauforschung und Restaurierung auf allen Gebieten ist eine seriöse, den heutigen Ansprüchen gerecht werdende Sanierung ausgeschlossen.



Konzept für die Gesamtsanierung (kurze Umschreibung der Massnahmen)

Im Sinne einer dauerhaften Sanierung werden beschädigte Mauersteine älterer Restaurierungen in der Regel durch neue ersetzt. Handelt es sich bei den schadhaften Stellen jedoch um antike Originalsubstanz, so wird versucht, diese mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu erhalten. Um einen optimalen Schutz zu gewährleisten, werden die Mauerkronen über dem antiken Mauerkern ausserdem mit einer speziellen Isolationsschicht versehen (Abdichtung gegen Meteorwasser). Die einsturzgefährdeten Vomitorien (Zugänge) werden mittels moderner Maueranker gesichert; das sog. Mittelvomitorium wird bis auf die Höhe des letzten Gehniveaus aufgefüllt. Die Betonüberwölbung des «Südvomitoriums» wird gegen eintretendes Sickerwasser abgedichtet. Der Druck auf die statisch stark gefährdeten Umfassungsmauern wird durch ein Aufhöhen der antiken Stützpfeiler und ein teilweises Anfüllen von Erdmaterial abgefangen.

Zum Schutz der Überreste der älteren Theaterbauten werden diese zugedeckt und darüber der unterste Sitzstufenrang des Jüngeren Szenischen Theaters in ruinenverträglicher Form wiederhergestellt. Die Gesamtheit der positiven Aspekte rechtfertigt den Eingriff und die Tatsache, dass dabei Originalsubstanz von den Auffüllungen wieder verdeckt wird. Der Baumbewuchs der Ruine bleibt bestehen; lediglich an gewissen Stellen müssen unter fachlicher Beratung gezielt einzelne kranke Bäume entfernt werden.

Zu Gunsten einer besseren Übersichtlichkeit wurde das gesamte Theater in verschiedene Teilbereiche unterteilt, die gleichzeitig auch die verschiedenen Sanierungabschnitte bezeichnen.



Im Zerfall begriffene und schadhafte Mauern

Viele der verbauten Kalkstein-Handquader erscheinen gegen aussen noch intakt, weisen aber bei näherer Untersuchung eine Unzahl von Haarrissen auf, die innerhalb von wenigen Jahren zu einem Zerfall des Steines führen können. Im Interesse einer dauerhaften Sanierung ist es nötig, alle diese schadhaften Mauersteine zu ersetzen. Betroffen sind vor allem Bausteine der zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Schutz des antiken Kerns erneuerten Mauerschalen. In diesen Fällen ist ein vollständiger Ersatz der ohnehin schon modernen Mauerschale die längerfristig gesehen günstigste Lösung. Problematischer ist die Situation bei den noch erhaltenen antiken Mauerschalen. Wenn immer möglich soll hier der jetzige Bestand mit allen zur Verfügung stehenden restauratorischen Mitteln erhalten werden; bei einigen bereits stark geschädigten Stellen ist allerdings ein Verlust von originaler Substanz trotz allem unvermeidbar. Zur Sicherung besonders gefährdeter Mauerpartien werden ausserdem Maueranker aus Glasfaser, wie sie für den Tunnelbau entwickelt worden sind, verwendet.

Konstruktions-Schema der Maueranker


Die Glasfaser-Maueranker mit schwarzer Kunststoff-Mutter, Kalkstein-Muffe und - hier noch nicht erfolgter - Handquader-Verblendung

Nebst der Sanierung der Mauerschalen kommt vor allem der Isolation und Abdeckung der römischen Mauerkronen eine wichtige Bedeutung zu. Um ein weiteres Eindringen von schädigendem Regenwasser in den Mauerkörper zu verhindern, wird die blossgelegte Mauerkrone durch eine dampfdiffusionsfähige Isolationsschicht (bestehend aus kunststoffmodifiziertem Mörtel) abgedichtet. Darüber folgt zum Schutz und aus Gründen der Optik eine Deckschicht aus Kalksteinen.

Unter Frosteinfluss vollständig zerstörter originaler Handquader aus Muschelkalk


Aufbringen der dampfdiffusionsfähigen Abdeckschicht aus kunststoffmodifiziertem Mörtel. Die Schicht dient dem Schutz gegen eindringendes Meteorwasser, sie wird am Schluss mit einer aus Kalkbruchsteinen gemauerten Abdeckung überdeckt


«Vomitorien» (antike Zugänge zu den Sitzplätzen)

Aufwändig sind die Arbeiten in den sogenannten «Vomitorien», die z.T. tief in den Hang hineingebaut sind. Durch den Erddruck, der hier auf die Seitenwände wirkt, besteht an manchen Stellen Einsturzgefahr. Unter dem Gehniveau eingebaute Betonriegel sollen hier für eine Verspriessung sorgen, die dem Erddruck entgegenwirkt.

Einfachere Massnahmen sind im «Mittelvomitorium» geplant. Auch hier sind die hoch erhaltenen Seitenwände durch den Druck ihrer Hinterfüllung gefährdet. Mit einer Verfüllung des «Vomitoriums» bis auf die Höhe des letzten Gehniveaus des Jüngeren Szenischen Theaters soll dem Erddruck entgegengewirkt werden.

Die in diesem «Vomitorium» verlaufende antike Treppe, die zu einer früheren Bauphase gehört, wird durch diese Verfüllung zwar verdeckt, gleichzeitig aber ihre Substanz auch optimal geschützt. Vom ursprünglichen Konzept, das eine Zugänglichkeit der Treppe mittels eines abgedeckten Einstiegschachts vorsah, musste aus finanziellen und restauratorischen Gründen abgesehen werden.



Sanierung der Betontonne des «Südostvomitoriums»

Grosse Probleme bietet die im Jahre 1939 eingebaute Betonüberwölbung des «Südostvomitoriums». Durch Sickerwasser werden hier in grösseren Mengen Salze ausgewaschen, die bereits zu erheblichen Schäden an der darunterliegenden Originalsubstanz geführt haben. Ein Abbruch der Betontonne würde die darunterliegende Mauersubstanz massiv beschädigen und wäre finanziell kaum tragbar. Es wurde daher beschlossen, das Betongewölbe von oben her freizulegen und abzudichten. Parallel dazu müssen der noch grossflächig erhaltene, originale, rot bemalte Fugenstrich und die durch Salz geschädigten Mauerpartien entsalzt werden.



«Umfassungsmauern»

Die Ostseite des Augster Theaters ist in einen natürlichen Abhang hineingebaut, so dass die hier gelegenen Mauerpartien relativ gut geschützt sind. Problematisch ist die Situation hingegen im NW- und im SW-Bereich. Da hier die Mauern sehr weit über das Terrain hinausragen, errichtete man bereits in römischer Zeit massive Stützpfeiler. In spätantiker und mittelalterlicher Zeit wurden diese Pfeiler teilweise abgebrochen, so dass heute eine Abstützung der hier recht hoch erhaltenen Umfassungsmauer fehlt. Zur Sicherung des Mauerwerks sind heute in jedem Fall wieder Stützen notwendig. Durch Aufhöhen der antiken Stützpfeiler und teilweises Anfüllen des durch frühere Grabungen abgetieften Terrains liessen sich diese Partien am effizientesten sichern.

Die Anfüllungen haben ausserdem den Vorteil, dass dadurch gut erhaltene antike Mauerschalen zugedeckt werden, was längerfristig gesehen die beste Konservierung für das antike Mauerwerk darstellt!



Wiederherstellung des untersten Sitzstufenranges des Jüngeren Szenischen Theaters

Der gesamte Bereich des untersten Sitzstufenranges wird bis auf das Niveau der letzten Benutzungsphase des Theaters angefüllt. Die Überreste der älteren Theaterbauten, die als Resultat früherer Grabungen im 20. Jahrhundert sichtbar waren, werden dabei zugedeckt und somit vor weiterem Zerfall effizient geschützt. In die Oberfläche dieser Verfüllung werden in ruinenverträglicher Form die Sitzstufen und Treppenläufe des untersten Zuschauerranges integriert und so den künftigen Besuchern die Gesamtform des letzten Theaterbaus wieder deutlich vor Augen geführt. Damit diese «Rekonstruktionen» auch nach Jahren, wenn die neuen Buntsandsteinelemente dunkel patiniert sind, nicht als antik angesehen werden, haben sich die für den Bau Verantwortlichen zusammen mit den beigezogenen Denkmalpflege-Experten zu einer Konstruktion mit modernen Drahtkörben entschlossen. Dank des Einsatzes von rotem Sandstein (dem antiken Baumaterial der Sitzstufen) in und auf den Sitzstufenkörben wird aus Distanz dennoch der formale und farbliche Eindruck des römerzeitlichen Zustandes wiedergegeben.

In Anbetracht der verschiedenen Vorteile dieser Aufschüttung lässt sich der Eingriff, den eine solche Wiederherstellung darstellt, rechtfertigen. Nebst einem optimalen Schutz der darunterliegenden Mauerpartien werden damit die Sitzplatzkapazität und wohl auch die Akkustik beträchtlich verbessert und die Gesamtform des Theaters verständlicher gemacht. Ausserdem lässt sich eine beträchtliche Senkung der Sanierungskosten erwirken, da sich eine kostspielige Sanierung der ausgedehnten Mauerzüge der älteren Theaterbauten in diesem Bereich erübrigt.

Moderne Sitzstufenkonstruktion, konstruktiver Aufbau:
1
Drahtgitterkorb, verzinkt
2
Grober Fräsabschnitt aus Kalkstein zum beschweren und fixieren des Korbes während dem Aufbau, hinterste Lage der Korbfüllung
3
Granitschotter und -splitt als Feinkomponente der Korbfüllung und Unterlage zum Aufmörteln der Sandsteinplatten
4
Ringfundament aus Zementsteinen und Beton, das hintere Ende des darunterliegenden Korbes ist aus Stabilitätsgründen jeweils in das Betonfundament integriert
5
mittlerer Teil der Korbfüllung, aus Kalkbruchsteinen bestehend
6
Stirn der Korbfüllung, aus geschichteten Buntsandsteinschroppen bestehend
7
Abdeckplatte aus Buntsandstein
8
sickerfähige Splittfüllung zwischen den einzelnen Platten sowie zwischen Korb und Platte
9
modern wiedereingebrachte Aufschüttung des untersten Sitzstufenrangs, bestehend aus bei der Sanierung angefallenem Abbruchschutt und zugeführtem Granitschotter


Detail der modernen Sitzstufenrekonstruktion aus Drahtkörben mit einer Füllung aus Sandsteinschroppen und einer Abdeckung aus Buntsandsteinplatten. Die hohe Mauer im Hintergrund wird nach Abschluss der Arbeiten wie in der Antike von den Stufen verdeckt sein


Bäume

Die Bäume machen einen festen Bestandteil der Theaterruine aus, so dass deren vollständige Abholzung zu einer tief greifenden Veränderung des Ruinencharakters führen würde.

Auch eine vom Botanischen Institut der Universität Basel durchgeführte Untersuchung hat ergeben, dass von einem radikalen Abholzen der Bepflanzung dringend abzuraten ist. Da ein Teil des Baumbestandes «... zur Stabilisierung des gesamten Aufbaus und zur Verhinderung der Erosion beiträgt ...», wurde lediglich ein beschränktes Entfernen von primär kranken bzw. das antike Mauerwerk durchwurzelnden Bäumen gezielt und unter fachlicher Beratung vorgenommen.

Das Augster Theater zu Beginn der aktuellen Restaurierungsarbeiten. Die oberen Sitzstufenränge weisen noch üppigen, für das Monument zum Teil schädlichen Baumbewuchs auf

Thomas Hufschmid

weiter zu:
- Das römische Theater von Augst - Eine Abfolge von drei verschiedenen Bauten
- Das römische Theater von Augst - Archäologie und Bauforschung


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